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Full text of "Beiträge zur Geschichte und Topographie Kleinasiens(ephesos, Pergamon, Smyrna, Sardes) in ..."

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Beiträge 



zur Geschichte und Topographie Kleinasiens 

(Ephesos , Pergamon , Sinyriia , Sardes) 



in Verbindung mit den Herrn 



Major Regely, Baurath Adler, Dr. Hirschfeld und Dr. Geizer 



herausgegeben 



von 



Ernst Curtius, 



Aus den Abhandlungen der Königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin 1872. 



Berlin. 

Buchdruckerei der Königlichen Akademie der Wissenschaften (G. Vogtj. 

Uiiiversitätsstrasse 8. 

1872. 



In Commission bei F. Dümmler^s Verlag8-Buehhandlung. 

(Harrwitx und Gossraann.) 



Das vorliegende Heft enth&lt die Ergebnisse unserer im Herbst 1871 (vom 
14. September bis zam 7. Oktober) von Smyrna aus gemachten topographischen Arbeiten, 
welche der Akademie am 25. Januar und am 6. Mai vorgelegt worden sind. 

Die Seitenzahl bezeichnet die laufende Pagina des Jahrgangs 1872 in den Ab- 
handlungen der philosophisch-historischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissen- 
schaften. 



Uie Stadtlage von Ephesos ist von der aller übrigen Städte loniens 
wesentlich verschieden.* Denn mit Ausnahme von Myus, der froh unter- 
gegangenen Zwölfstadt, ist Ephesos die einzige, welche keine offene 
Küstenlage hat. Vielmehr ist ihr Stadtgebiet vom Meere getrennt und 
zwar durch ein hohes, unwegsames Felsgebirge, das von der Bucht von 
Scala-Nuova landeinwärts streicht und dann fast in rechtem Winkel um- 
biegend einen bis gegen 1300 Fufs hohen Felsrücken bildet, der in gerader 
Linie von SO. nach NW. auf den Kaystros zuläuft. Sein letzter Ausläufer 
bildet eine besondere Felshöhe, die durch einen tiefen Sattel mit dem 
Hauptrücken zusammenhängt und mit steilen Wänden unmittelbar zur 
Flufsniederung abfällt; sie ist durch die wohl erhaltenen Überreste eines 
antiken Befestigungsthurms , welche auf ihrem Gipfel stehen, weithin 
gekennzeichnet; es ist derselbe Thurm, dem die Legende den Namen des 
St. Paul - Gefängnisses gegeben hat. Das ganze Gebirge vom Meer bis 
zur Eaystrosmündung hiefs bei den Alten Eoressos. So erklärt es sich, 
dafs es auch einen Hafenplatz dieses Namens gab, wo die lonier lande- 
ten, um den Marsch über Ephesos nach Sardes anzutreten, und einen 
Gipfel desselben Namens, dessen Entfernung von der Stadt auf 40 Stadien 
angegeben wird^). 

Der Eoressos im engern Sinne, wie er auf der beifolgenden Plan- 
skizze von Ephesos dargestellt ist, bildet die westliche Schranke des alten 



>) Herod. V, 100. Diodor. XIV, 99. 
ÄbL der philos.'histor. Kl. 187 2. Nr. 1. 



Stadtlokals, während er im Osten mit einem um die Hälfte niedrigeren 
Berge in Zusammenhang steht, welcher auf einer fast kreisrunden Basis 
zu mehi-eren Gipfeln ansteigt. 

Das ist der Berg, dessen bekannteste Merkwürdigkeit jetzt die an 
seinem Ostrande gelegene ' Grotte der Siebenschläfer' ist. Sein alter Name 
ist nicht mit Sicherheit Überliefert. Wir wissen nur, dafs der SOdrand 
AeTTf^ ircrvi genannt wurde; der Name des ganzen Bergs scheint nlwv ge- 
wesen zu sein^). 

Eoressos und Pion haben einen sehr verschiedenen Charakter. 
Während jener bis zu seinem letzten Ausläufer hin einförmig, unwegsam, 
nach beiden Seiten schroff und nur bei künstlicher Terrassirung bewohn- 
bar ist, hat der Pion eine sehr mannigfaltige Gliederung. Oben ist er 
mit Felsrändern umgeben, welche durch Steinbrüche zu scharfen Kanten 
und steilen Wänden abgeschrofft sind (daher der Name XsTF^vi aKTri)^ unter- 
wärts breitet er sich in milden, erdreichen Abhängen aus, deren Frucht- 
barkeit in dem Namen Hiwv angedeutet zu sein scheint. Pausanias fQhrt 
unter den Merkwürdigkeiten loniens die Naturbeschaffenheit des Bergs 
Pion an, ohne näheren Aufschlufs zu geben. Vielleicht läfst sich aus 
ephesichen Münzen die Andeutung des Periegeten ergänzen. Denn wenn 
auf einer Reihe von Kaisermünzen 2) der Berg mit Namens Beischrift so 
dargestellt ist, dafs auf seinem Gipfel Zeus sitzend in der Linken den 
Blitz hält, während er mit der Rechten Regen ausgiefst, so läfst sich 
daraus entnehmen, dafs auf der Höhe ein berühmter Dienst des Zeus 
Hyetios seinen Sitz hatte und dafs sie als eine besondere Stätte seines 



^) Paus. VII, 5. 10: roC Ulovof o^ov? vi (pvTig. Salm. Ufltavog und ebenso hat Kramer bei 
Strabo 633 nach Gaeaubonus geschrieben: htäXuro Astr^ yx^ ojm} o IT^iwi' o CrrEOHitfAsvoc^ 
T^p ¥v» WXsou?. Aber die Handschriften haben U^ftov und Strabo scheint dies Wort hier 
als Appellativom verstanden zu haben im Sinne eines vorspringenden Berges (vgL v^euu, 
TT^ov^Btuu, TTfwv, TT^wwtf), Ob dcr Name Prion * Sägeberg', der in Sardes sehr passend 
war und auch in Kos (serrated ridge of mountains: Newton Halic. p. 695 jemals dem 
ephesischen Berge eigen war, ist durchaus zweifelhaft. Ao(pot iravroStsv o^ug ota vgtovss 
(App. Illyr. 25) sind hier auch nicht nachzuweisen. 

') Mionnet Suppl. VI, n. 413 HEIfiN als Anspielung auf Antoninus Pios mit Eckhel 
zu nehmen wird jetzt wohl Niemand mehr einfallen. Das Richtige wies Hase nach bei 
Mionnet (N. 145: flElOC nach Yaillant Dieselbe Form auf pergamenischen Münzen bei 
Eckhel ist falsche Lesart statt ^l?jog). 



Segens bekannt war. Wir wissen ja, wie genau die Alten auch nahe 
zusammenliegende Orte darnach unterschieden, ob es daselbst viel oder 
wenig regne und wie gewisse Höhen in dem Rufe standen, dais auf ihnen 
am besten Abhilfe der Dürre erlangt werden könne. Reiche Vegetation 
bezeugen die auf den Münzen sichtbaren Cypressen, innere Feuchtig- 
keit die aus einzelnen Felsspalten ausströmende lauwarme, feuchte Luft. 
Eine solche Erdspalte, 3 Fuis lang und einen halben Fuis breit findet 
sich unweit des Theaters. 

Eoressos und Pion umfassen eine doppelte Niederung, die eine 
nördlich von dem Sattel, welcher die beiden Berge verbindet, die andere 
südlich. Jene ö&et sich weit zum Eaystros, diese ist von den Abhän- 
gen des Eoressos und Pion wie ein Thalgrund umschlossen. Während 
also der Eoressos Eüsten- und Binnenland scheidet, trennt der Pion 
FluiSs- und Berg- oder Vorder- und Hinterseite des Stadtlokals. Daher 
hieis die vom Eaystros abgekehrte und abgelegene Südseite des Pion 
Opistholepria und das hier gelegene Gymnasium konnte das *am Eo- 
ressos' genannt werden, weil die Wurzeln desselben hier näher heran- 
treten. Man nannte den südöstlichen Theil des Eoressos mit besondern 
Namen Tja%6ia^). 

Die doppelte Stadtseite tritt auch bei dem Berichte von Thrasyllos 
Angriff (409 v. Chr.) recht deutlich hervor, der von demselben Eüsten- 
punkte, wo hundert Jahre früher die ionischen Truppen gelandet waren, 
mit seinen HopHten aufbrach, um die stadtbeherrschenden Höhen des 
Eoressos zu besetzen, während Reiterei und leichtes Fu&volk vom Eay- 
stros aus gegen Ephesos vorgingen, um beide Stadthälften durch gleich- 
zeitigen Angriff in Verwirrung zu setzen^). Man sieht, wie das, was an 
der See geschah, den Ephesiern jenseit der Berge war und ihrer Beob- 
achtung sich entzog. Die Stadt würde einen völlig binnenländischen Cha- 
rakter haben, wenn nicht ein mit dem Meere in Verbindung st^ender 



^) Hipponax bei Strabo 633: wH»t i* oirta-^iv r^^ ^oXffoc iv XfAvgvTp fura^C T^^s/i)? 
re Hat AtTr^rif oHTfjg» Aristides *ls^u>u Xoywv II, a. E. iXovTafAVfv iu rw yvfAuaTm tu! ^oog 

TtU KoMO'Tul, 

3) Diod. Xm, 64. Xeo. Hell 1, 3, 7. 



4 

Hafen künstlich hergestellt wäre, der sich einst noch tiefer, als auf dem 
Plane angegeben ist, zwischen Eoressos und Pion in das Land hineinzog. 

östlich vom Pion dehnt sich eine vollkommen flache, marschartige 
Niederung aus, ebenso breit wie der Querschnitt des Pion, im Osten 
durch einen schroff ansteigenden Felsberg- begränzt, welcher das ver- 
fallene Kastell von Ayassuluk auf seinem Gipfel trägt. 

Dies ist die einzige, naturfeste BurghOhe, ringsum abschüssig und 
schwer zu erklimmen, oben geräumig; die natürliche Warte der Land- 
schaft, wo man vom Durchbruche des Eaystros an die untere Flufsebene 
ganz überschaut; ein Punkt von centraler Bedeutung, voUkommen selbst- 
ständig und ohne Zusammenhang mit Eoressos und Pion, welche ein in 
sich geschlossenes System bilden. Der alte Name des Schlossbergs läfst 
sich nicht bestimmen^). 

Das sind in den Hauptzügen die gegebenen Naturverhältnisse, aber 
nicht die ursprünglichen. 

Die Alten wufsten, dafs die Landanschwemmung, welche die Küsten 
von lonien und Aeolis im Lauf der Zeit verändert hat, am Kaystros in 
besonders grofsartigem MaJse stattgefunden habe und dafs die ganze 
Niederung um Ephesos einst Seeboden gewesen sei. Es ist hier das 
Gleiche geschehen, wie an der Maiandrosmündung, nur mit dem unter- 
schiede, dafs diese in historischer Zeit, die Kaystrosmündung schon in 
vorhistorischer Zeit sich umgestaltet hat. Die Schlammanhäufung hat 
aber ununterbrochen fortgedauert, so dafs Alles, was in der Niederung 
vorhanden war, nur durch Ausgrabungen, die bis auf 20 Fufs hinab- 
gegangen sind, an einzelnen Punkten an das Tageslicht gezogen werden 
konnte, während auf den nackten Felshöhen die Spuren des Alterthums 
sich unverändert erhalten haben. 

Diese zwiefachen Überreste der alten Stadt vollständig aufzuzeichnen 
kann meine Absicht nicht sein, da zusammenhängende Aufgrabungen nicht 
stattgefunden haben» Auch kann man in der Detailkenntnifs des Ruinen- 
feldes nach einem kurzen Besuche natürlich nicht mit dem englischen 



') Wahrscbeinlich beziehen sich darauf, wie auch Ouhl EpheB. p. 5 annimmt, die 
Worte des Procopius de aedif. Y, 1. p. 360: %uif09 ns tr^o T^g *E<psa'lwu HXswg tu o^ltu 
HtljABuog — • oC yYfhotpo9t dyXtt a'M},figog rt ncct rgccf/jug SXwg, 



Architekten wetteifern wollen, welcher auf Veranstaltung des brittischen 
Museums und der society of dilettanti schon im dreizehnten Jahre diesen 
Boden mit einer ruhmwürdigen Unverdrossenheit durchsucht und allein 
die volle Übersicht alles dessen besitzt, was bei den Nachgrabungen all- 
mählig zu Tage gefördert und zum grofsen Theile schon nach England 
geschaflft worden ist. Ihm bleibt die Aufgabe einer Geschichte seiner 
Nachgrabungen und einer vollständigen Darstellung der ephesischen Alter- 
thümer unverkürzt. 

Seitdem aber alle früheren Funde durch die endlich gelungene 
Auffindung des Artemistempels verdunkelt worden sind, erschien es auch 
bei kurzem Aufenthalte als unabweisliche Pflicht, von dem Stadtboden 
der Ephesier, dessen Eenntnifs die empfindlichste Lücke hatte, eine sorg- 
fältige Aufnahme herzustellen, und sie wird um so willkommener sein, 
da die Aufinerksamkeit der gebildeten Welt jetzt mehr als je dem Boden 
von Ephesos zugewendet ist. Die Ausgrabungen daselbst werden jetzt 
erst ihre volle Wichtigkeit erhalten, und deshalb erscheint, bis von an- 
derer Seite ein umfassender Situationsplan sämmüicher Ruinen veranstaltet 
wird, die Vorlage eines von allen falschen Hypothesen befreiten und we- 
sentlich bereicherten Stadtplans als ein unabweisliches Bedürfnifs. Denn 
jetzt erst ist es möglich, sich auf dem Boden von Ephesos zu orientiren, 
einem Boden, welcher fttr alle Culturgeschichte eine unvergleichliche Be- 
deutung hat, weil attisches Staatswesen und asiatisches Priesterthum hier 
näher als an irgend einem andern Orte sich neben einander entwickelt 
haben. Daher ^ebt es für den Alterthumsforscher keine anziehendere 
Aufgabe, als den Versuch zu machen, auf Grund der neuesten Entdeckun- 
gen die ephesischen Ortsverhältnisse in klareren Zügen zur Anschauung 
zu bringen, und eine solche Betrachtung wird ihren Werth behalten, 
wenn auch noch so reiche Entdeckungen gemacht werden. Ich werde 
also die Stadtgeschichte von Ephesos, so weit es die Überlieferungen 
gestatten, bis in die Eaiserzeit verfolgen; eine statistische Beschreibung 
der bedeutendsten Überreste aber auf die angehängte Erläuterung des 
Plans beschränken. 



6 

Die Entdeckung der Tempelstätte ist schon för die Anfönge der 
ephesischen Geschichte wichtig, denn diese beginnt vom Heiligthum der 
Artemis, dessen Platz niemals verändert worden ist. 

Man war üben*ascht, dasselbe so hoch hinauf im innersten Winkel 
der Ebene zu finden, weil damit die alte Überlieferung nicht zu stimmen 
schien, dais die See vor Zeiten die Schwelle des Artemisiums bespült 
habe^). Indessen zieht sich der tiefe Marschboden, ein unverkennbares 
Halipedon, an der alten Stadt vorüber bis in die Nähe der Tempelruine 
und am Nordrande des Pion erkennt man in gerader Linie abgeschnittene 
Yorhöhen, welche durchaus den Eindruck machen, dafs hier deichartige 
Anlagen zu erkennen sind. Bedenken wir ferner, dafs die Säulenbasen 
des deinokratischen Tempelbaus, welcher doch schon auf einem wesentlich 
erhöhten Boden fufste, c. 14 Fufs unter der jetzigen Oberfläche gefunden 
worden sind und dafs unter dem Tempelboden ein geräumiges Souterrain 
befindlich war, so dürfen wir annehmen, dafs das Niveau des ursprünglichen 
Heiligthums bis 24 Fufs unter der Erde zu suchen ist. Die Säulenkapitelle 
sind im Wasser liegend gefunden. Da« giebt eine VorsteUung von der um- 
fassenden Umgestaltung des Terrains, und die Überlieferung von der einsti- 
gen Meeresnahe wird nicht als leere Fabel zu verwerfen sein. Besonders 
merkwürdig ist aber, dafs man im Kampfe gegen die mächtig anwach- 
sende AUuvion den Zusammenhang des Heiligthums mit der See alle 
Jahrhunderte hindurch festzuhalten gesucht hat, indem man durch künst- 
liche Bassins und E^näle Wasserwege herstellte, welche zum Heiligthum 
führten. Dies gehörte zum Tempeldienste; deshalb finden wir unter den 
ansehnlichsten Tempelämtem das Amt der vavßarovvrtg^) und als der 
unmittelbare Seeverkehr gehemmt wufde, legte man an der offenen Küste 
bei Panormos ein Artemision an, das wir nur als ein FUial des oberen 
ansehen können^). 

Ich erinnere an die mannigfaltigen Züge in der Religion der Ar- 
temis, welche auf einen von der Seeseite eingeführten Cultus hinweisen, 



^) Plin. II § 87 (mare) quondam aedem Dianae alluebat. 

') C. Inscr. graec. n. 3956. 

') Str. 631: AijmiJi/ Hdvo^fiog xctXoufitvog (der heilige Seehafen) S%(uv Ufov r^^ 'E(f>tTk«c 



an die Okeanide Hippo als älteste Priesterin ^), an die am Strande auf* 
geführten Reigentänze 2), an die der Göttin heiligen Seevögel (Eisvögel 
und Meeradler), vor Allem aber an die Bedeutung, welche das Heilig- 
thum nachweislich für die Seefahrt hatte, an die Stationen der Ephesier 
am Pontus und im Nillande so wie an die Leitung, welche auch andere 
Städte von hier fttr ihre Colonisation empfingen, wie die Phokäer, die zur 
Gründung von Massilia die göttliche Legitimation in Ephesos suchten. 

Die Kaystrosmündung war ja zweifellos eine der ältesten An- 
fahrten am kleinasiatischen Ufer, der früheste Kreuzpunkt des Land- und 
Seeverkehrs am Meer von lonien, der bequemste Hafenort des cistauri- 
schen Eleinasiens, die altgewohnte Eingangspforte des Morgenlandes^). 
Wie erklärte sich auch sonst der uralte Ruhm des Flufsthals und die 
von den asischen Wiesen ausgehende Benennung des ganzen Continents! 

Earer werden als die ältesten Bewohner des Uferlandes genannt; 
wir werden also die mit ihnen aller Orten verbundenen Phönizier auch 
hier wie im benachbarten Erythrai (wo tyrische Gottesdienste bezeugt 
sind) als die grundlegenden Ansiedler voraussetzen und werden ihnen die 
Stiftung eines Eüstenheiligthums zuschreiben, dessen Platz, von der all- 
gemeinen Gunst der Lage abgesehen, durch eine seltene Fülle von QueUen 
ausgezeichnet ist. Wir finden aber den Dienst der grofsen Naturgöttin, 
deren Segen in Erdnässe und thaureichen Mondnächten sich bezeugt, 
an den ältesten Ankerplätzen der Phönizier, so namentlich an der kleinen 
Syrte, wo die Göttin von Sidon inmitten bewaflfheter Tempelfi'auen als 
die den Carthagern und Libyphöniziern gemeinsame Selene in alten Ver- 
tragsurkunden bezeugt ist^). 

Das Syi-tenheiligthum hatte eine Wüste hinter sich und hat sich 
defehalb, von aufsen unberührt, in seltener Ursprünglichkeit erhalten. An- 
ders war es im Eaystrosthale. Hier traten, wie das Seegestade selbst 
mehr und mehr Binnenland wurde, die binnenländischen Beziehungen 
immer mehr hervor und der asiatischen Gottesdienste uralte Verwandt- 

^) Callimach. H. in Dian. r. 239. 

') In der Nachbarschaft der aXoTnfyiot Et M. y. Acurlg. Vgl. Ouhl Ephes. p. 88. 
') Kotinr, n9 o$09 oTraTt roig im rag avaro}Ji9 oSotieogoÜTtv Artemidoros bei Strabo 663, 
ilAirootov iMyiTTOv rdav xara rtiv *ATict» t^v tvTog rov Tav^ev Str. 641. 

*) Polyb. VII 9. Herod. IV 188. Morer« Colon, d. Phon. S. 463. 468. 



8 

Schaft wurde benutzt, um sich mit dem das ganze Hinterland erfüllenden 
Dienste der Muttergöttin in Verbindung zu setzen. Wann und wie diese 
wichtige Anknüpfung erfolgte, wird sich schwerlich bestimmen lassen. 
Aber das ist bekannt, dafs die ephesischen Priester, wie die Legenden 
von der Philoxenie des Schenkwirths Ephesos andeuten^), seit ältester 
Zeit die Lage ihres Orts zur Ausbildung eines grofsartigen Fremdenver- 
kehrs planmäfsig ausbeuteten, und dafs die Priesterschaft selbst so wenig 
einen in sich abgeschlossenen Kreis bildete, dafs es vielmehr ausdrück- 
liche Satzung war, die oberen Tempelämter mit Auswärtigen zu besetzen. 
Das hängt mit dem Eunuchendienste zusammen; die Entmannung war, 
wie im Kybelekultus , Bedingung des Priesterthums. Wir finden einen 
den Persern entlehnten Amtstitel bei dem Oberpriester 'Megabyzos* 2), wir 
finden das ausgebildete System der Hierodulie, wie im zwiefachen Ko- 
mana, und so geschah es, dafs Perser, Lyder und Eappadokier die An- 
wohner des Sipylos und Tmolos, des Hermos und Maiandros in Ephesos 
ihre Gottheit mit ihren einheimischen Religionsgebräuchen wiederfanden. 

Auf dem Anschlüsse des von Seefahrern gegründeten Küstenheilig-, 
thums an die continentalen Grottesdienste beruht die volkeinigende Macht 
des Tempelorts, dessen 'Styxquelle ^), wie bei anderen amphiktyonischen 
Plätzen, ein Eidwasser war, bei welchem unter den umwohnenden Stäm- 
men zur Beilegung von Streitigkeiten Verträge beschworen wurden; darauf 
beruht die Ausbildung eines Priesterstaats, welcher in sich fest gegliedert, 
mit einem gro&en, streng geordneten Personal männlicher und weiblicher 
Dienerschaft ausgerüstet, nach festen Satzungen einen weitreichenden Ein- 
flufs ausübte. 

Dieser Priesterstaat, als eine selbständige, die Umlande beherr- 
schende Macht, ist die älteste Thatsache ephesicher Geschichte. Die Art 
des Herrschens ergiebt sich aus der Analogie anderer Priesterthümer 
Kleinasiens, wo die k^ocvwi und die ^varrua entweder unbedingt zusam- 
menfallen (wie im Geschlechte der Teukriden zu Olbe) oder neben der 

^) Et M. y. EiptTogi airo *E<pivov chsItb Httwyi}avoirros neu (piXo^tuoCvrog T0C9 ira^iov- 

^) Str. 641 : U^sag ^ evi/o J^ou^ t'txov ovg bc(^o'ju Mtyaßv^oug hm ayXa%oS'9¥ fMTiiuTtg 
iel nvag a^tovg Tvlg TOiavryjg vgorraTiag, 
») Stv'^ Ach. Tat. VIII 8. 



weltlichen Dynastie eine geistliche bestand, wie in Eomana. In Ephesos 
finden wir aber keine Erbfolge, sondern ein oligarchisches Wahlsystem, in- 
dem ein geschlossener Kreis stinmiberechtigter Priester denjenigen beruft, 
welcher zu dem mit den höchsten Gerechtsamen bekleideten Oberpriester- 
thume der geeignetste Mann zu sein schien. 

Für die Landesverwaltung ist die allen priesterlichen Staaten ge- 
meinsame Form die der Gau Verfassung (avo'ryifjLa cwE^rriKog Ix KWßtiv). 
Das karische Nationalheiligthum des Zeus Chrysaoreus ist der bekann- 
teste Mittelpunkt eines solchen Gauvereins, in welchem jede Eome eine 
Stimme hatte. Dies blieb die religiöse Verfassung der Landschaft, auch 
nachdem Stratonikeia in derselben gegründet war. Als Stadt niemals an- 
erkannt , nahm es an dem Verbände nur insofern Antheil , als es Gaue 
desselben (jov X^vcao^iKov crv^TYifjiarog) in sich schlofs und führte selbst 
neben seinem profanen Namen den heiligen der Chrysaoreer^). Ebenso 
war Ameria im Tempelbezirk der phrygischen Ma ein oflFener Flecken 
(KoofjLOTToy^tg) von zahlreichen Hierodulen bewohnt; der Branchidentempel 
war von einer kcJjui}^ KarotKUL umgeben. So kennen wir die Urgaue von 
Aphrodisias, IIAa(ra^€ic, ' Xf^o^ia-ulg , Tav^oTroXig, und dafs es auch im 
europäischen Griechenland an Analogien nicht fehlt, beweisen u. a. die 
um Artemis Triklaria gruppirten drei oflfenen ürorte von Patrai^). 

So haben wir uns also auch das ephesische Gebiet als eine Gau- 
genossenschaft zu denken, wo die Umwohner des Heiligthums in offenen 
Ortschaften als Zinsbauem lebten, den überaus fruchtbaren, aber stetigen 
Fleils fordernden Boden bewirthschafteten und unter priesterlicher Auf- 
sicht die künstlichen Wasserbauten besorgten. Kanäle QslS'^a und ^ivov%oi) 
werden mehrfach erwähnt und ebenso Lagunenbrücken als der Göttin dar- 
gebrachte Weihgeschenke ^). Die Masse der Bevölkerung müssen wir uns 
in stetiger Zunahme denken, und zwar theils durch den Zuzug, welchen 
das von allen Seiten au^esuchte Asyl fortwährend veranla&te, theils 
durch aufserordentliche Veranstaltung der Priesterschaft, welche zu Zeiten 



1) Str. 660. 

') Peloponnesos I, 436. 

') C. I. Gr. 2968: 'AmiuSi *E<ptTl^ - - Tr,u yitpvfctv in tüSv iSlwv «vi^riHsv. Str. 640: 

Abh. der philoa.'hUtor, Kl. 1872. Nr. 1. 2 



10 

fremde Ansiedler in das Land zog, um die Bodenrente zu steigern und 
die Tempelmacht zu heben. Je gemischter die Bevölkerung war, um so 
weniger waren gemeinsame Auflehnungen zu besorgen, um so fester schien 
das geistliche Regiment begründet. 

Die Zeiten der Ruhe waren zu Ende, als mit den Landungen der 
lonier die Umgestaltung des ganzen Küstenlandes begann. Die Ankömm- 
linge, welche sich sonst friedlich mit den Einwohnern vertrugen oder 
leicht des Landes Herren wurden, stiefsen hier auf einen trotzigen Wider- 
stand und energische Abwehr. 22 Jahre lang haben sie von der Nord- 
spitze der Insel Samos vergebliche Versuche gemacht, am Kaystros Fufs 
zu fassen^). Denn an der ganzen Küste loniens war nur hier eine fest- 
gegründete, wehrhafte und thatkrüftige Macht vorhanden, welche ihr Ter- 
rain vertheidigte. 

Die Tempelstaaten bedurften zur Handhabung der Landesregierung 
einer äufsern Macht. Wir finden deshalb bei den kleinasiatischen Heilig- 
thümern, an deren Analogie sich Ephesos anschlofs, namentlich in Ko- 
mana, nicht nur ein festes Budget jährlicher Einkünfte, sondern auch 
einen Normalbestand stehender Truppen, welche der Regierung zur Verfügung 
standen; 6000 Männer und Frauen im pontischen und ebenso viel im 
kappadokischen Komana. 3000 . Hierodulen zählte das Heiligthum des 
Zeus in Venasa und die geringere Zahl stimmt zu dem Rangverhältnisse, 
in welchem die Tempelorte zu einander standen 2). 

Religiöse Freistätten, wo Heimathlose, Verfolgte, Blutschuldige Auf- 
nahme finden, haben in der alten Welt überall Anlafs zur Bildung bewaff- 
neter Schaaren gegeben; Asyle sind die natürlichen Werbeplätze, und eine 
kluge Priesterschaft versäumte gewifs nicht, diese Mittel zur Sicherung 
ihrer Herrschaft auszubeuten. Die Verbindung der Amazonen mit dem 
Artemision wird aus dem Asyle abgeleitet, welches durch ihre Aufnahme 
für alle Zeit geweiht worden sei, wie dies noch vor Kaiser Tiberius die 
ephesischen Gesandten geltend machten 3). 

Waffentragende und kampfgeübte Tempeldienerinnen, welche das 
Geburtsfest ihrer Göttin in blutigen Waffengängen feiern, sind im Heilig- 

^) Athenaios p. 381. 

2) Str. 537. 

3) Tac. Ann. III, 61. 



11 

thume der libyschen MondgOttin auf das Sicherste bezeugt^). Auf den 
Zusammenhang dieses Cultus mit dem ephesischen ist oben hingewiesen 
worden. In beiden Culten spielte die Keuschheitsprobe eine grofse Rolle. 
WaflFentänze der Tempelfrauen in Ephesos werden von Kallimachos aus- 
drücklich bezeugt^). Er unterscheidet den Tanz in voller RQstung von den 
Kreistänzen; also haben wir uns jenen in Kampfordnung vor dem Tempel, 
diese ohne Waffen am Altar zu denken. Wie kann man eine so genaue 
Ueberlieferung, wie die des Kallimachos, mit dem Einwände beseitigen, dafs 
Waffentragen im Tempel verboten gewesen sei, oder mit dem allgemeinen 
Satze, dafs bei einer so friedfertigen Göttin Waffentänze nicht angebracht 
seien 3)? 

Wenn eine Priesterschaft ohne w^eltliche Schutzmacht ihre Privi- 
legien vertheidigen und eine ausgedehnte Landschaft sicher beherrschen 
will, so mufs sie dazu das nOthige Rüstzeug hal)en, einen dienstbereiten 
Heerbann, Waffen und feste Plätze. 

Nachdem also die Lage des Tempels bei Ayasuluk nachgewiesen 
worden ist, zweifle ich nicht, dafs das Kastell oberhalb des Dorfs, die 
natürliche Warte der ganzen Landschaft, dem Priesterstaate als BurghOhe 
diente und die üeberlieferung von den waffenschwingenden Kureten*) 
enthält eine Andeutung in Betreff der männlichen Gefolgschaften, welche 
der Gottin zu Gebote standen. 

Wir wissen aus Achilleus Tatios, dafs das Alsos sich bis an eine 
Hohe ausdehnte, in welcher eine dem Pan geheiligte Grotte war, welche 
dieser der Artemis abgetreten haben sollte. Wir werden also den Schlofs- 
berg, welcher den Hintergrund der Ebene bildet, als den ursprünglichen 
Sitz des Pancultus anzusehen haben ^). An ihn und die Hohen des heuti- 
gen Dorfs zog sich der Tempelbezirk hinauf, die älteren Heiligthümer 
und ländlichen Ortsculte in sich aufnehmend, während er auf der andern 
Seite mit Flufs und Meer in Verbindung erhalten wurde. 

1) Herod. IV, 180. 

5) Dian. 241. 

') Gnhl Ephesiaca p. 113. Klugmann 'Amazonen in kleinas. Städten Pfailologas 
XXX S. 539. 

^) Str. 640. Oben findet sich altes Baumaterial aller Art 

6) Erotici 6r. ed. Hercher I p. 195. 

2* * 



12 

Die Kämpfe, welche die von Samos aus vordringenden Athener in 
Ephesos zu bestehen hatten, kennen wir nur in Sagenform. 

Wie aus den Kämpfen der äolischen und achäischen Colonisten in 
Troas ein reicher Sagencyklus hervorgegangen ist, so hat sich auch aus 
den Kämpfen der lonier Aehnliches entwickelt. Dort sind es Agamem- 
non und Achilleus, hier ist es Theseus, der die Eroberungen leitet^). Die 
gemeinsamen Amazonenkämpfe des Theseus und Herakles als der beiden 
Vorkämpfer griechischer Nationalität gegen Barbaren sind echte Colonisten- 
mythen. Man wufste von Theseus' Anwesenheit an der ionischen Küste 2), 
man betrachtete die Amazonenkämpfe in Athen nur als Fortsetzung der 
in Kleinasien begonnenen^). In der That aber war es so, dafs die Hei- 
math sich das, was die Gründer des neuen Athen am Kaystros erlebten, 
als etwas Selbsterlebtes aneignete. So wurde der Amazonenkampf am 
Kaystros attische Sage, Athen selbst der Schauplatz jener Kämpfe und 
die asiatische Ueberlieferung trat zurück. 

Nachdem die Colonisten eine Zeit lang auf Besetzung einzelner 
Küstenpunkte beschränkt gebUeben waren, gelang es endlich einen festen 
Platz im Innern zu gewinnen, wo sie sich verschanzen und als Centrum 
ihrer Ansiedelung ein Athenaheiligthum anlegen konnten. Der Platz hing 
mit dem Koressos zusammen und kann kein anderer gewesen sein, als 
der Hügel mit dem Taulsgefängnifs , welcher zu einer kleinen BurghOhe 
recht geeignet ist*). 

In der Mitte zwischen ihr und dem Koressos führt der gerade 
Weg von Scala Nuova herauf und auf seiner obern Fläche zeigen sich 
noch Fundamente einer viereckigen lagerähnlichen Einfassung, ein Ueber- 

1) Paus. I, 2, 1. 

>) Aristides p. 372, 440. Elugmann a. a. O. S. 532. 

5) Plut. Thes. 26. 

^) Die Legende von der attischen Ansiedelung, wie sie aas Kreophylos bei Athen. 
362 C erhalten ist, läfst sich topographisch nicht leicht erklären. Nach meiner Meinung 
ist es ein Athenaion an der Küste, wo den Fischern das Wahrzeichen zu Theil wird in 
der N&he des heiligen Hafens, den ich für identisch mit Panormos halte. Von dort fol- 
gen sie dem durch den Brand des GestrGpps aufgescheuchten Eber landeinwärts nach 
den Abh&ngen des Koressos, wo er fällt. Hier gründen sie nun ein zweites Athenaion, 
während sie unten am Hafen ein Pjthion gründen zu Ehren der Gottheit, welche ihnen 
auf ihr Gebet das Wahrzeichen gesendet hatte. 



13 

rest der ersten Verschanzung, die urbs quadrata, von der eine neue Ent- 
vricklung begann. Jetzt war der Landschaft ein zweiter Mittelpunkt ge- 
geben; jetzt bestand eine Unterstadt neben der Oberstadt, ein Athehaion 
neben dem Artemision, eine Oolonie von Athenern neben dem Priester- 
staate und das wechselnde VerhSltnifs zwischen diesen beiden Punkten 
bildet fortan den Inhalt der Geschichte von Ephesos. 

Aufser der Ebenung der Hfigelterrasse können wir als Ueberreste 
der ältesten Athenerstadt noch die Felsarbeiten ansehen, welche am Ab- 
hänge des Eoressos liegen, wenn man von der Hafenniederung zum Tauls- 
gefängnifs* hinaufgeht. Es ist eine Anlage von sehr alterthümlichem 
Charakter, eine Terrasse im Felsen ausgehauen, nach Osten gerichtet, mit 
Votivnischen umgeben. Dies scheint ein heiliger Platz der Sltesten An- 
siedler zu sein, deren HQgel auch durch zwei Quellen, welche am Rande 
oberhalb des Hafens entspringen, zu einer städtischen Niederlassung auf- 
fordern mufste. 

Nach den Zeiten blutiger Fehde wurden die nachbarlichen Ver- 
hSitnisse unter gegenseitigen Zugeständnissen geordnet. Pausanias^) sagt, 
Leleger und Lyder seien aus der Oberstadt durch Androklos vertrieben 
worden, und es ist nicht unmöglich, dafs schon unter den Herakliden die 
lydische Reichsmacht bis hierher vorgedrungen war. Gewifs ist, dafs die 
Colonisten der einheimischen Göttin huldigten. Sie bauten ihr ein Heiligthum 
auf dem Markte der Neustadt und erkannten sie dadurch als Schutzgöttin 
an; sie nannten sich nach ihr Ephesier, und der Cult ihrer einheimischen 
Göttin trat soweit zurück, dafs sie hier nicht wie in den anderen ionischen 
Städten die Geschlechtergöttin geblieben ist, welcher die Apaturienfeier galt. 

Die Erinnerung an die Zeit der Fehden ward absichtlich ausge- 
löscht und die so hartnäckig abgewehrten Fremdlinge erscheinen nun als 
die von der Göttin gerufenen und von ihr geleiteten; sie gilt als Hege- 
mone und es wird ausdrücklich gemeldet, dafs zwischen den loniern und 
Alt^phesiern Verträge beschworen seien 3). 

Über die Urgeschichte des ionischen Ephesos liegen mehr Nach- 

1) Paufl. VII, 2. 8. 

') Ss ya^ noiriTctro NtjXfO^ ijyf/uioi^i/ Callim. Dian. 226; Paus. a. a. O. : Toig 7rt^\ ro 
ttoov otHOXjTt oetfJM fjv ovdiVt öAAXt l(uTtv ooHovg oovrsg Hm aua fJitaog Trag avTtuv MfJouTig tHTog 
v,Tav 7oXs/Mot>. 



14 

richten vor, als über irgend eine der andern Städte loniens. Wir kennen 
die Herkunft der Colonisten aus dem attischen Gau Euonymoi, die Dauer 
der Kämpfe, die einzehien örtlichkeiten des ephesischen Gebiets; wir 
hören von den Verträgen und den weiteren Begebenheiten vor und nach 
Androklos' Tode. Wir müssen also voraussetzen, dafs die Überlieferungen 
von den Priestern gesammelt worden sind und dafs aus ihren Aufzeich- 
nungen Kreophylos^) seine wj oi 'Ec^ct/wv zusammengestellt hat, welchen Athe- 
naios als Quelle der Gründungsgeschichte von Ephesos anfahrt und auf 
den wahrscheinlich auch die anderen Nachrichten über die Urgeschichte 
von Ephesos bei Ephoros, Strabo und Pausanias zurückgehen 2). 

Wir werden uns demnach die neue Ordnung der Dinge als die 
eines Doppelstaats zu denken haben, die Bürgergemeinde unter den Eo- 
driden auf dem Athenahügel und das Tempelinstitut gegenüber, durch 
politische Verträge und religiöse Feier mit einander verbunden. 

Mit diesem Verfassungszustande scheint ein Denkmal in Zusammen- 
hang zu stehen, welches sich genau in der Mitte zwischen Athenaion und 
Artemision befindet; es ist eine runde, aus dem Felsen gehauene, tennen- 
artige Terrasse, deren Umkreis wie die Abbildung (T. II. )) zeigt, von 
Nischen und Stufen umgeben ist. Sie erhebt sich auf einer gröfseren, 
unregelmäfsigen Terrasse, von welcher ein im Felsen gearbeiteter Weg 
gerade zum Ufer gegen Westen hinunter und auf das Athenaion zufahrt. 
An beiden Seiten des Wegs sind die Felsen zur Aufstellung von Weih- 
geschenken eingerichtet. Das Ganze (nach einer oberflächlichen Ähnlichkeit 
mit einer pompeianischen Anlage neuerdings Serapeion genannt^) trägt un- 
verkennbar den Charakter uralter Einfachheit und religiöser Feierlichkeit. 
Man kann nicht zweifeln, dafs hier eine altheilige Versammlungsstätte zu 
erkennen ist und die Lage des Ortes spricht dafür, dafs dies die Stätte 
war, wo die von Pausanias erwähnten Bundeseide geschworen und wo 
die gemeinsamen Angelegenheiten erledigt wurden. Dazu paTst auch die 
Nähe der öffentlichen Festlokale, des Stadiums und des Theaters. 

Nach auJGsen entwickelte der junge Doppelstaat eine merkwürdige 



1) Fragm. Hist. Gr. IV, 371. 

>} Athensios 361. 

') Fslkener Ephesos p. 106. 



15 

Thatkraft. Er dehnte sich Über Samos und die umliegenden Inseln aus, 
er unterstützte Priene gegen Karer und Leleger, er schickte Ansiedler 
nach Smyrna. Die amphiktyonische Geltung, welche das Heiligthum schon 
vorher besessen hatte , wurde benutzt, um in Concurrenz mit Milet eine 
Ober die ionische EQste reichende Machtstellung zu gewinnen^). 

Das Königthum hatte sich mit der Priesterschaft zu verständigen 
gewufst. Der Sturz desselben war der Anfang heftiger Kämpfe und durch- 
greifender Umgestaltungen. 

Die antidynastische Partei (ol Kara rwv ^kvS^oKhov irai&jov crao'iaa'avrii) 
folgte der Praxis, welche das herkömmliche Verfahren aller demokratischen 
Factionen war; sie veranlafste neuen Zuzug, Mischung der Bevölkerung, 
Vermehrung der BQrgerstämme^). 

Bis dahin gab es, wie wir aus einer unschätzbaren Mittheilung 
des Ephoros wissen, eine dreifache Gliederung, 'EcpcViOi, Bcwalb«, EvwvvfjLstg^)^ 
und diese Dreiheit dürfen wir uns ebenso organisirt denken, wie die drei 
ürorte der Paträer (Aroe, Mesatis, Antheia) unter dem Vorstande der 
Artemis Triklaria (S. 9), oder wie die Urorte von Boiai in Lakonien*) (Side, 
Etis, Aphrodisias), wo wir ein Aphrodision als religiösen und politischen 
Mittelpunkt anzunehmen berechtigt sind. Für die der priesterlichen Herr- 
schaft entsprechende Verfassung ist es charakteristisch, dafs die aus Athen 
Eingewanderten nicht als Athener, sondern mit ihrem heimathlichen Gau- 
namen (als Euonymeer) in Ephesos angesiedelt worden sind. 

Jetzt tritt eine straflfere Gemeindeverfassung ein. Das städtische 
Wesen entwickelt sich, die Komen werden zu Phylen; zu den alten Ein- 
wohnern werden neue Ansiedler aus Teos und aus Karene in das Land 
gezogen, und wenn unter den Bürgerstämmen, deren Zahl durch diesen 
republikanischen Synoikismos von drei auf fünf stieg, die 'Ephesier mit- 
zählten, so mufs wenigstens ein Theil der früheren Tempelzugehörigen, 
welche diesen Namen als Eigennamen führten, in das städtische Gebiet 



1) Vgl. Guhl Eph. p. 30. 

») Arist Pol. p. 185. St. Byz. Bsm«. 

s) Eph. bei Steph. Byz. a. a. 0. 

^} Peloponnesos II, 296. 



16 

hereingezogen worden sein^). Die rasch anwachsende Stadt schob sich von 
ihrem Ausgangspunkte, dem Athenaion, gegen Osten vor, dem Heiligthume 
entgegen, welches seine besondere Verfassung behielt; sie griff vom Eo- 
ressos auf den Pion über. 

Die Terrassen, Wege, Gräber auf diesem Berge gehören einer alten 
Zeit an. Man verfolgt die Grundlagen der Ringmauer, die den Kamm 
des Pion entlang gehen und den Nordfufs des Berges umfassen. Das ist 
die Stadtgränze von Ephesos aus der Zeit nach dem Synoikismos, wie 
wir dies mit Sicherheit daraus entnehmen, dafs zu Ej*oisos' Zeit die Stadt- 
mauer sieben Stadien vom Tempel entfernt war. Diese viel besprochenen 
sieben Stadien, mit denen man nach allen Seiten, nur nicht nach der 
richtigen, den Tempel zu fixiren gesucht hat, fallen, von der aufgefundenen 
Tempelstätte aus, genau auf die EanmihOhe des Pion und die erwähnte 
Mauerlinie. 

Als der Lyderkönig gegen Ephesos vorging, fand er die Priester 
fügsam, während der städtische Machthaber Pindaros entschlossen war, 
seine Unabhängigkeit aufs ÄuTserste zu vertheidigen. Aber die Kräfte 
reichten nicht aus und ihm blieb am Ende nichts übrig, als durch Ver- 
mittelung der Priesterschaft auf Kosten der politischen Autonomie die 
Freiheit der Bürger zu retten. Die Verzichtleistung erfolgte in der Form, 
dafs er durch das hinübergespannte Seil die Stadt als ein der Göttin 
Übergebenes bezeichnete, so dafs nun die Priester, als die natürlichen 
Vermittler zwischen Hellenen und Barbaren, f&r die Stadt eintraten und 
einen möglichst günstigen Staatsvertrag zu Stande brachten^). 

Es war ein Triumph priesterlicher Politik. Der Tempel hatte 
Lydien als Schutzmacht hinter sich und den reichsten aller Könige zum frei« 
gebigen Wohlthäter; die Verkehrswege waren nach allen Seiten geöffnet und 
in der eigenen Landschaft jeder Widerstand beseitigt. Denn die Städter 
wurden in übereinstimmendem Interesse des Tempels und des lydischen 
Ho& gezwungen den Pion zu räumen, welcher wie eine Trutzburg dem 

^) Eph. bei Steph. a. a. O.: tn Tiu xcu Ko^Vtj? throlHovQ tXccßov, Ka^vri in In- 
schriften bei Carl Curtias 'Inschriften ans Ephesos' Hermes IV. p. 221. 

>) Herod. I, 26; Ael. V. H. III, 26. Polyaen. VI, 60 (H/i/Jafoc — ovuißovUvtrs 
— in Twv TTj^dou hcu tuov ruyßv ^wfjLtyyag a'vi/rr\|/ai To7g hIoti toH Ufov r^9 *Afr$fjuio9, 



17 

Artemision gegenüber lag, und sich in der Niederung des Tempels als Pe^ 
rioken der Artemis neue Wohnsitze anweisen zu lassen^). 

Städtisches Wesen und Tempelmacht stehen fiberall im Gegensatze 
zu einander. In solchen Plätzen, die es nie zu einer städtischen Ent- 
wickelung gebracht haben, wie Thermen in Aetolien, lagen die Wohnungen 
um das Heiligthum des Apollo Thermios herum ^). Dafe hier die Tempel 
nicht blofs Ortliche, sondern auch politische Mittelpunkte waren und dafs 
•lit der Wohnungsveränderung der Ephesier zugleich eine durchgreifende 
Verfassungsänderung eingetreten sein mufs, ist unzweifelhaft. 

Die Verlegung war eine Auflösung der Stadt in oiWai und roVoi, wie 
es von Thermon heilist; eine Rfickkehr zur Gauverfassung, eine Verwand- 
lung der Phylen in Eomen, ein Dioikismos im Gegensatze zu dem repu- 
blikanischen Synoikismos, welcher die Priesterherrschaft eingeengt hatte, 
und sehen wir uns im Nachbarlande nach Voi^ängen um, welche die 
Katastrophe von Ephesos erklären helfen, so liegt das Schicksal der 
Smyrnäer am nächsten. 

Smyrna hat wie Ephesos im lydischen Kriege seine Selbständigkeit 
eingebfifst. In Komen au%elOst, haben die Einwohner 300 Jahre lang^), 
an allen Welthändeln unbetheiligt , von allen politischen Krisen völlig 
unberfihrt, dahingelebt; ein Zustand, welcher noch in neuster Zeit un- 
richtig beurtheilt worden ist, indem man entweder von einem 300jährigen 
Wfisteliegen gesprochen hat oder die ganze Thatsache der Auflösung in 
Zweifel gezogen hat, weil Skylaz die Stadt anführe und Pindar sie erwähne^). 

Smyrna hat als Komenverein unter altem Niunen fortbestanden 
mit einer landschaftlichen Verfassung und Regierung, und da Hierarchie 
mit Komenverfassung, wie wir gesehen haben, innerlich zusammenhängt, 
so werden wir auch bei den Smymäern ein priesterliches Regiment vor- 

^) Str. 640 jtAc^i fMu TüSv Hctra K^oItov ot>rw9 (ixilTo, virtgov S* airo rif? yra^wotlov 
HarctßmfT9Q irf^i ro vxiv u^ov wKrjo-av piy^i 'AXi^avi^ov. Strabo anterscheidet nur eiDe 
zwiefache Stadtlage and bezeichnet die filtere, die Berglage, so, dafs er den Pion mit zu 
der ^i^t Tov Ke^ff^oi' ircegwgtta rechnet. 

<} tu nt^\ To It^w elxtat Polyb. V, 8; XI, 7. Brandstitter AetoL S. 133. £. Kuhn 
Eomenverf. Rh. Mub. XV, S. 13. 

') Str. 646 : irf^i m^oMoa-ia iry\ tlHovvi\nfi xuofjLfiidv (r^tcpeoo'tu Lane Smym. Res gestae p« 21). 

*) Brandis Munzwesen S. 330. Orote IH 252. Find. fr. 115. Vgl. Mylonas Smym. 
res. gest. Gott. 1866 28 f. 

Äbh. der philos.-hUtor. Kl. 1872. Nr. 1. 3 



I 



18 

aaszusetzen haben , welches dort vom Heiligthum der grolsen Göttin des 
Sipylos ausgegangen sein wird. Damit stimmt, dafs der Ort ein berühmter 
Sitz der Mantik war und dafs der Neubau Smyma's unter Autorität der 
Nemesis eifolgte^). Das ist unter anderm Namen dieselbe Göttin, welche 
nach meiner Ansicht Smyma so lange unter ihrer Obhut gehabt hat und 
nun zu der neuen Entwickelungsphase ihre Sanktion giebt. FOr die 
priesterliche Behörde der smyrnäischen Eomen hat denn auch Bupalos 
die Mutter der Nemesis, die Nacht, gebildet^), so dafs man in kein# 
Weise gezwungen ist, nach der Zeit der sm3rmäischen Katastrophe über 
die Zeit des Bupalos zu urtheilen. 

Sind aber die Schicksale der beiden Städte gleichartig und gleich- 
zeitig, so ist auch ein innerer Zusammenhang vorauszusetzen und dieser 
ist nicht weit zu suchen. Im Interesse lydischer Machtentwickeluug hat 
man an den beiden wichtigsten Emporien keine machtigen Griechenstädte 
dulden wollen, sondern die örtlichen Heiligthümer benutzt, um durch sie 
Regierungen herzustellen, welche der continentalen Grofsmacht einen 
stetigen Einflufs verbürgten. 

War nun das Umland des Tempels (x'^^^ *^V '^^V ^^oa-Keifjievvl) auch 
dem Tempel zinsbar, so ist darum nicht an einen rechtlosen und unfreien 
Zustand der Bewohner zu denken. Man unterschied eine zwiefache Art von 
Tempelzugehörigkeit in Eleinasien ; so war der Oberpriester von Eomana in 
Betreff der Hierodulen unbedingter xv^tog TrAjfv roS vtr^oinuiv^ die Andern 
r^erte er als frysfxm; eine Unterscheidung, welche bei Gelegenheit der 
pompejanischen Anordnungen erwähnt wird, aber gewifs nicht eine von 
Pompejus ersonnene Einrichtung war^). 

Nach Strabons unzweideutigem Zeugnisse sind die Ephesier nach 
ihrer gezwungenen Ansiedelung in der Niederung bis auf Alexanders Zeit 
nicht in ihre feste Lage zurückgekehrt: die Stadt kommt auch in den 
folgenden Jahrhunderten nie als ein Platz von sonderlicher Festigkeit 
vor; wenn aber Mauer und Burg erwähnt werden (z. B. Diod. XX, 111) 



1) Pausan.IX, 11,7. Pinder BerL Munzsammlnng N. 342. Leake Nom. Hell. Asia p. 121. 
») Fans. IV, 30. 
») Str. 558. 



19 

BO steht nichts hn Wege dabei an die BurghOhe von Ayassuluk zu denken, 
welche, wenn sie, wie oben vermuthet worden ist, die alte Priesterburg 
war, jetzt um so mehr das Centrum der ganzen Landschaft werden mufste. 

Wenn die Analogie mit Smyrna geeignet ist, die Vorgänge in 
Ephesos zu erklären, so darf andererseits die Verschiedenheit in der Ent- 
wickelung beider Städte nicht verkannt werden. 

In Ephesos ist das städtbche Gemeinwesen niemals so unterlegen, 
wie in Smyrna. In Ephesos hatte attischer Geist sich eine Stätte ge- 
gründet, welche er nicht preisgeben wollte, und darauf beruht das eigen- 
thümliche. Interesse ephesischer Geschichte, so weit wir sie aus zerstreuten 
Nachrichten in ihren Hauptmomenten erkennen können, dafs die grofsen 
Gegensätze der antiken Welt, hellenisches Staatsleben und asiatische Hie- 
rarchie, hier auf engem Boden neben einander Jahrhunderte lang bestanden 
und mit einander gerungen haben. 

Kaum hatte die Tempelpolitik in Verbindung mit dem lydischen 
Hofe ihren entscheidenden Erfolg gewonnen, als die Überreste attischer 
Bevölkerung, welche in ihrer Abhängigkeit vom Tempel, in der an- 
steckenden Nachbarschaft asiatischer Üppigkeit und lydischer Eunuchen- 
wirthschaft unterzugehen Ge&hr lief, sich durch neuen Anschlufs an die 
Vaterstadt zu retten suchte, und die zeitigen Gewalthaber mQssen diesem 
Bestreben nicht entgegengetreten sein. Wenn sie ihre Aufgabe darin 
erkannten, die griechische und asiatische Welt mit einander zu verbinden, 
konnten sie in ihrem eigenen Interesse nicht wünschen, dafs die helleni- 
schen Ephesier ihrem Mutterlande entfremdeten. Wie also die Gottes- 
dienste von Ephesos einerseits im Binnenlande engen Anschlufs suchten, 
andei*erseits aber durch Leto, Apollo, Athena mit Delos und Athen nahe 
Verbindung hatten, so war auch in politischen Einrichtungen jede An- 
knüpfung an Hellas willkommen. 

Hierher gehört die merkwürdige, nur bei Suidas in einer abge- 
rissenen und entstellten Überlieferung erhaltene Nachricht, dafs noch vor 
der Herrschaft der Perser ein Athener berufen worden sei, um das bür- 
gerliche Gemeinwesen seiner Landsleute, der alten Euonymeer, in Ephesos 
zu ändern. Fünf Jahre lang habe er, mit königlichen Vollmachten be- 
kleidet, sein Amt versehen und sich durch vorzügliche Verwaltung des- 

3» 



20 

selben den Ehrennamen Arbtarchos verdient. Beim Anfange der persi- 
schen Monarchie sei er nach Athen zurQckgerufen worden^). 

Attischer Geist wurde wieder lebendig, und wir finden auch zur 
Zeit der ionischen Volkserhebung in Ephesos eine national gesinnte Pa- 
triotenpartei. Dennoch tritt der Antagonismus zwischen Stadt und Tempel 
in alter Stärke nicht wieder hervor, und wir sehen, dafs die durch alte 
Bivalität mit Milet verschärfte Priesterpolitik die malsgebende bleibt. 
Ephesos zieht sich bald vom Kriege zurück und nimmt im Ganzen eine 
so antinationale Haltung an, daüs man in Versuchung kommt, auch die 
Niedermetzelung der tapferen Chiel* auf ephesischem Gebiete nicht f&r 
die Folge eines Mifsverständnisses oder eines unglücklichen Zufalles 
zu halten^). 

Milets Untergang war ein Triumph ftlr Ephesos. Es wurde die 
erste Stadt loniens, und nachdem die alte persische Politik mit ihrer 
unerbittlichen Strenge gegen jede Art von Götzendienerei unter dem jün- 
geren Zweige der Achämeniden einer klugen Toleranz Platz gemacht hatte, 
lernte man die alten Gottesdienste Eleinasiens im persischen Reichs- 
interesse zu benutzen. Das pontische Zela wurde ein Heiligthum persi- 
scher ReichsgOtter ^), die kappadokische Göttin wurde eine persische Ar- 
temis'^), und so gelang es auch in Ephesos den Artemispriestem , der 
neuen Herrschermacht im Orient gegenüber eine ebenso günstige Stellung 
zu gewinnen, wie sie bei den Lydem gehabt hatten. Ihr Artemision 
war das einzige Heiligthum in lonien, welches Xerxes verschonte; er 
schenkte ihrer Stadt das besondere Vertrauen , da(s er seine Kinder dort 
unterbrachte^); sie hatte ihrer vorzüglichen Sicherheit wegen als Wechsel- 
platz und Geldmarkt für das Binnenland aufserordentliche Vortheile. Auch 

^) Snidas v. *AgiTTa^%og. Ovro? riju iv 'E. fMuap/jsv bi%8v i^ovrlav in tujv *A^ifjvu)¥ 
i)HWv xk^iTog' hietXevv St a^a cevriv (ich lese ixockovv Bt * Aglarctfyjov) ol irgoaifHOirrK, ori 
ilÄßiKoSe TU Htu v\iv xvfityMvuf fi^^tv irtTtv t. *¥iraMOTt} ht in twv *A39}t/0üi/ (vielleicht: s^ 
'E^eo^u Cno rSv ^K^vcufnv)^ ort Afnctyog KCgw roi^ KafAßvavv ToiSa tlg Tfjt* 01)1^ üi^Tatg 

«) Herod. VI, 16. 
>) Strabo 559. 

«} "AgTtfug nig<nta. Diod. V, 77. Arch. Zeitung 1854 S. 177. AnschlufB an Penien 
hesengt auch der Piieatemame Megabjzos. Bernajs Heraklistische Briefe S. 106. 
») Her. VIII, 103. 



21 

die Mflnzen der Stadt sind charakteristisch für ihre internationale SteUung. 
Neben den Vierteln des phOnikisch- kleinasiatischen Goldstaters, mit wel- 
chen die ephesische PrSgung beginnt, kommen persische Siglen und per- 
sische Drachmen vor. Auch Gold wird nach dem Dareikenfufse geprägt 
und das spröde Verhalten gegen alle von Athen ausgehenden Neuerungen 
zeigt sich auch darin, dafs Ephesos bis in das vierte Jahrhundert der 
einseitigen Münzprägung treu blieb ^). 

Das Programm der Tempelpolitik war kein anderes, als den EOsten- 
pl&tzen eine möglichst freie Stellung innerhalb des groisköniglichen Reichs- 
verbandes zu sichern und die liberaleren Grundsätze persischer Reichspo- 
litik, wie wir sie in Mardonios vertreten sehen, waren damit vollkommen 
im Einklang^). Um so mehr mulste die Losreifsung des kleinasiatischen 
Küstenlandes und die Stellung desselben unter attischen Schutz den Ephe- 
siern ein Greuel sein. 

Widerwillig ftlgten sie sich dem Zwange der attischen Flotten- 
macht; sie wufsten, wie es scheint, auch innerhalb des Seebundes eine 
günstige Stellung zu gewinnen, indem die reiche Stadt einen überraschend 
niedrigen Tribut (zeitweise weniger als Erj^rai) zahlte ; dabei wurden die Be- 
ziehungen zu Persien nicht au%egeben und schon vor der sicilischen Kata- 
strophe finden wir Ephesos auf persischer Seite ^). Persien ist die Schutz- 
macht geblieben und beim Herannahen eines hellenischen Landungsheers 
ruft Tissaphemes die Reichstruppen auf 'nach Ephesos der Artemis zu 
Hülfe'-*). 

Wenn uns also auch nicht möglich ist, die staatsrechtlichen Ver- 
hältnisse zwischen Stadt und Heiligthum in dieser Zdt genau zu ermit- 
teln, so stehen doch alle überlieferten Züge ephesischer Geschichte seit 
den Tagen des Kroisos in einem uoverkennbaren Zusammenhange und 
deuten auf eine feste Tradition, welche nur vom Heiligthum ausgegangen 
sein kann und auf einen leitenden Einflufs desselben hinweisen. 

^) Brandis Mfincwesen in Voiderasien. S. 109, 145, 245, 598. 

*) Gbiech. Gesch. 11', 726. Auf persönliche Beiiehongen des Mardonios sa Ephesos 
dentet die Nachricht von Dionjsophanes Her. IX, 84. 

') Onhl Eph. p.. 43. Marquardt Cjzicns S. 59. Ueber die Tribute vgl. Lamprecht 
de rebus Erjthr. p. 70. 

«) Xen. Hellen. I, 2. 6. 



22 

Athen hatte, so lange es seemächtig war, immer noch ein Gegen- 
gewicht gehalten. Von Athen gelöst, kam die griechische Gemeinde durch 
das unaufhaltsame Zuströmen der continentalen Elemente gänzlich in Ver- 
fall und der Überrest nationaler Gesittung drohte vom Barbarenthume 
vollständig überwuchert zu werden^). 

Der Tendenz des HeiUgthums, Griechen und Nichtgriechen unter 
seinem Einflüsse zu vereinigen, konnte also keine günstigere Gelegenheit 
sich darbieten, als die Annäherung zwischen Hellas und Persien in den 
Personen des Lysandros und Kyros. Lysandros' Standbild, im Tempel auf- 
gestellt^), zeigt, wie sehr dieser Mann nach dem Herzen der Priester 
war, deren Einflufs nun unbestritten über ganz lonien und jenseits des 
Meeres reichte. Versammlungen in Ephesos bestimmten die Entschliefsun- 
gen Sparta's. Der Tempel stand auf der Höhe seines amphiktyonischen 
Einflufses und der Antalkidasfrieden war ein Triumph seiner von Anfang 
an verti*etenen Politik. 

Die Lysandrische Zeit war aber auch die Zeit des neu geschärften 
Parteigeistes. Auch in Ephesos traten Demokraten und Oligarchen sich 
gegenüber. Die Demokraten richteten, da Athen nicht mehr helfen konnte, 
auf Philipp von Makedonien ihr Augenmerk und dies giebt den ersten 
Anstofs zu der makedonischen Politik in Kleinasien. Die attische Partei 
in Ephesos veranlafst die Züge des Attalos und Parmenion^). Philipps 
Standbilder werden von den mit dem Tempel verbundenen Oligarchen 
niedergerissen und die Propheten der Göttin deuteten den Tempelbrand 
als ein Himmelszeichen, durch welches der Sohn Philipps als das heran- 
nahende Verderben Asiens gekennzeichnet wird. Seine Anerbietungen in 
Betreff der Wiederherstellung des Tempels wurden deshalb auch abgelehnt, 
und zwar von der einen Partei in schroffer Kürze, indem sie die von 
Alexander beabsichtigte Weihung als eine Hierosylie bezeichnete, während 



1) *FjMßafßa^ev9'S'at toTq m^vixok i^in Plat L78. 3. Für barbariacbe Schlemmerei 
charakteristiBch ist die Erzftblnng Ton dem Gnadengeschenk der Demeter an einen Ephesier, 
dafs er so viel essen könne, als er wolle, ohne irgend eine Beschwer. Ant. Lib. 9. 

3) Paus. VI, 3, 15. 

5) Diod. XVI, 91. 



23 

die andere ihrer Ablehnung die höfische Foim zu geben wufste, dafs es 
sich nicht zieme^ wenn ein Gott dem andern Tempel weihe ^). 

Alexander hatte nirgends ein so deutlich vorgezeichnetes und so 
würdiges Ziel, wie an der Efiste Eleinasiens. Hier war er berufen, die 
Idmonische Politik, welche mit Schiffen und Landungstruppen niemals 
durchgeführt werden konnte, endlich zu verwirklichen, die griechischen 
Volkselemente zu retten und die Eüstenstftdte von dem Drucke solcher 
Mächte zu befreien, deren hergebrachte Politik es war, die Selbständigkeit 
des städtischen Gemeinwesens zu verkQmmern. 

Leider sind wir über das, was Alexander in dieser Beziehung that, 
und wie weit das, was seine Nachfolger thaten, mit seinen Absichten 
zusammenhing, zu wenig unterrichtet; aber es ist doch unverkennbar 
derselbe politische Gedanke, dem zu Folge die beiden Städte, Smyrna 
und Ephesos, die gleichzeitig der asiatischen Politik' zum Opfer gefallen 
waren, nach Alexander gleichzeitig als hellenische Städte wieder herge- 
stellt wurden. 

Alexander konnte nicht daran denken, ein Heiligthum von solchem 
Ansehn wie das Ephesische, trotz der spröden und feindseligen Haltung 
der Priesterschaft, zu kränken. Er erwies ihm voUe Ehrerbietung; er 
erweiterte sogar die Ausdehnung des Tempelbezirks auf ein Stadium und 
liefe die Abgaben, welche bis dahin an den GrofskOnig eingezahlt wurden, 
in den Tempel zahlen^). Wir dürfen aber mit Sicherheit voraussetzen, 
dafs die nationale Partei in ihren gerechten Erwartungen damals nicht 
getäuscht worden ist, dafs also die neue Gränzmauer dazu diente, die 
unklaren Verhältnisse zwischen weltlicher und priesterlicher Machtsphäre 
ins Klare zu bringen und dafe die Gelder im Tempel als Depositum zu 
betrachten sind, an dessen Verwaltung die städtischen Behörden betheiligt 
waren. Ging doch auch die beabsichtigte Tempelwidmung ohne Zweifel 
darauf aus, der weltlichen Macht einen berechtigten Antheil an der Leitung 
eines so mächtigen und wichtigen Instituts zu verschaffen. 

Wenn wir Alexanders Mafsregeln so auffitssen, dann erscheint auch, 
was Lysimachos that, als die nothwendige Vollendung. Denn eine volle 



^) Str. 641. Yergl. die Widmangsorkunde aas Priene im C. I. Gr. n. 2904. 
3) Arrian. I, 17. 



24 

Autonomie der Büi^erschafit konnte nur dadurch erreicht werden, dab 
die Stadt wieder wie vor Eroisos Zeiten, von Mauern umgeben , auf 
eigener Höhe dem Tempel gegenüber angebaut wurde. Der Name Arsinoe 
(der nur kurze Zeit in Geltung blieb) sollte die neue Aera und die Be- 
freiung der Stadt von den hierarchischen Einflössen bezeichnen. 

Solche Umwälzung ging nicht ohne Widerstand durch; die Priester- 
schaft arbeitete mit aller Macht dagegen und die Bequemlichkeit der den 
Tempel umwohnenden Menge kam ihr zu Hülfe. Lysimachos wartete 
die Regenzeit ab und veranlafete, wie Strabo meldet, durch Sperrung 
der Abzüge eine Überschwemmung des Tieflandes , so dafs die Um- 
siedelung wie eine Rettung erscheinen muifite. 

Der Pion mit seiner Umgebung wurde nun das Centrum der Stadt, 
wenn der Berg auch selbst nicht mit Wohnungen besetzt wurde. Auch 
von den heiligen Gründungen, welche dort vorhanden waren (S. 2), sind 
keine Spuren auf der Höhe nachzuweisen. Dagegen finden sich sehr 
merkwürdige Spuren alter Terrassen und Wege, namentlich an der Nord- 
seite, wo sich in halber Höhe ein Felsweg von 7 — 8 Fufe Breite mit 
einem Seitensteg von 16 Zoll Breite entlang zieht. Man sieht auf dem 
Damme des Weges noch Überreste von altem Gufswerke. Darüber er- 
streckt sich eine höhere Terrasse mit einer senki*echt anstehenden, von 
Votivnischen angefüllten Felswand. Vor der Felswand steht ein im Felsen 
ausgehauener Sarkophag roher Arbeit. 

Der alte Mauerzug, welcher die beiden Pionkuppen einfa&t, mit 
einem in der Senkung gelegenen Thore, wurde unt^r Lysimachos als 
Burgmauer erneuert, während der untere Mauerzug, dessen Überreste 
noch nicht hinreichend festgestellt sind, den FuTs des Bergs mit einfa(ste 
und an der Nordseite des Berges das Stadium, an der Südseite aber einen 
Theil von Opistholepria. Von hier ersteigt der Mauerzug den Eoressos 
und folgt bergauf, bergab dem auf beiden Seiten steil abfallenden Berg- 
kamme, meist horizontal geschichtet, mit Thoren und zahlreichen, nach 
aufsen vorspringenden Thürmen. Dann senkt sich die Mauer gegen die 
Hohen des Athenaion, die Schlucht einfassend, welche sich nach der 
Meerseite öffnete und den Athenahügel mit dem Eoressos verbindet. 

Der Athenahügel, welcher vom Tempel aus gesehen einem Gipfel 
gleicht, gliedert sich in drei flache Kuppen. Auf der ersten steht die 



25 

hochragende Ruine des 'S. Paul-Gefängnisses% eines viergetheilten aus 
MarmorblOcken erbauten Festungstharmes , der zur Beherrschung des 
ganzen Tieflandes eine ausgezeichnete Lage hatte. Die zweite Kuppe 
wird von derselben Mauerlinie eingefalst ; nicht so die dritte und äufserste, 
welche mit senkrechten Felsklippen zur FluTsebene abfällt. Im Gestrüppe, 
das den Rand bedeckt, sieht man alte Quaderreste, welche einein vor- 
geschobenen und, wie es scheint, isolirten Kastelle angehören. 

In den Niederungen sind die Mauerzüge bis jetzt noch nicht im 
Zusammenhange zu verfolgen. Wahrscheinlich ging die Befestigung vom 
Athenaion um den Hafenrand herum nach den oben erwähnten deich- 
artigen Hohen, die im Norden das Stadtgebiet abschlieüsen. 

Der Hafen war ein künstlich ausgetieftes Bassin, welches sich vor 
dem schmalen Eingange, den der Paulsthurm beherrschte, etwa 1500 Schritt 
am Koressosfufse in das Stadtgebiet hineinzog. Zur Zeit der nassen 
Witterung erkennt man noch jetzt die alte Verbindung mit dem Kaystros. 

Die Ruinen, welche im inneren Stadtraum liegen, sind noch zu 
wenig genau durchforscht, um über die Entstehungszeiten und die Be- 
stimmung der einzelnen Bauten ein sicheres Urtheil abgeben zu können. 
Wir suchen sie hier nur nach ihren Hauptgruppen aufzufassen, um uns 
darnach eine etwas deutlichere Vorstellung von der Gesammtanlage der 
Stadt des Lysimachos zu bilden. 

Wir unterscheiden die groüsen Festlokale am Fufse des Pion, 
nämlich das mit dem Kopfende und der einen Langseite aus dem Berge 
gearbeitete, an der andern Langseite aui^emauerte Stadium, die nördlich 
davon liegende oben besprochene Felsterrasse, mit dem benachbarten 
Gymnasium und dann das am westlichen Fufse anlehnende Theater mit 
dem BUek auf die See «od so gerichtet, dafe ^ de« Bing«,g zum 
Hafen gerade vor Augen hatte und den ganzen Wasserverkehr überblickte. 

Zweitens die Anlagen, in der Niederung, welche sich von Theater 
und Stadium gegen den Hafen erstreckt und wahrscheinlich erst durch 
Einengung desselben entstanden ist, das Centrum des städtischen Ver- 
kehrs, der groJGse Marktplatz mit dem Wasserbassin in der Mitte, von 
zwei Gymnasien eingefafst, von denen das kleinere am Theater liegt, 
das grölBere unmittelbar am Hafen. 

Die dritte Gruppe umfafist diejenigen Gebäude, welche in dem 

Abh. der philos.-hiitor. KL 1872. Nr. 1. 4 



26 

Thale liegen, das sich vom Hafen aus zwischen Pion und Eoressos bis 
zu dem beide Höhen verbindenden Sattel hinaufzieht, und jenseits dessel- 
ben in dem Thalbecken von Opistholepria. 

In der schluchtartigen Einsattelung lag das Odeion mit einer 
Reihe von Denkmälern, welche den Weg auf beiden Seiten begleiteten, 
in Opistholepria das grofse Gymnasium. 

Für die Stadtgeschichte von Ephesos giebt es keine wichtigere 
Frage als die nach dem rechtlichen Verhältnisse zwischen der neu ge- 
gründeten Stadt und dem Artemisium. Der Tempel war jetzt ein vor- 
städtisches Heiligthum; die Festlokale waren innerhalb der städtischen 
Mauer, die Leitung der Feste mufs, wie ich glaube, an die Bürgerge- 
meinde übergegangen sein, der überhaupt die volle Souveränität im Stadt- 
gebiete zurückgegeben war. Wir dürfen also wohl annehmen, dafs die 
städtischen Behörden jetzt ein Schutzrecht über den Tempel ausübten 
und dafs schon durch Alexander im Wesentlichen das Verhältnifs be- 
gründet worden ist, welches wir auf Inschriften und Münzen der spätem 
Zeit als den Neokorat bezeichnet finden^). 

Damit war aber der alte Antagonismus nicht beseitigt, nur erhielt 
derselbe jetzt eine andere Form. Die Tempelbehörden mufsten jetzt 
ihr Augenmerk darauf richten, ihre Gerechtsame der Stadt gegenüber zu 
wahren und jede von aufsen sich darbietende Gelegenheit zu benutzen, 
um auf Kosten der Stadt Gewinn an Herrschaft und Einkünften zu erlangen. 

Als Mithradates seine Macht aufrichtete, zählte die Priesterschaft 
auf ihn, dessen Herrschaft mit den alten asiatischen HeiligthÜmern zu- 
sammenhing. In gemeinsamem Römerhasse wurde auch die Bürgerschaft 
in die Bewegung hereingezogen. Später trennten sich die Parteien wieder 
und als Mithradates Herr der Stadt war, wollte er das Weichbild der 
Artemis erweitem. Von der Ecke des Tempeldaches scholB er seinen 
Pfeil ab, um danach die neue Gränze zu bestimmen. Der Schufs reichte 
wenig über die von Alexander gezogene Mai*k hinaus und gab also nur 
zu einer geringen Erweiterung auf Kosten der Stadtgebiets Anlafs^). 

^) 'Eipsavi fMvwtf aiFcca-tSv T^jg 'AgrifJuSog (vtfvHo^i) C. I. Gr. 2972. Eckhel Doctr. 
N. II p. 520. 

') Str. 641. Inschrift aus Mithradates Zeit Le Bas Ezplication des inscriptions gr. 
et lat. D. 136* mit der Anm. von Waddington p. 59. 



27 

Eine neue Änderung trat unter Antonius ein. Der Triumvir ver^ 
fiel dem berauschenden Einflüsse des Orients, er wurde auf dem Boden 
Asiens zum Asiaten. Darum begünstigte er bei verschiedenen Gelegen- 
heiten hierarchische Institute, die wichtigsten Stützpunkte einheimischer 
Traditionen; er liels sich in Olbe von den dortigen Priesterfamilien ge- 
winnen und gewährte dem ephesischen Tempel eine solche Begünstigung, 
dafs er den Umfang seines Gebiets verdoppelte^). 

Nun war wiederum ein Theil der Stadt innerhalb des Peribolos. 
Mitten in den Straisen waren die Gränzsteine, welche die städtischen 
Gerichts- und Verwaltungsbehörden nicht überschreiten durften. Die 
Ausdehnung des Asyls md^te zu den gröDsten Mifsständen AnlaCs geben. 

Octavian nuichte diesem Unwesen ein Ende. Er verengte wieder 
den Tempelhof, indem er eine neue Befriedigung anordnete, nnd das ist 
nun einer der glücklichsten Erfolge von Woodys Nachgrabungen, dafs die 
Ecke des octavianischen Peribolos mit den dazu gehörigen Inschriften 
neuerdings angefunden worden ist. 

Es finden sich zwischen Pion und Artemision verschiedene Spuren 
alter Begränzungen, welche durch neuerdings gezogene Gräben von 2 bis 
3 Meter Tiefe freigelegt worden sind. 

Herr Wood hat in seinem 'Führer einen Punkt nach einer Grruppe 
von Ölbäumen, den einzigen in der ganzen Gegend, genau bezeichnet. 
Es ist der Punkt A, die Ecke der südlichen und westlichen Peribolos- 
mauer. Die westliche wurde zehn Meter weit ausgegraben und erwies sich 
jünger als die südliche Mauer, welche aus gröfseren Steinen erbaut ist; 
die oberste Steinlage springt über den unteren vor. 

Die westliche Mauer trifft in ihrer Verlängerung auf einen anderen 
Mauerzng, der von 0. nach W. geht. Am Ende des östlichen Mauer- 
stücks B ragt eine Gruppe von 4 Pfeilern an die Oberfläche ; 1 20 Meter 
nordöstlich läfst sich ein anderer Pfeiler aus Quadern gebaut erkennen. 

Den beredten Commentar zu diesen form- und zusammenhanglosen 
Mauerstücken bilden die Inschriften. Denn nach Herrn Wood ist A die 
Ecke, wo die Inschrift gefunden ist, deren Text bei Waddington in seinen 



^) Str. 641. Vgl. ähnliche Begünstigimgen asiat Priesterstsaten von Seiten Roms. 
Pompeios giebt dem Archelaos %wfav BtT%otuou k6h>ju n^og rvlf Ug^l Str. 558. 

4» 



28 

Fastes des prov. AsiatiqueB p. 94 mitgetheilt ist: Imp. Caesar Divi. F. 
Aagustus C. Xn. Trib. pl. XVIII. pontifex maximus ex reditu Dianae 
fanum et Augusteum muro muniendum curavit C. Asinio [Gallo pro. 
COS.] curatore Sex. Lartidio leg. Im griechischen Texte: XvroK^drw^ Kaüra^ 
@tov viog Xsßcurrog, vvarog ro tß\ ^jLia^Xi'xti? e^cvTtag ro w( eK rwv itoZv rSig 
0BGV ir^ocroiwv rov vaov fta\ ro ^eßarr^ov nyjurBHvcu ir^oevofiSi/i Itti Falw 

Die Mauerecke ist durch Herausnehmen des Inschriftsteins, der 
nach England geschickt worden ist, zerstört; das noch Übrige zeigt die 
beifolgende Skizze (T. IL). Durch eine glückliche Entdeckung ist also in 
dem merkwürdigen Kampfe zwischen weltlichem und geistlichem Terri- 
torium, in dem Vor- und Zurückrücken der Peribolosmauer ein fester 
Punkt, und zwar ein besonders bedeutender gegeben; die SWEcke des 
Peribolos, wie ihn Octavian festgesteUt hat, etwa 2 Stadien von der 
Ausgrabungsstelle. 

Es sind noch andere, auf Begränzung heiliger Räumlichkeiten be^ 
zfigliche Inschriftfragmente zum Vorschein gekommen, und zwar solche, 
welche über Herstellung einer Umfriedigung urkundlichen Bericht in einer 
unverändert wiederkehrenden Formel abstatten (Tr^oeK^ovrig ofjiotJg hn^Tafiev 
evraKatitKarriv o"n]At}y, Tt^ceX&ovTBg ii ifxoiwg u. s. w.). Eine zusammenhän- 
gendere Inschrift ist nach Mr. Wood in der Mauer des Augustus gefunden: 
auroKoarm Kaiera^ &ecv viog XtßaTTog vxarog ro tß' ii/iixa^ixSig e^ov(yuig ro 
1^ O'rriXag le^äg rm o^v Hoi oO^wv ' K^ifxi^ aTFOKareTryiTev^ -'^hrtfjLsXi^a Xi^rov 
Aa^TiAou Tr^BO-ßsvrov. To ^sTS'^ov i%u itXarovg ifviyßig it. Dan\i in derselben 
Mauer eine zweite Inschrift, der ersten gleich bis v^^ß&jroxt und dann 
1^ o&g !%u Tvv Tö5 oi&^(p rov irorafxov TTtixti/g X'^). 

Die Pfeiler bezogen sich also nicht auf Umgränzung des Peribolos, 
sondern auf die Einfassung von Land- und Wasserwegen, welche neben 
einander herliefen und als zum Tempel gehOi*ig und an der Atelie desselben 
theilnehmend durch sorgfältige Begränzung von dem profanen Terrain 
umher gesondert waren. Wir sehen, dafs der Ganal 15 Ellen und der 
Weg dieselbe Breite hatte; zusammen 30 Ellen = 45 Fufs^)« 



^) Nach gütiger Mittheilung von Herrn Waddington. 

') Wir dürfen einer Vollstündigen Veröffentlichung der zahlreichen Infichriftstücke 



29 

Octavian hat mancherlei Reformen in Ephesos gemacht, weiche 
ungleich wichtiger waren als die neue Umhegung des Tempelraames, 
deren urkmidliches Zeugnifs uns vorliegt. Die wichtigste derselben war 
ohne Zweifel die Erweiterung des alten Gottesdienstes durch das Sebasteion 
(dessen Überreste vielleicht in der Ruine C zu erkennen sind), um so 
wichtiger, da schon die Erlaubnifs der Stadt Rom und dem Divus Julius 
ein Heiligthum zu errichten, in Ephesos wie in Nikaia an die Bedingung 
geknüpft war, dafs der neue Cultus von den am Orte wohnenden Rö- 
mern versehen werden sollte^). 

In dieser Beziehung glaube ich zwischen den Reformen Octavians 
und denen Alexanders einen gewissen Zusammenhang annehmen zu dürfen. 
Wenn nämlich oben (S. 33) mit Recht vermuthet worden ist, dafs die 
im Tempel deponirten Gelder unter bürgerliche Gontrole der Ephesier 
gestellt wurden, und dals die Stadt seit jener Zeit ein Schutzrecht über 
den Tempel erhielt sowie einen bestimmten Antheil an der Leitung der 
Feste, so ist Octavian auf diesem Wege einer fortschreitenden Einschrän- 
kung der priesterlichen Autonomie nur weiter gegangen. Er verfügt für 
den Bau des Augusteum über die Einkünfte des Tempels, und seit der 
Zeit waren neben den ^hesischen Bürgern auch römische Bürger in der 
obersten Verwaltung . des Tempels vertreten. Dadurch wurde die Zähig- 
keit einer allen westlichen Gultureinflüssen hartnäckig widerstrebenden 
Priestermacht gründlich überwanden, und das Artemisium erhielt dadurch 
in einem viel höheren Grade den Gharakter eines ökumenischen Heiligthums. 

Die Stadt selbst konnte dabei nur gewinnen and es bezieht sich 
gewifs auf die octavianischen Neuerungen, wenn Strabo sagt, daüs Ephesos 
zu seiner Zeit von Tag zu Tage an Gedeihen zunehme^). 

Wenn derselbe Schriftsteller aber auch sehr bestimmt zwischen 
den noch in voller Kraft stehenden und den zu seiner Zeit auiser Kraft 
gesetzten Tempeleinrichtungen unterscheidet, so ist mir sehr wahrscheinlich, 
dafs Octavian es war, auf dessen Einrichtungen dieser Unterschied des 

▼erwandten Inhalts entgegensehen und ich erwähne nur, dafs die Pfeiler als Orfinzsteine 
des Tempellandes (mi>.Yiv irfo9 r^ U^^ X^^^Cf?) vorkommen und anf anderen Fragmente 
(ufutiTtou erwfthnt werden. 

1) Dio. C. 31, 2. 

^) <^^<f<<' ^^'^' iHCtTTfjv vifAsgaif Str. 641. 






30 

einst und jetzt beruht. Der Dienst der Verschnittenen, die Amtswflrde 
der Megabyzoi (S. 8, 20, 4), die Satzungen in Betreif der weibBchen Hiero- 
dulie und alles damit zusammenhängende Unwesen asiatbcher Gebräuche 
ward abgeschafft. Das Asylrecht dauerte fort, wenn es auch unter Octa- 
vian und noch einmal unter Tiberius gesetzlichen Beschränkungen unter- 
worfen wurde ^). 

Der ganze Kampf zwischen Orient und Occident, zwischen Priester- 
recht und Staatsrecht, welcher Jahrhunderte lang auf diesem engen Gebiete 
geführt worden ist, tritt uns jetzt erst, nachdem die Tempelstätte auf* 
gefunden und der doppelte Mittelpunkt der Ortsgeschichte nachweisbar 
geworden ist, in anschaulicher Weise entgegen. 

Ein topographischer Punkt von besonderer Wichtigkeit ist noch 
die Verbindung zwischen Stadt und Heiligthum seit Lysimachos Zeit. 

Hierüber können natürlich bei dem durchaus unvoUkommnen Zu- 
stande der Ausgrabungen noch keine bestimmten Ansichten angestellt 
werden. Es kann nur die Absicht sein, nach Maüsgabe des bis jetzt vor- 
liegenden Materials einige Gesichtspunkt aufzustellen, wdche weiteren Foi^ 
schungen etwa als Grundlage dienen können. 

Die wichtigsten Conmiunicationslinien des Stadtgebiet« sind durch 
die Lokalität gegeben. Es ist der Hohenweg, welcher vom Stadthafen 
her nördlich vom Theater auf den Pion steigt und jenseits durch die 
Schlucht bei der Siebenschläfergrotte hinunter nach dem heutigen Dorfe 
fahrt, und die beiden in der Niederung angelegten Fahrwege, welche den 
Pion umgehen, der eine an seinem südlichen, der andere an seinem 
nördlichen Fufse. 

Der südliche Weg kommt aus der Schlucht in den Thalgrund von 
Opistholepria. Hier hat in der Nähe des Grymnasiums ein Hauptthor 
gelegen und zwar, wie man nach der Lage vermuthen muis, das Thor 
von Magnesia. Hier soU die Wasserleitungsinschrift gefunden sein, deren 
Mittheilung ich der Güte des Herrn Waddington verdanke: ro v&a^ ro 

^) Str. 641, wo man auf die Imperfecta achte ifi%ov, tiyovs ^%^v)^ weiche nach 
meiner Ansicht die voraugusteiachen Einrichtnngen bezeichnen. (Die wichtige Stelle ist 
interpolirt^ ich kann wenigstens die Touristennotizen aber Thrason nicht für strabo- 
nisch halten.) Auf die Imperfecta hat schon Bemajs HerakL Briefe S. 108, wie ich 
nachträglich sehe, hingewiesen. 



31 

iK r6v Kouvov Md^vavroQ tov tira%^iv70i Oiro KAou^ou AieyeVoi^ 'E7ri|LicAt}rotl. 
Der Marnasbach war bis jetzt nar aus Münzen bekannt^). 

Von der alten HeerstraTse nach Magnesia sind bis jetzt noch keine 
sicheren Spuren nachgewiesen. Doch folgte sie gewifs derselben Schlucht, 
in welcher sich jetzt die Eisenbahn hinaufzieht, weil in dieser Richtung 
die Wasserscheide zwischen Eaystros- und Maiandrosthal sich kaum 
500 Fufs erhebt. Damach kann nicht bezweifelt werden, dafs das opistho- 
leprische Thor das magnesische sei. 

Eine zweite unverkennbare Thorlage findet sich in dem Sattel 
zwischen Athenaion und Eoressos, wo der Ausgang nach der See und 
dem Hafenorte Koressos war, die inschriftlich bezeugte Ko^crcrix^ ttvAi). 

Die Verbindungslinien mit dem Heiligthume gingen durch die Nie- 
derung, welche die kleinen Bäche wie Mamas und Elaseas unterirdisch durch- 
ziehen, die ursprünglich zum Kaystros abflössen und später, als Canäle 
gefafst, wahrscheinlich den Pilgerhafen speisten. In dieser Niederung 
wai-en nur auf künstlichen Unterbauten Wege herzustellen. , Zwei alte 
Dammwege, welche nach Osten convergiren, erkennen wir in deutlichen 
Überresten unter dem Nord- und SOfuIse der Pion, beide von Grtber- 
reihen eingefafst, welche in mehreren Schichten Über einander liegen und 
davon Zeugnifs ablegen, wie man diese nach dem Artemision gerichteten 
Prozessionswege mit Vorliebe als Begräbnifsplätze benutzte. 

Nach den Untersuchungen des Heirn Wood war die Strafse, welche 
zu dem 'magnesischen Thore führte 45 Fufs breit und hatte zur Rechten 
die alte Stadtmauer, welche seit Lysimachos dem untern Rande des 
Berges folgte. Auch Überreste von Säulenhallen sind an diesem Wege 
zu Tage gekommen. 

Die beiden Gräberstrafsen werden sich gerade im Osten, wo der 
HOhenweg herunterkommt, am Fufse des Berges vereinigt haben, die 
Hälfte des Berges ringförmig umgebend. 

Nun ist in der grofsen Theaterinschrift, welche die Weihegeschenke 
des Salutarius betrifft^), der Weg genau bezeichnet, welchen die mit den- 



^) Waddington M^langes de Nnmismatiqae, 1861, p. 27. 

^) Ich verdanke einige Stellen der Inschrift der Gute des Herrn Murray am britt. Mus. 
Eine andere Stelle lautet nach Herrn Waddington: Snuag i^ rolg yjj\ja{Qipo^o\ja'i <pi^uv ug 



^ 



32 

selben einherziehenden Prozessionen wandeln sollen (ro fpi^uv nai aZ tf^i^tiv 
rä Ka^u^w^ivra vro OvißiGV 'XaXoxjra^iov — (tt^ott^v^cvtwv koI rm itpi^ßw^ 
UTTO T^c MayvviriKYi9 yrvXif\g hcu [xera rag I^CKAifTia^ TvvTr^oiFevTrovrwv ewg rijc 
Kopfio'criKYjg irvhyig Ka^wg xai ev ro7g irooyEyovicri yl/yjipio'fJLao'i ij ßovXii kcu o 

Die Festzüge gingen also vom magnesischen Thore um den Pion 
herum nach der Nordseite, wo die Festlokale lagen und in der Nie- 
derung (wahrscheinlich unterhalb des Theaters oder im Theater) auch die 
Volksversammlungen gehalten wurden ; von da, wie ich glaube, am Theater 
vorüber und am EoressosfuTs entlang, dessen altheilige Punkte oben 
(S. 13) angefahrt worden sind, nach dem Athenaion und dem £oressos- 
thore, dem SchluTspunkte der Prozessionsstrafse. Denn der Koressos- 
rQcken machte die Gränze der Stadt ; die Aufsenseite desselben lag au&er- 
halb des städtischen Zusammenhangs. Das Angesicht der Stadt war 
gegen Osten gekehrt. 

Im Osten des Pion unterhalb der SiebenschlSfergrotte müssen 
wir dann den Weg ansetzen, welcher gerade auf das Heiligthum zufOhrte, 
die eigentliche via sacra, welcher das Hauptthor des Tempelhofes ent- 
sprechen muTste. 

Auch Pausanias (VII, 2, 9) spricht von der heiligen Strafse so, 
dafs wii* eine Spaltung derselben nach verschiedenen Stadtthoren annehmen 
müssen, indem er einen Theil der Strafse (an welchem das Denkmal des 
Androklos lag) als denjenigen bezeichnet, welcher am Olympeion vorbei 
nach dem Thore von Magnesia gerichtet war (yi o^g sk tov U^cv ira^u ro 
^OKv(JLTn€tov KOt STTt wvAag rag Mayvyirliag), 

Auf diesen Zweig der Strafse bezog sich des Sophisten Damianos 
grofsartige Bauthätigkeit, indem er nach PhUostratos (p. 264 Kayser) den 
vom magnesischen Thore herabführenden Weg ein Stadium weit mit 
einer bedeckten Marmorhalle überbaute, damit die zum Heiligthum Wan- 



70 c] Ix^rXtjTiaT Km rov^ aytuua^ rot anttHovlayLara Kai tueouag ra KaSi8gwfuv[a Cvo cuo]v 
Ovttßlov ^aXovra^lo'j ix tov n^ouaov Trjg 'A^i/xtSog avvsTriixsXovfJLSuwv Kai twu utwvoiwv crvfXTrcc^a" 
>MiJißavovT(M}v KOt t£v sipffßüDu coTo Tvi^ MayvyiTiKvjg nuXffg Ka) avvTTfoiFifJkiroi/Tuv ^<%^< Tfjg Ko- 
^tO'TiKr^ ttvXyjQ, 



33 

delnden nicht vom Regen belästigt würden. Von solchen Bauten sind 
üeberreste am Wege gefunden worden (S. 31). Ein ähnlicher Hallen- 
weg, welcher Pergamon mit dem vorstädtischen Asklepieion verband, ist 
neuerdings nachgewiesen worden. 

Die Verbindungen zwischen Ephesos und dem Binnenlande sind 
noch nicht erforscht worden. Wir wissen nur, dafs auch die Höhen im 
Osten jenseits der Bahnlinie mit der alten Stadt in nahem Zusammen- 
hange standen. Denn wenn man der grofsen, aus Tempeltrümmern er- 
bauten Wasserleitung folgend, die Höhen hinansteigt, so kommt man, 
etwa 8 Minuten jenseits der Bahn ansteigend, links von dem Aquädukt, 
zu einer Quelle, welche unterirdisch in einem aus Quadern erbauten 
Canale fliefst. 

Da bis jetzt nur eine so geringe Anzahl fester Punkte gewonnen 
ist, wäre es vermessen, der geschichtlichen Erörterung den Versuch einer 
in's Einzelne gehenden Topographie der alten Stadt folgen zu lassen. 
Halb Binnen- halb Seestadt, mit einem überaus künstlichen System von 
Land- und Wasserwegen, einer grofsen Mannigfaltigkeit von Terrain- 
verhältnissen, die sich im Laufe der Zeit wesentlich umgestaltet haben, 
mit einer chaotischen Menge von Ruinen der verschiedensten Zeit ist 
Ephesos bei dem völligen Mangel alter Ortsbeschreibungen gewifs eine 
der aUerschwierigsten Aufgaben topographischer Forschung. Man kann 
also einstweilen nichts geben, als eine Periegese der Ruinen, und da hier 
der Blick des Technikers aUein im Stande ist, die Baureste sicher und 
scharf zu beurtheilen, so gereicht es mir zur besonderen Genugthuung, 
dafs mein Freund, der Baarath und Professor Adler es auf meine Bitte 
übernommen hat, im Anschlufs an den beifolgenden Plan das ephesische 
Ruinenfeld zu beschreiben. 

Ich werde auch, was über die anderen von uns im Herbste 1871 
besuchten Städte Eleinasiens zu sagen ist, an die von Herrn Major Regely 
aufgenommen oder unter seiner Leitung gezeichneten Stadtpläne als Er- 
läuterung derselben anschliefsen , und zwar hat Herr Dr. Hirschfeld den 
Text zu der Skizze von *Alt-Smyrnä*, Herr Dr. Geizer die Erläuterung eines 
Theils der pergamenischen Inschriften übernommen. Da nun auch Herr 
Carl Humann in Bergama seine Aufnahme von Pergamon und Herr Pro- 

Ahh. der philos.-hi$tor. Kl. 1872. Nr. 1. 5 



34 

fessor Stark einige seiner landschaftlichen Skizzen uns zur Verftkgung ge- 
stellt hat, so ist das vorliegende Heft zugleich ein Denkmal unserer ge- 
meinsamen Arbeiten auf der kleinasiatischen Reise, Aber deren ftufseren 
Verlauf ich in den Preufsischen Jahrbüchern Band XXIX berichtet habe. 



Erläuterungen 

zum Stadtplane von Ephesos 

▼on 

Fr. Adler. 

Seit fast sweihundert Jahren hat das anagedehnte Trnmmerfeld von Ephesus 
werthvolle Beiträge zur Kenntnifs der antiken Baukunst geliefert Was über der 
Erde aufrecht stand, haben ältere Reisende gesammelt und in Beschreibungen und Zeich- 
nungen niedergelegt. Das unter der Erde ruhende Material ist erst in neuster Zeit (von 
1864 — 71) durch die energisch betriebenen Ausgrabungen des Mr. Wood näher erkundet 
worden. Die bisherige Kenntnifs der denkmalreichen Stadt ist dadurch gewachsen, ja 
durch die glückliche Wiederaufündung der Reste des Artemision das Gebiet der klassischen 
Baugeschichte wesentlich bereichert worden. Vieles bleibt noch zu thun, theils in der 
umfassenden Blofslegung ganzer Stadttheile, theils in der speciellen Untersuchung der 
einzelnen Ruinenplätze. Doch ist genügendes Material vorhanden, nm bereits eine Uebersicht 
der auf der beifolgenden Terrainskizze Blatt I verzeichneten Hauptdenkmäler unter Her- 
vorhebung ihrer charakteristischen Eigenthümlichkeiten geben zu können. 

Abgesehen von einigen unbedeutenden Leistungen der altchristlichen Baukunst 
(die Doppelkirche JE7 und Siebenschläfer grotte) und einer hervorragenden Schöpfung 
der osmanischen Baukunst (MoscheeSelim) stammen die erhaltenen Baoreste aus zwei 
Epochen, der hellenistischen und der romischen. Zu der ersten, welche den Neubau des Arte- 
mision umschliefst, gehören Theater, Odeion, Stadion, Agora, und zwei Gymnasien, femer der 
ältere (zugeschüttete) Stadthafen und die Ringmauern auf dem Koressos und Pion, ein- 
schliefslich des festen Wartthurms, der den Namen St Pauls Gefängnifs trägt. Die 
zweite Epoche wird durch einige Tempel, das Forum und Prätorium, durch mehre pracht- 
volle Grabmäler, mit Thermen verbundene Gymnasien, Peribolus- und Thor- Anlagen, 
sowie durch den mehr oder weniger durchgreifenden Umbau fast aller älteren Baudenk- 
mäler vertreten. 

Eine ganz besondere Beachtung verdienen einige Architektoneste, weil sie er- 



35 

sichtlich viel filteren Urspninges sind, als die grofsartige, wahrscheinlich nach einem 
Plane erfolgte Stadtschöpfang unter L78imlu^hos. Es sind dies auXser dem an der Nord- 
seite des Plön belegenen grofsquadrigen Mauerreste F einige Nischen-Felsgräber bei der 
Siebenschläfergrotte, das mit J bezeichnete gröfsere Felsheiligthnm am Pion und 
eine kleinere ebenfalls aus dem Felsen gehauene geweihte Stätte am Koressos südlich 
vom Hafen. Die letztere besteht aus einer könstlich geebneten Felsplatte, welche an der 
Ostseite noch die ursprüngliche hohe Klippe (mit einer Votivnische darin) erbalten zeigte 
während jenseits nach dem Hafen zu eine Felsezedra, grabbettartig vertieft angeordnet 
ist. Ungleich bedeutender ist aber das erstgenannte, auf Blatt 11 in gröfserem Maafsstabe 
gezeichnete Felsheiligthnm J, welches Falkener unrichtig abgebildet und ohne irgend 
nähere Begründung als Serapeion bezeichnet hat. Hier ist die am weitesten in die Ebene 
hineintretende Nordwestecke des Pion zu einer viereckigen, an den Ecken abgerundeten 
Felsterrasse künstlich zugehauen und die nicht genau in der Mitte stehen gebliebene 
sondern etwas nach Osten hinausgerückte Kuppe zu einer eigenartigen Bauanlage um- 
gestaltet worden. Es ist eine Plattform von 20 M. Durchmesser, in deren Peripherie 
dorch sechszehn derb und roh eingehauene Nischen, den Zähnen eines Zahnrades ver- 
gleichbar, sechszehn strebepfeilerartige Vorsprünge gebildet worden sind, von denen die 
vier nach den Hauptrichtungen der Windrose gestellten beträchtlich breiter erscheinen, als 
die übrigen. Die westöstliche Orientirung des Felsenplatzes beweisen die in dem West- 
pfeiler eingeschnittenen Stufen, welche Terrasse und Plattform verbinden. Nirgends sind 
Anbauten oder Abbruchsspuren sichtbar; alles ist unversehrt; urwüchsig schlicht er- 
scheint die Technik, und der Umfang der Arbeit erweckt Erstaunen. Am Westabhange 
der Terrasse befindet sich eine lange über dem schroffen Abstürze eines Steinbruches 
schwebende und mit Podesten, Sitzplätzen und trogformigen Cistemen ausgestattete Fel- 
sentreppe, welche von unten d. i. vom alten Meeresstrande zur Terrasse und zur Platt- 
form emporfuhrte. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dafs in dieser ungefügen aber 
echt monumentalen und kostbaren Anlage ein hochaltes Heiligthum erhalten ist, welches 
an den Felsaltar des Zeus zu Athen (der sog. Pnyz) in überraschender Weise erinnert 
Nicht zu übersehen ist die sorgfältig gewählte Lage des Platzes, fast genau halbweges 
anf einer geraden Linie zwischen dem Koressos-Sattel am St. Pauls Oeflängnifs (dem 
ersten Ansiedelungsplatze der eingewanderten Athener) und dem Artemision; denn sie be- 
gründet die Annahme, dafs hier schon in vorgeschichtlicher Zeit ein religiöser Mittelpunkt 
für Gemeinde -Kultus geschaffen worden ist, der eine vermittelnde Brücke zwischen der 
attischen Bürgerstadt und dem asiatischen Priesterstaate bilden sollte (vgl. oben S. 14). 
Eine etwas nähere Kenntnifs verdient ferner bei der Seltenheit solcher Anlagen 
die in dem einspringenden Winkel zwischen Pion und Koressos (sudlich von N) belegene 
Stadtquelle, welche durch eine Yedutenskizze anf BL 11 dargestellt worden ist. Sie 
liegt rechts vom Hanptwege zwischen dem koressischen und magnesischen Thore im 
Hintergrunde einer kleinen Thalschlucht und ist ezederartig 4 M. breit, 2 M. tief, auf 
drei Seiten mit Futtermauem aus grofsen Quadern eingefafst Die Quellöffnung selbst 
von 0,60 M. Breite zu 0,71 M. Höhe war schmucklos gestaltet. Diese Thatsache sowie 
die grofsartig derbe Structur und die Verwendung schräger Stofsfugen sprechen für einen 
Bau, der älter als die Ijsimachische Epoche ist. Ausgegrabene Reste spät-ionischer 



36 

Bauweise lassen einen später bewirkten hallenartigen Abschlufs nach vom erkennen. Sie 
bestätigen die fortgesetzte Pflege und künstlerische Fassung dieses werthen Naturgeschenkes. 

Aus geschichtlich datirbarer Zeit folgen sodann die Reste des Artemi sion^ am 
Fufse des Castellhügels von Ayassuluk, mithin an einer Stelle gefunden, wo nur Arundell 
sie vermuthet aber niemand sie gesucht hat und über 6 M. tief im Flufsschlamm und 
Ealkfelsenstaub begraben. Seit der Auffindung im Frühjahre 1871 ist bis Ende Sep- 
tember desselben Jahres etwa ein Drittel der Tempelarea und zwar an der Südwe^tedLe 
blofsgelegt worden. Für einen Nichttechniker ist die Orientirung auf dem Trfimmerfelde 
im hohen Grade schwierig, selbst ein Architekt bedarf der Magnetnadel, um eine Übersicht 
über die weit zerstreuten Reste zu gewinnen. Die Zerstörung ist eine exceptionell durch- 
greifende gewesen, weil die Trümmerst&tte Jahrhunderte hindurch für die marmornen 
Prachtbauten Gonstantinopels und zuletzt noch im Anfange des XVI. Jahrhunderts für 
die nahe belegene Moschee Selims als Steinbruch gedient hat. Viel fehlte nicht daran, 
so wäre sie total gewesen^ — so verschwindend klein sind die Überreste zu der ganz 
ungeheuren Baumasse, welche einst durch seltene Gröfse und kunstvolle Fügung eben- 
sosehr die Bewunderung des Alterthums geweckt hat, als durch ihre mit asiatischem Luxus 
bewirkte Ausstattung. Gleichwohl sind die bisher gefundenen Bruchstücke von hohem 
Werthe. Sie bestätigen die Einzelangaben der Alten, wie den grofsen Maafsstab, die 
ionische Bauweise, die columruu caelatae; sie geben aber mehr, sie beweisen, dafs im 
Innern korinthische, in der Elrjpta dorisirende StützensteUungen vorhanden waren, und 
dafs, weil überwiegend attischer Einflufs in allen Details sichtbar ist, der letzte bekannte 
Bau des Deinokrates, kein in der Formensprache ängstlich behüteter Restaurationsbau, 
sondern unter Festhaltung der Fundamente und des Maafsstabes, im Grofsen nnd Ganzen 
ein völliger Neubau gewesen ist, bei welchem die neusten Errungenschaften der Archi- 
tektur bereits mit voller Freiheit verwerthet wurden. Wenn die fortdauernde Ausgrabung 
nicht noch zufällig gerettete ältere Bruchstücke zu Tage fordert, so wird unsere Sehnsucht 
nach alt-ionischen Bauresten des VI. Jahrhunderts auf diesem so denkwürdigen Bauplatze 
der alten Welt vorläufig unerfüllt bleiben. 

Die ionischen 1,16 M. hohen Basen sind in dem üblichen Schema formirt, ans Plin- 
thus, doppeltem Trochilus und der oberen Spira mit 9 Reifen bestehend. Der untere Säulen- 
durchmesser beträgt ca. 2,13 M.; die wegen der Zerstörung nur mit Schwierigkeit mefs- 
baren Azenentfemungen der Front ca. 7,80, der Seiten 7,25 M.; die Schäfte tragen 
24 Cannelüren. Die Capi teile sind denen der Propyläen zu Athen eng verwandt; die 
Schneckenausladung beträgt 2,75; den Seitenansichten fehlt der Balteus-Gurt, sie sind 
funftheilig gekehlt und jede Kehle mit gedoppelten Astragalen gesäumt Die aus fünf 
mächtigen Quaderschichfen hergestellte Krepis ist ca. 3,40 M. hoch. Von den dreitheiligen 
mit Perlenschnüren geschmückten Epistjlien sind bisher nur schwache Bruchstücke ge- 
funden worden; die inneren Architrave waren 1,26 M. hoch, dreitheilig fascirt, aber ohne 
verknüpfende Astragale. Werthvolle Trümmer des Artemision stecken in der Moschee 
Selims ; aufser zahlreichen Stufen und Elrepis-Quadern ein schöner 0,42 M. hoher Wandhals 
mit zierlich gemeifseltem Doppelmäander, welcher in rhythmischem Zuge Rosetten, See- 
krabben, Schwalben, Schwäne u. dgl. umschliefst Von der Ausstattung des Innern sind 
korinthische Capi teile mit zwei Blattreihen in gebohrter Arbeit gefunden worden; des- 
gleichen stämmige dorische Rundpfeiler mit 36 Cannelüren aus der Krypta. Der trefflich 



37 

geglättete MarmorfoTsboden der letzteren liegt noch theilweis wohlerhalten an Ort und 
Stelle. Mit seiner Auffindung begann die Wiederentdeckung aller übrigen Reste. Das 
grofste Interesse erwecken aber mehre mit Reliefs geschmückte Säulentrommeln, welche 
zum ersten Male die oft besprochenen columnae caelatae des Plinius deutlich veran- 
schaulichen. Diese 36 Säulen, von denen wie ephesische Münzen aus hadrianischer 
Zeit beweisen acht an der Vorderfront standen, Maaren dicht über der Basis mit etwas 
über lebensgrofsen Figuren in Basrelief geschmückt, über denen erst in 2,25 M. Hohe nach 
einem Anlaufe die Gannelürcn begannen. An romischen Eandelaberschäften findet sich 
dieses Motiv, welches eine echt hellenistische Bauepoche cbarakterisirt, vielfach aufgenommen 
und weiterentMrickelt. Leider hatten die bisher aufgefundenen Blöcke schwere Beschädi- 
gungen erlitten und lagen noch theilweis im Grundwasser, so dafs eine nähere Besichtigung 
sehr erschwert war. Auf einer Trommel war ein stehender Hermes mit Petasus, Chlamys 
und Gaduceus erkennbar, vor ihm eine mit Chiton und Peplos bekleidete weibliche Figur, 
links neben der letzteren eine nackte weibliche Figur mit Schwingen. Auf einer andern 
ist nur der Untertheil einer schönen sitzenden weiblichen Figur mit übergeschlagenen 
Beinen erhalten. Von einem dreiseitigen Altare, der in gleicher Weise geschmückt war^ 
ist eine' Ecke mit zwei auf den benachbarten Seiten vertheilten Figuren gefunden worden; 
eine derselben besonders wohl erhalten, ist nach rechts eilend gebildet, mit schön dra- 
pirten fiiegenden Gewändern und nach der Gefährtin zurückblickend. Die andere Figur 
sitzt auf einem stierartigen aber verstümmelten Thiere, dessen Sattel eine Löwenhaut 
bildet Die Composition dieser Reliefs ist frisch und lebendig, die Arbeit dagegen flüchtig 
mit Ausnahme der an dem Altarreste, welche an die hohe technische Vollendung der 
Nike-Tempel Balustrade erinnert. Die ganze Stilbehandlung verräth einen unverkennbaren 
Zusammenhang mit den Reliefs vom gröfseren Friese des Maussoleums. 

Das Jllaterial des Artemision ist ein feinkörniger Marmor, der dem pentelischen 
an Güte sehr nahekommt, aber bläulicher schimmert und deshalb der- warmen Tönung 
entbehrt So weit die Technik erkennbar ist, war sie der in den perikleischen Bauten 
geübten hochvollendeten Technik nicht ganz ebenbürtig, wenn auch mit gediegener Sorg- 
falt behandelt. Aus den bisher ermittelten Maafsen und gefundenen Bruchstücken 
läCst sich eine sichere Restauration des Heiligthume nicht bewerkstelligen, besonders 
da der Cellabau so gründlich zerstört ist; aber wir dürfen hoffen, dafs weitere Funde 
die Möglichkeit bieten werden, wenigstens die Hauptfront auch dieses Weltwunders in 
der Baukunst, ähnlich wie es bei dem Maussoleum von Halikamass geschehen ist, dereinst 
durch Zeichnung zu veranschaulichen. 

Von der Peribolos-Mauer des Artemision ist die durch ihre Augusteische In- 
schrift (S. 27 f.) wichtig gewordene Ecke Ä mit ihrer zwiefachen Struktur gröfserer, mörtellos 
fügter Quadern der Südseite und kleinerer in Kalk vermauerter Quadern der Westseite auf 
Blatt II specieller dargestellt worden. Ein Rest der besseren hellenischen Mauer findet 
sich in der Terrainskizze bei 0, von der später hergestellten geht ein längerer geknickter 
Zug in der Richtung Imn. Bei B stehen vier grofse Mauerpfeiler genau in der Flucht 
der antiken Strafse, welche an der Nordseite des Pion entlang laufend, bei D blofsgelegt 
ist und an der Langseite und Front des Stadions sich wohlerhalten findet. Das mit C 
bezeichnete Gebäude haben wir leider nicht gesehen. Nach gütiger brieflicher Mittheilung 
des Herrn Weber (Smjrna) soll dasselbe aus römischer Zeit stammen. „Nur die West- 



38 

Beite 45 M. lang ist noch erhalten; 5 M. tief steht dasselbe in der Erde, 3 M. ragt es 
daraus hervor. Tn dieser Höhe ist ein marmornes Gesims com Theil noch sichtbar, 
welches um das ganze Gebäude herundief. Im Innern finden sich grolsentheils zerstörte 
Gewölbe.* 

Das in den Hanpttheilen wohlerhaltene Stadion O liegt an der Nordseite des 
Pion und ruht mit seiner rechten (südlichen) Seite auf dem Bergabhange, wahrend seine 
linke von grofsen quergelegten tonnenüberwölbten Substmctionen gebildet wird, welche 
die Sitzstufen tragen. Eine über 36 M. lange und noch 12 M. hohe gekrümmte Futter* 
mauer aus gewaltigen Marmorquadern von 2 — 2,20 M. Länge und 0,60 — 0,75 M. Höhe um* 
zieht das obere Rundhaupt und hängt mit der Akropolismauer des Pion zusammen. Die 
Länge der Rennbahn betrug 229,50 M., die Breite fast 30 M. An ihrem oberen Ende 
ist wie am panathenäischen Stadion zu Athen durch eine niedrige, nach innen wie nach 
auTsen gekrümmte Mauer (mit kleinen Eckräumen) ein besonderer 40 M. langer Raum 
abgetrennt worden, der zwar der Mauertechnik wegen sich als eine spätrömische Her- 
stellung erweist, aber sehr wohl die Erneuerung einer älteren und nur zeitweis besei- 
tigten Einrichtung gewesen sein kann. Es liegt nahe, diese Raumabtheilung als die Stelle 
des Ring- und Fanstkampfplatzes aufzufassen. Nach Abzug dieses Raumes mit 40 M. 
ergiebt sich das genaue Stadionmaafs mit 190 M. Von den Sitzplätzen sind noch einige 
wenige von 0,37 M. Höhe und 0,40 M. Tiefe am Rundhaupte am Platze; alle übrigen fehlen« 
Die ganze Anlage besitzt durch grofsartige Fassung und technische Behandlung alle 
Kriterien eines Werkes der Ijsimachischen Epoche. Die Front ist dagegen eine römische 
Schöpfung. Sie bestand aus einer Doppelreihe von sieben Säulen -Arkaden zwischen 
vier starken Eckpfeilern, sämmtlich auf niedrigen Stylobaten aufgestellt. Die Sänlenschäfte 
fehlen, die attisch-ionischen Basen waren mit den Stylobaten aus einem Stücke gearbeitet; 
auf den korinthischen Gapitellen ruhten architravirte Bögen, ähnlich deneq der Wasser- 
leitung am Horologion des Andronikos zu Athen, und ein mit Zahnschnitten versehenes 
Geison nebst löwenbesetzter Sima bildete die Krönung. Kaum gestattet die redncirte 
Behandlung und sehr flüchtige Durchfahrung diese Eingangsballe als einen Wiederher- 
stellungsbau aus der Zeit des Tiberius aufzufassen, und dennoch muTs sie spätestens 
dieser Epoche angehören, weil nirgends die so leicht erkennbai^n gehäuften Zierformen 
der spätrömischen Baukunst sich vorfinden. Neben dieser meines Wissens hier zum 
ersten Male bekannt gewordenen Stadion-Eingangshalle sind die Sitzstufenreihen durch 
hohe Schenkelmauem abgeschlossen. An der rechten Seite steht als Abschluls ein grofser 
(schon öfters abgebildeter) Marmorbogen auf simirten und zahnschnittbesetzten Kämpfern, 
der wegen seiner Zusammenfugung aus älteren inschriftreichen Prachtquadern, sowie wegen 
der charakteristischen Kämpferformen der altchristlichen Epoche entstammt, aber weil 
er den Zugang zu einer mit Felsgräbern besetzten Strafse auf den Pion eröffnet, bereits 
ein älteres Thor ersetzt haben mufs. Die linke Seite erscheint in ähnlicher Weise aber 
in schlechterer Technik — nur in Cubusquaderreihen — abgeschlossen. 

Das ebenfalls in den Westabhang des Pion eingebettete Theater K ist eine der 
mächtigsten Anlagen dieser Denkmälerklasse, leider stark verschüttet. Der Durehmesser 
beträgt über 200 M. ; zwei Diazomata und eine Säulenhalle auf dem obersten Umgänge 
sind erkennbar, aber die Treppenzahl ist ohne Aufgrabung nicht zo ermitteln. Wohl- 
erhalten stehen die schräg geführten Schenkelmauem aus grofsen, schwarz gewordenen 



39 

Marmorquadem über 33 M. hoch aufrecht; dagegen ruht ein Schuttberg Über dem aus 
dem edelsten Materiale erbaut gewesenen Skenengebäude. Seit Mr. Woods gemachten, 
keineswegs erschöpfenden Ausgrabungeu, welche Statuen und Reliefs geliefert haben, ist 
hier ein unbeschreibliches Chaos von Baustücken entstanden, zu dessen kunstwissenschaft- 
licher Bewältigung behufs einer zuverlfissigen Aufnahme mehr Zeit und Hülfsmittel ge- 
hörten, als wir besafisen. Die umherliegenden Trümmer lassen zwei Bauepochen, eine 
hellenistische Orundanlage und einen römischen Umbau erkennen. Schöne Sfiulenschfifte 
von polirtem Oranit, von afrikam'schem und sjnnadischem Marmor, zum Theil noch auf 
ihren Stylobaten stehend, ionische Kranz- und Kassettenblöcke, sowie Friesstücke mit 
Reliefs und mehre Statuentorsen lassen die ehemalige glänzende ja überreiche Ausstattung 
erkennen. Nirgends wäre eine umfassende Ausgrabung mehr am Platze als hier, da die 
tief verschüttete Orchestra höchstwahrscheinlich noch unangetastet liegt und laogerwünschte 
Aufschlüsse über die Thjmele des griechischen Theaters gewähren würde. Die axen- 
mäfsige Stellung des Theaters zur Hafeneinfahrt begründet die Vermuthung, dafis beide 
gleichzeitig und nach einem Plane, höchstwahrscheinlich unter Lysimachos angelegt 
worden sind. Denn unverkennbar hat der vom Pilgerhafen am Artemision wohl zu 
unterscheidende Stadthafen in hellenistischer Zeit bis an den Pionabhang gereicht und 
ist erst unter römischer Herrschaft theils wegen Verschlammung, theils wegen dringend 
gebotener Stadterweiterung künstlich durch einen breiten Damm zurückgedrängt worden, um 
die Anlage eines stattlichen von Norden nach Süden gerichteten Forums zu ermöglichen. 
Dabei hat man einen Theil des alten Hafenbeckens in der Form eines oblongen Bassins, 
in dessen Centrum auf einer Insel eine kleine Bauanlage (Heroum?) stand, konservirt 
und mit Portiken und ö£Fentlichen Gebäuden umringt. Mit dieser Auffassung stimmt die 
Lage der alten aber nur in einem römischen Umbau erhaltenen Agora zwischen dem 
Theater K und dem Tempel des Claudius JkTan der Südostecke des Hafens überein. 

Auch das Odeion auf dem hohen Sattel zwischen Koressos und Pion gelegen 
und in den Südhang des letzteren eingeschnitten gehört zu der Ijsimachischen Stadt- 
anlage. Es ist etwas kleiner als das des Herodes Atticus zu Athen, aber ähnlich dis- 
ponirt und mit gleicher Pracht aus weifsem Marmor erbaut Der Durchmesser betrug 
über 60 M.; fünf Treppen theilten die Sitzreihen, von denen die neun unteren wohlerhalten 
und mit ihrer Höhe von 0,39 M. und Tiefe von 0,36 M. gut mefsbar sind; alle Stufen- 
bahnen waren rechts und links von Löwentatzen eingefafst; oben bildeten korinthische 
Säulen mit herrlichen rothen Granitschäften eine bedeckte Stoa. Ein Theil des Skenen- 
gebäudes ist aufgegraben; die dadurch sichtbar gewordenen auffallend hohen Unterquadern 
und die Einrahmungen der Hauptthür und der beiden Nebenthüren zeigen attischen Einflufs, 
so dafs die erste Anlage noch der hellenistischen Epoche angehört, während zwei römische 
Umbauten derselben gefolgt sind. Grofse Bogennischen an den Proskenien mit architravirten 
Bögen und kleinlich profilirten dorisirenden Pfeilerkapitellen sind hierfür beweisend, ebenso 
Inschriften aus der Zeit des Antoninus Pius. Einzelne aus dem Schutte hervorgezogene 
korinthische Akanthus-Capitelle mit drei Blattreihen lassen sogar einzelne für das HI. Jahr- 
hundert charakteristische Rohhelten und Nachlässigkeiten erkennen. Die äufsere Ring- 
mauer ist mit grofsen Quadern bekleidet und mit Strebepfeilern besetzt. 

Vom Hippodrom ist bisher keine Spur gefunden worden. Sicher lag er in der 



40 

Kaystros-Ebene und daher entweder an der Nordseite des Pion (etwa bei D) oder an 
seinem Ostfufse in der Gegend der grofsen Steinbruche und der Siebenschl&fergrotte. 

Die Ringmauern auf dem Pion und dem Eoressos bilden eine der ausge- 
dehntesten Befestigungsanlagen, welche aus dem griechischen Alterthum gerettet worden sind. 
Leider verhinderte Zeitmangel eine eingehende Untersuchung der mit Thurmen wohlbewehrten 
Ringmauer auf dem Eoressos. Nur ihr westlicher Abschlufs, ein citadellartiger Wart- 
thurm, das sogenannte St. Pauls Gefängnifs T wurde spezieller untersucht, da dieser 
Bau von den meisten älteren Reisenden gar nicht oder nur oberflächlich gewürdigt worden 
war. Am äufserten Westende der Stadt, wo ein hoher Bergsattel den sich neigenden 
Kamm des Eoressos mit der Felshöhe von St. Pauls Gef&ngnifs verbindet, steigt die 
Eoressos-Mauer mit geschickter Terrainbenutzung herab und hat da, wo zwei Strafsen, 
eine Thal- und eine Bergstralse, zusammentreten, ein leider :£erstortes Thor^ das koressische 
Thor besessen (S. 31). Etwas nordlich davon biegt die Mauer wieder nach aufsen und wird 
durch einen stattlichen grofsquadrigen Thurm (von 8,20 M. LSnge zu 7,70 M. Breite) in 
isodomer Technik gedeckt. Oestlich von demselben und jenseits einer steilen Schlucht 
erhebt sich auf einer 30 — 35 M. hohen und schroffen Felskuppe, die als leicht zu ver- 
theidigende Naturwarte frühzeitig zur Ansiedlung locken mufste, der stolze Wartthurm, 
der den Namen St. Pauls Gefängnifs trägt. Es ist ein nahezu quadratischer Thurm von 
15,50 M. zu 14,60 M., den zwei sich kreuzende Innenmauern in allen Etagen in vier 
Räume theilten (S. 25). Noch stehen anderthalb Geschosse von diesem ohne Mörtel erbauten 
Befestigungsprachtbau; die Stärke der Mauern beträgt 1,46 M.; die Structur ist als 
Emplekton mit durchgehenden Quaderbindern erfolgt. Die Aufsenquadern zeigen sich 
als schlichte Buckelquadern ohne Randbeschlag und wuchtiger als die der servischen 
Mauer oder des Augustus -Forums zu Rom. Die vier Erdgeschofsräume sind durch 
schmale spitzbogig überkragte Thüren mit einander verbunden. Auch die auf der Ostseite 
gelegene Hauptpforte von 1,52 M. Breite zu 2,30 M. Höhe ist spitzbogig überkragt 
gezeichnet aber nicht überwölbt worden. Die 0,47 hohen und 0,22 M. breiten Balkenlöcher 
beweisen, dafs auch im Innern keine Wölbung, sondern nur starke Holz Überdeckung vor- 
handen war. Die Quaderhöhe beträgt durchschnittlich 0,52 M. zu einer Länge von 0,70 bis 
1,20 M. Nach Norden stieg ein abgestufter mit absteigenden Zinnenwänden besetzter 
Mauergang in rechtwinkliger Führung zu einem kleinen auf einer niedrigeren Elippe stehen- 
den Vorthurme nieder, welcher gleichzeitig hergestellt worden ist, um in demselben mittels 
einer versteckten Treppe den gesicherten Zugang zu einer am Fufse des ganzen Vor- 
gebirges sprudelnden Quelle zu gewinnen. Die ganze hochinteressante Anlage erinnert 
lebhaft an verwandte mittelalterliche Fortiflkationen ähnlichen Zweckes besonders an 
den Ordensschlössern zu Marienburg, Marienwerder und Thorn. Leider ist es nicht ge- 
lungen, die Fortsetzung der Mauer bis zum Hafen hin verfolgen zu können; höchstwahr- 
scheinlich ist dieselbe unten wegen der leichten Zugänglichkeit früh zerstört worden. 

Die Ringmauer auf dem Pion ist ebenfalls nur in Bruchstücken erhalten. Auf 
einzelnen Strecken stehen noch 15 — 20 Quaderschichten über der Erde. Die Stärke be- 
trägt 3,25 M.; zur Flankenvertheidigung sind Thürme von 8 M. Front zu 4,20 M. Tiefe 
angeordnet; das im Sattel zwischen beiden Pionkuppen anzusetzende, weil durch die Terrain- 
bildung bedingte Hauptthor ist vollständig verschwunden. Besser erhalten ist ein drei- 
pfortiges von 13 M. zu 15 M. grofsen und stark vortretenden Seitenthürmen flankirtes 



41 

Thor zwischen dem Pion und Opistholepria südlich von S. Da dieses Thor rechts den 
Weg nach Magnesia, links die Hauptstrafse zum Artemision, an welcher aufserhalh der Stadt- 
mauern Mr. Wood das Grahmal des Androklos aufgefunden zu hahen glaubt, eröffnete, 
so darf dasselbe fortan mit Sicherheit als das magnesische Thor bezeichnet werden. In der 
technischen Behandlung wie im grofsen Maafsstabe entspricht dasselbe dem Koressos- 
Wartthurme, nur hat es in römischer Zeit einen etwas zierlichen Umbau mit neuen 
marmornen Thurrahmen erlitten, bei welcher Gelegenheit auch zwei mit Reliefs geschmückte 
Sarkophage vor der Feldseite aufgestellt worden sind. Zahlreiche Statuen-Basen, Friese 
spfitrömischer Kunst, Gladiatorenkämpfe und Züge von Lastwagen darstellend, sind hier 
gefunden worden. An der Hauptstrafse nach dem Artemision stehen in den theilweis 
noch offenen^ theilweis wieder zugeschütteten Gräben lange Doppelreihen marmorner, 
aber mit schmuckloser Einfachheit behandelter Sarkophage und Grabaltäre, deren zusam- 
menhängende Lage und Führung auf der Terrainskizze als Gr aber straf se bezeichnet ist. 

Die übrigen Reste monumentaler Baukunst stammen aus der Zeit der römischen 
Herrschaft; selbst diejenigen Gymnasien, welche ihrer Grundanlage nach noch der helle- 
nistischen Epoche angehören müssen, haben in Folge der durch Erdbeben hervorgerufenen 
Umbauten so. bedeutende Veränderungen erlitten^ dafs fast jedes charakteristisch alte Ge- 
präge verloren gegangen ist. Das besterhaltene Gymnasium ist das opistho- 
lepreische, auf dem Plane mit S bezeichnet. Schon Pococke, Arundell und Chandler 
haben dasselbe beschrieben, Revett und Falkener Messungen und Zeichnungen davon publicirt. 
Es ist ein oblonger durchweg gewölbter Bau von 107 M. Frontlänge zu 88 M. Tiefe. Vor 
der Hauptfront lag jenseits einer auf Marmorstufen erhobenen Stoa der buschreiche Xystus, 
von Hallen umringt; hinter demselben das Hauptgebäude, an den beiden Tiefseiten und 
der Hinterseite mit einem 11 M. breiten gewölbten Korridore (Diaulos) umgeben. In 
der Frontmitte befand sich der mit drei Kreuzgewölben überdeckte Hauptsaal (Ephebeion) 
von 15 M. zu 28 M.; neben demselben das Konisterion, Korykeion u. s. w. Hinter 
dieser die Palästra bildenden Vorderhälfte folgten die Baderäume mit dem Apodyterion 
in der Mitte; die Räume für Schwitz- und Kaltbad an den Seiten. Diese Baderäume 
zeigen schon eine stattliche Entwicklung, aber sie sind nicht — wie in den römischen 
Thermen — das Überwiegende. Auch fehlt es im Grundrisse selbst an jeder höheren 
künstlerischen Verknüpfung zwischen Palästra und Therme. Die geschützte Lage des 
ganzen Baues und die Anordnung der Übungssäle an der Mittagsseite, sowie mehrfach 
erkennbare Luftheizungsröhren gestatten die Vermuthung, dafs dieses Gymnasium über- 
wiegend in der winterlichen Jahreszeit benutzt wurde. In technischer Beziehung lassen 
sich zwei Bauzeiten unterscheiden; die. der hellenistischen Gründung und die eines um- 
fassenden römischen Restaurationsbaues. Der hellenistische Bau war aus grofsen weifsen^ 
— jetzt schwarzgrau gewordenen — Marmorquadern erbaut und besafs bereits Backstein- 
gewölbe. Er stand auf hoher Elrepis, zu der drei Stufen emporführten ; ionische Zahn- 
schnittgebälke schmückten ihn und architravirte Bögen fehlten nicht. Die erste Anlage 
darf noch dem lU. Jahrhundert v. Chr., der römische Restaurationsbau der Mitte des 
I. Jahrhunderts n. Chr. zugeschrieben werden. 

Zwei andere Gymnasien liegen an der Westseite des Pion, das eine neben dem 
Theater, das andere dicht am Hafen L. Das erstere zeigt in der Plandisposition gro£se 
Verwandschaft mit dem opistholepreischen und beweist durch seine Lage zwischen Agora 

Abh. der philos.'hUtor. Kl. 1872. Nr. 1. 6 



42 

und Stadion die frühe Gründung; doch sind bei der starken Zerstörung ohne eine um- 
fassende Ausgrabung weitere Aufschlüsse schwer zu gewinnen. Nur ist auch hier. ein 
römischer Um- und Erweiterungsbau gesichert. Das am Hafen belegene Gymnasium L 
bildet eine grofartige Ruine und hat deshalb ^ sowie seines lab3rrinthartigen gewölbten 
Unterbaues halber oft als Artemision -Ruinenstätte gegolten. Aber gerade der kunstlich 
geschaffene und mit grofsen Kosten hergestellte Bauplatz auf alter Hafensohle spricht für 
die späte Erbauung. Auch hier wie am Theatergjmnasium waren die Säle und Hallen mit 
backsteinernen Tonnen- und Kreuzgewölben bedeckt, während die Mauern und Pfeiler 
aus Marmorquadern bestanden. Die Abmessungen bei L sind schon sehr grofs; sie er- 
innern an den Maafsstab der Kaiserthermen zu Rom. Der Mittelkorridor, der das Ge- 
bäude in südnördlicher Richtung der Länge nach durchschneidet, ist 155 M. lang und 
17 M. breit. Links von demselben liegt in der Mitte der mit Kreuzgewölben auf acht 
Granitsäulen überwölbte Haaptsaal von 37 M. und 20 M. Die acht Widerlagpfeiler sind 
in kolossalen Maafsen (9 M. tief) und ohne seitliche Durchbrechung ausgeführt worden, 
sodafs die sonst üblichen Seitenschiffe hier nur als 1\ M. tiefe Nischen erscheinen. 
Da sich hierdurch die ganze Anlage als eine Vorstufe für die Titus-, Caracalla- und 
Diocletians-Thermen zu erkennen giebt, so darf die Zuschüttung und Hinausrückung des 
Hafens mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits in die erste Hälfte des I. Jahrhundert n. 
Chr. gestellt werden, zumal diese Zuschüttung durch die nothwendige Beseitigung der un- 
geheuren Schuttmassen nach dem bekannten grofsen Erdbeben unter Tiberius veranlafst 
worden und durch Claudius beendigt sein kann. 

Nördlich von dem Stadion, jenseits der grofsen Feststraf se sind noch auf künst- 
lich geschaffenem Terrassenunterbau die jBtark reducirten Reste eines stattlichen Gebäudes 
H erhalten, welches aus grofsen gewölbten Sälen, kleineren Nebengemächem und sehr 
breiten Korridoren "bestehend, bald für einen Palast, bald für ein Gymnasium gehalten 
worden ist. Die bevorzugte Lage längs der Nordseite der Stadtmauer und unmittelbar 
auf derselben aufgesattelt, mit der unbehinderten Aussicht auf das Meer, die Häfen, den 
Flufs und das Artemision, sowie die gesicherte Existenz eines prachtvollen von Hallen 
umringten Terrassengarten a an der Hinterseite begründen die Annahme, dafs an dieser 
Stelle der Amtssitz eines höheren römischen Yerwaltungsbeamten (des Prätors} zu suchen 
ist. Auch hier wäre eine sorgfältige Ausgrabung von besonderem Interesse. 

Das mit N bezeichnete in der Nähe der Stadtquelle gelegene Gkbäude, welches 
nur flüchtig untersucht werden konnte, giebt sich als ein sehr loses, aus älteren Struktur- 
theilen zusammengesetztes Konglomerat zu erkennen. Am Fufse des Bergsattels steht 
ein Mauerrest von grofsen Quadern, der anfangs imponirt, bald aber als Theil eines eilig 
und nachlässig errichteten Befestigungswerkes erkannt wird, weil lange Architrave rück- 
sichtslos darin verbaut sind und der ganze Bau quer durch eine kleine Konchenkirche 
läuft. Die letztere ist tief verschüttet; was von ihr sichtbar ist, zeigt sich als ärmliche 
Bedürfnifsbaukunst. 

Von gröfserem Interesse sind die in diesem Stadttheile befindlichen Tempel und 
Prachtgrabmäler. Mit Ausnahme des Tempels des Claudius, der dicht an der Agora 
liegt, befinden sich die andern drei Tempel und vier imposante Grabmäler auf dem Sattel 
zwischen Pion und Koressos und zwar so geordnet, dafs die Tempel auf dem Südhange des 
ersteren und die Gräber am Nordfufse des letzteren stehen. Der Tenipel des Claudius 



43 

Jf, fast genau nördlich orientirt, auf hohem Unterbau stehend und dem Kaiser wegen der 
unter seiner Regierung glucklich vollendeten Forumanlage wahrscheinlich grade an dieser 
Stelle errichtet, bildet jetzt einen bewachsenen Trümmerhaufen. Nach älteren Berichten 
war es ein viers&uliger korinthischer Bau in antis, von mittelgrofsem Maafsstabe und nur in 
der Front aus Marmor errichtet. In neuerer Zeit sind seine Reste stark zusammen- 
geschmolzen. Die beiden andern Tempel mit ü, und W bezeichnet, sind nach Osten 
orientirt Der erste derselben war wegen tiefer Verschüttung bisher unbekannt und ist 
durch Mr, Wood nur theilweis aufgedeckt worden. Er war in mittelgrofsem Maafsstabe 
ganz ans weifsem Marmor erbaut worden, die Frontsäulen, vermuthlich sechs an der Zahl, 
besafsen glatte Schäfte von edlem violett gestreiftem Marmor; die Basen waren attisch, 
die korinthischen Capitelie zweiblattreihig, die Antencapitelle compositer Version. Diese 
charakteristischen Eigenthümlichkeiten sowie die zweitheiligen Architrave mit fullungs- 
artiger Unterfläche und die gebauchten Friese entscheiden für eine späte Herkunft, viel- 
leicht aus der Mitte des II. Jahrhunderts n. Chr. Der Tempel V steht auf einem statt- 
lichen Unterbau von 9 hohen Quaderschichten, an dessen Nordseite die antike Fahrstrafse 
wohlerhalten aufgedeckt hinabsteigt Es war ein im römischen Schema gebauter acht- 
säuliger Prostylos, etwa 23 M. breit und 52 M. tief, einschliefslich der dreischifflgen 
30 M. tiefen prostylen Vorhalle. Den spfitionischen schlichten Basen fehlt die obere 
Spira; die nur an der Südseite mefsbare Axenentfemung der 0,54 M. starken Säulen 
beträgt 2,40 M. Auf den mit 24 Cannelüren versehenen Schäften ruhten sorgfältig in 
Meifselarbeit durchgeführte Capitelie theils compositer, theils ionischer Version; die letzteren 
mit einfachen Voluten in der Front, aber mit weit heraustretenden Euhkopfen an 
beiden Seiten. Diese seltsame, meines Wissens hier zum ersten Male vorkommende 
Composition ist sehr geschickt durchgeführt, indem die Thierköpfe mit ihren fleischigen 
Hälsen zwar sattelholzartig weit hervorragen — die Totallänge beträgt 1,46 M. bei einer 
Tiefe von 0,65 M. — aber sich an die doppel-kelchförmig gestalteten Volutenseiten trefflich 
anschliefsen und nur dieselbe Höhe beanspruchen, als das halslose echt ionische Capitell. 
Mit Sicherheit läfst sich aus dieser im Gegensatz zur Centralform so charakteristisch die 
Richtung aussprechenden Eunstform die Annahme gewinnen, dafs die kuhköpfigen Capi- 
telie an den beiden inneren Säulenreihen des dreischifßgen Prostylos angeordnet gewesen 
sind, — ähnlich wie es mit den ionischen Säulenreihen der Propyläen zu Athen und 
Eleusis im Gegensatz zur dorischen Front geschehen ist, — während die compositen 
Capitelie, durch ihre Centralform an jedem Punkte verwendbar, die drei äufseren Säulen- 
reihen des Prostylos schmückten. Der ganze Tempel war trotz der grofseren Sänlenzahl 
im Maafsstab kleiner als der des Claudius. 

Dem Odeion gegenüber, auf hoher künstlich geschaffener Terrasse steht halb- 
verschüttet, halb aufgedeckt, ein stattliches antikes Grabmal P ähnlich dem bekannten 
Prachtbaue der Via Appia, dem Grabthurme der Caecilia Metella. Das hiesige ist gröCser, 
weil fast 25 M. im Durchmesser, aber weniger reich und schön gestaltet. Zwei aus 
kleinen Quadern erbaute niedrige Cylinder mit zierlichen Eranzgesimsen bekrönt^ bilden 
nbereinanderstehendy — der obere etwas schmaler, als der untere — den Unterbau, und 
ein flacher Eegelhügel, der wahrscheinlich mit Cypressen bepflanzt war, bildete den 
oberen Abschlufs. Eorinthische Säulen auf runden Stylobaten scheinen zu dem ein- 
schliefsenden Peribolus gehört zu haben. Die Gesammtanlage besitzt alle Eennzeichen 

6» 



44 

eines Baues der römischen Spfitzeit. In der Nfthe sind drei Piedestale für Reiterbilder, 
deren Front nach der Hanptstrafse gerichtet war, ausgegraben worden. Hinter dem 
groÜBen rogusartigen Grabmal zwischen P und Q folgt ein sehr stark verschüttetes Back- 
steingebäude, welches mit drei Tonnengewölben, die auf Marmorpfeilern ruhen, sich nach 
einem Hofe öffnet, in welchem inschriftsreiche Piedestale aufgerichtet sind. Eins der- 
selben ist fvLT Yedius Antoninus von der Zunft der lanarii gesetzt worden. 

Neben dem letzten Grabesbau folgt an derselben Seite in der Richtung zum 
magnesischen Thore hin eine flache Mulde, von höheren Terrassen flankirt Im Hinter- 
grunde derselben bei Q liegen kolossale Erepisquadem in zwei Reihen etwa 9 M. lang 
und darüber erstreckt sich ein trümmerbedecktes bisher unerforschtes Plateau. 

An derselben Seite des Weges und immer auf gleicher Terrassenhöhe liegt ein 
dritter Grabesbau, der den auffallenden Namen Grab des heiligen Lukas lührt. Erhalten 
ist ein mit weiTsen Marmorplatten bekleideter cylindrischer Unterbau von 20 M. Durch- 
messer, dessen Innenraum mittels eines ringförmigen Tonnengewölbes, welches einerseits 
auf einem starken runden Mittelpfeiler, andererseits auf der dicken von zwölf Fenstern 
durchbrochenen Aufsenmauer aufsattelt, überdeckt ist. Diese Struktur stimmt ganz mit 
der entsprechenden am Gordianer Grabmale (dem sog. Torre di Schiavi) an der Via 
Prfinestina und dem Heroum des Romulus, Sohnes des Maxentius, an der Via Appia zu 
Rom überein, trSgt aber in der künstlerisch feinen Ausstattung der Details, besonders der 
Piinthe und der Fensterumrahmungen, das Gepr&ge einer älteren Epoche, höchstwahr- 
scheinlich der vom Schlüsse des I. Jahrhunderts. Die Vermuthung liegt nahe, dafs der 
Oberbau als ein peripteraler Ereisbau von zwölf Sfiulen gestaltet war, wie die sogenannten 
Vesta- Tempel zu Tivoli und Rom. Doch scheint derselbe frühzeitig untergegangen zu 
sein, — wahrscheinlich durch Fortnahme und Wiederbenutzung der Peripteral-Sänlen — 
denn schon in altchristlicher Zeit ist der Unterbau von der Südseite her erbrochen worden, 
um den Innenraum aufs Neue zu benutzen. Dabei hat man in sehr mittelm&fsiger Technik 
eine kleine Kapelle eingerichtet und den Eingang mit zwei marmornen, weit vortretenden 
Antenpfeilern geschmückt, von denen der links stehende, völlig glatte zwar zertrmnmert, 
aber in seinen Bruchstücken noch erhalten ist und der rechts stehende noch heut in der 
Stimflfiche innerhalb seines Rahmenwerkes ein schlankes altchristliches Kreuz und darunter 
einen schreitenden Stier, beides noch in echt antiker Behandlung zeigt, so dafs hierdurch 
die christliche Herkunft und traditionelle Bezeichnung anfser Frage stehen. 

Berlin, im April 1872. 

Fr. Adler. 



45 



Pergamon. 

(Tafel UI.) 



Wir finden an dem ganzen Gestade des westlichen Kleinasiens eine zwiefache 
Reihe von Niederlassungen, die der hellenischen Eüstenorte und die der landeinwärts 
gelegenen Städte älteren Ursprungs, welche, wenn auch durchschnittlich nur eine halbe 
Tagereise vom Meere entfernt und in offenen Flnfsthälem gelegen, dennoch zur Mesogaia 
gerechnet wurden. So die Binnenstädte der doriseben Hexapolis im Gegensatze zu denen 
des Uferrandes (j/ß^^ rtr^cefAfjuvtj h nivrov Her. I, 174), und ganz ähnliche Verhältnisse 
finden wir in lonien und Aeolis. Strabo beginnt nach der Periegese der Küsten^ 
Städte einen neuen Abschnitt, indem er zur Mesogaia von Mysien fibergeht und mit Per- 
gamon anfängt 

Die Städte der hinteren Reihe sind festgelegene Centralpunkle der unteren FluTs- 
thäler, bestimmt dieselben zu beherrschen und ihren Einwohnern Schutz zu gewähren. 
Man sieht ihrer Lage an, dafs sie in einer Zeit entstanden sind, da das Gestade in den 
Händen seeraächtiger Stämme war, denen man die Häfen nicht streitig machen konnte, den 
Eintritt in das Binnenland aber sperren wollte. Nach Gründung der Kfistenstädte sind 
die Binnenorte mit diesen in so nahen Verkehr getreten, dafs schon vor der Zeit des 
Hellenismus der Unterschied älterer und jüngerer Ansiedelung mehr und mehr verwischt 
wurde; es war ähnlich wie in Campanien, wo die alten Landstädte wie Capua und Nola 
allmählich so in das Culturleben der Colonien hereingezogen worden sind, dafs man die 
Fremde und Einbeimische scharf zu trennen aufser Stande ist 

Die hintere Reihe der kleinasiatischen Kfistenstädte hat für die alte Völkerge- 
schichte ein hervorragendes Interesse, weil sie recht auf der Gränzscheide asiatischer und 
europäischer Gultnr liegen, und in der Reihe dieser Städte ist keine an Wichtigkeit mit 
Pergamon zu vergleichen, von den wir im Stande sind einen Plan vorzulegen, welchen 
wir Herrn Carl Humann verdanken, dem seit einer Reihe von Jahren in Bergama an- 
gestellten und von der Landesregierung mit der Leitung des Strafsenbaues betrauten 
Architekten; der Plan ist dem von Texier an Vollständigkeit und Genauigkeit weit fiber- 
legen und so wenig wir darauf Anspruch machen können, für die Topographie der Stadt 
etwas Vollständiges und Fertiges zu geben, so ist doch das Material für dieselbe so an- 
sehnlich erweitert und über die dortigen Denkmäler so viel neue Kunde gewonnen, dafs 
es eine Pflicht ist, diese Erwerbungen der Wissenschaft zugänglich zu machen, um zu 
weiterer Arbeit Stoff und Anregung zu geben. 

Pergamon hat im Kaikosthaie eine ganz ähnliche Lage, wie die binnenländischen 
Städte am Maeander, namentlich wie Magnesia, an dem Nordrand oberhalb der Niederung, 
von den zum Flusse hinabströmenden Bächen umspfilt. Es unterscheidet sich aber von 



46 

allen ähnlich gelegenen Städten durch centrale Stellung und ungewöhnliche Festigkeit. 
Denn es war nicht nur für das eigene Flufsthal, sondern auch für das Gestade an den 
beiden grofsen Seebuchten von Aeolis das naturliche Centrum {i%ttt rtvä rjytpLoviav v^oc 
Tovg Tonovg rovrovg Str. 623)^ und was hier an Ortschaften zerstreut lag, gehörte zu dem 
unmittelbaren Landbezirke von Pergamon (ra ire^i II. yjtj^lcc yiy^t Tijg StXom;? neu xara 
Tov 'E?*aiTYiV hoXttov xat tou *AhQCitJL'jTTr,vou Str. 624). 

Dennoch können wir diese Berghöhe, die notur, Ho^vtpij tov i^ifovg, wie sie Aristei- 
des p. 771 nennt, nicht so wie das troischc Pergamon oder wie die Tantalidenstadt am 
Sipylos als ein altes Reichscentrum nachweisen. Die ältesten Überlieferungen, in denen 
sich eine Kunde von den geschichtlichen Verhältnissen an der Westküste Kleinasiens er- 
halten hat, gehen über das Kaikosthal hinweg und zeigen uns die dardanischen Könige 
als unmittelbare Nachbarn der Tantaliden. Keine Sagen sind vorhanden, durch welche 
das Reich des Teuthras und die Urgeschichte der mysischen Stämme im Kaikosthale uns 
in festeren Umrissen entgegentreten. Denn der Telephosmjthos hat nur den Zweck, eine 
ursprüngliche Yerwandschaft zwischen der Bevölkerung des Kaikosthals und den Hellenen 
jenseits des Archipelagos zum Ausdruck zu bringen und er wurde ins Besondere benutzt, 
um die äolischen Colonien mit dem Hinterlande in freundschaftliche Verbindung zu bringen. 
Dahin gehört die Anknüpfung des Pergamos an das Geschlecht der Aeakiden (Böckh 
zum C. Inscr. Gr. II p. 856) und der Telephiden an das Apolloheiligthum zu Gryneion 
(Meineke Anal. Alexandr. p. 78). 

Die erste geschichtliche Kunde von einer Stadt oder Gemeinde Pergamon würde 
die Nachricht von der Bestellung des Apollokolosses bei Onatas sein, wenn diese That* 
Sache so feststände, wie bisher von den Kunsthistorikern angnnommen worden ist (Brune 
Gesch. der Gr. Künstler I, 91 und Rathgeber Onatas in der Hall. Enc. S. 421). PausaniAS, 
welcher in Betre£f der pergamenischen Alterthümer sich besonders wohl unterrichtet und 
sorgfältig zeigt, spricht VIU, 42 nur von dem Vorhandensein des Kolosses in Pergamon 
(man vergleiche damit den Ausdruck in Betreff des S. 18 besprochenen Werks von Bu« 
pulos: ^fjiv^ualoig ayaXfjut i^yn^QiAtuog T\j%Y,g IV 30); es ist also durchaus möglich, dala 
der berühmte Kolofs erst in späterer Zeit nach Pergamon gebracht worden ist, und die 
Chariten des Bupulos in Attalos* Gemache (Paus. IX, 35, 2) beweisen, dafs man auch 
alte Kunstwerke sammelte und Werth darauf legte, die verschiedenen Epochen der helle- 
nischen Kunst in hervorragenden Exemplaren bei sich vertreten zu sehen. 

Also haben wir keine sichere Kunde über die Verhältnisse im unteren Kaikos- 
thale vor der Anwesenheit Xenophons in Mysian, über welche er an zwei Stellen (Anab* 
VII, 8, 9 Hellen. III, 1, 4) berichtet. Seine Mittheilungen, so flüchtig und dürftig sie sind, 
beleuchten dennoch in sehr lehrreicher Weise auch die früheren Zeiten, bis in die Regierung 
des Dareios hinauf. Wir sehen nämlich, dafs der Grofskönig die Familie des Demaratos 
hier angesiedelt hatte und ebenso die Häupter der Partei, welche Eretria den Persem 
übergeben hatte. Wir erkennen darin eine der politischen Mafsregeln, welche von Seiten 
der continentalen Mächte angewendet wurden, um ihre schönsten und zugänglichsten 
Landschaften zu sichern. Wie die Lyder zu diesem Zwecke im Maiandros- und Hermos- 
thaie die Griechenstädte auflösten (S. 16 ff.), so suchten die Perser das untere Kaikosthal 
in der Weise zu schützen, dafs sie griechische Emigranten mit Land und Leuten daselbst 
belehnten, Personen, von denen man überzeugt sein konnte, dafs sie um ihres eigenen 



47 

Lebens willen die anvertrauten Plätze im Falle drohender Gefahren mit voller Energie 
vertheidigen würden, die zugleich bereit und geneigt wären, bei jeder erneuerten Offensive 
die wirksamsten Dienste zu leisten, die endlich für Anbau und Hebung des Landes am 
Besten sorgen konnten. 

Uebrigens liefsen auch die Perser nach lydischem Vorgang keine grofse Stadt 
sich bilden, sondern neben Pergamon bestanden Teuthrania und Halisama; diese drei 
Orte unter den Nachkommen Demarats, während Gambreion und Palaigambrion, Myrina 
und Gryneion unter die Nachkommen der Gongylos aus Eretria vertheilt waren. Wenn 
es also in der Anabasis heifst, dafs Xenophon in Pergamon von Hellas, der Frau des 
Gougylos, gastlich aufgenommen worden sei, so scheint der Name hier die ganze Gegend 
zu bezeichnen, deren natürlicher Vorort Pergamon war. 

Die Stadtlage war nicht blofs durch Festigkeit ausgezeichnet, sondern auch durch 
Klima und seltene Fülle von Wasser. Jeder Reisende, welcher von lonien kommt, wird 
von der frischen und gesunden Luft in Bergama auf das Wohlthuendste überrascht; man 
fühlt hier auch im Sommer nur wenig von den Beschwerden, an denen man in Smyma 
zu leiden hat. 

Zwei kleine, wasserreiche Bäche strömen in tief eingeschnittenen Thälem an der 
Ost- und an der Westseite des langgestreckten Schlofsberges herunter. Der westliche 
tritt, wo sein Thal sich erweitert, in das alte Stadtgebiet ein, das er von NW nach SO 
durchströmt. Das ist also der Selinus (qui intermeat Pergamum Plin. V, 30), während 
der andere (Eestell - deresi) östlich in weiterem Thalbett an der Stadt vorüberfliefst, der 
alte Eeteios (Cetius bei Plinins a. a. O.)* Der Selinus hat wiederum seine Nebenbäche, 
wie namentlich die Wasserschlucht, welche durch das Amphitheater geht, und quellen- 
reiche Uferhöhen. Eine halbe Stunde von der Stadt entfernt strömt der Kaikos, dessen 
Bett 15 Meter unter dem Niveau der Stadt liegt und 25 über dem Meere. Im Winter 
die Ebene überfluthend, hat er auch im Hochsommer immer einen Fufs Wasser bei 30 
bis 60 Fufs Breite. So lange die Quellgebirge ihre Waldung hatten, waren die Ver- 
hältnisse ungleich günstiger und da der Flufs von Somah bis zum Meere ein durch- 
schnittliches Gefälle von 1 zu 1000 hat, so konnte er in alten Zeiten gewifs auch zur 
Schiffahrt benutzt werden. (Ich verdanke die genaueren Angaben den Mittheilungen von 
Herrn Hamann, von dem wir eine genauere Erforschung des ganzen Kaikosthals erwarten 
dürfen.) So war Pergamon einerseits mit der See, andererseits mit dem Innern durch 
bequeme Landwege verbunden, und mit Allem, was zu einer wohlgelegenen Stadt gehört, 
auf das Vollkommenste ausgestattet 

Ein in jeder Beziehung so ausgezeichneter Platz mufs von frühsten Zeiten her 
bewohnt gewesen sein, und die ältesten Spuren von Ansieoelung finden sich auch hier 
dem Felsboden eingegraben, besonders an zwei Stellen. Erstlich am Südfufse der Burg 
(p) oberhalb der jetzigen Stadt, etwa 200 Fufs über der Ebene. Hier ist eine zusammen- 
hängende Gruppe von Wohnungen wohl erkennbar, indem die Grundflächen der Häuser, 
wie in Athen, rechtwinklicht ausgehanen sind. Man findet Räume von sechs Meter Breite, 
zwischen denen auch zum Theil noch die Grundfesten der Wände erhalten sind. Dazu ge- 
hören Wege von 0,60 Breite, Treppen und tief eingeschnittene Wasserrinnen von 0,14 Breite. 

Noch merkwürdiger sind die ähnlichen Anlagen am Selinus nördlich vom Stadium, 
weil hier eine heilige Stätte unverkennbar ist. Eine 22 Meter hohe Felsklippe mit einer 



X 



48 

gegen 9. gerichteten Nische, ist von zahbreichen Vertiefangen and Absätzen zar Auf- 
stellang von Weihgeschenken amgeben; daranter eine Folsbank mit Sitzstafen and ge- 
ebnetem Vorplatz. Daran schliefst sich im Norden eine zasammenhftngende Gruppe alter 
Wohnplätze von 6 M. Breite nebst Wasserrinnen und deutlich ausgemei&elten Felswegen. 

Mit dem Klima und dem Wasserreichthum von Pergamon hängt der Dienst des 
Asklepios zusammen, welcher ursprünglich ein den Eabiren verwandter Dämon, später 
dem hellenischen Heilgotte gleichgestellt wurde; eine Umgestaltung, welche einem besondem 
Zuzüge hellenischer Bevölkerung, den von den systematischen Bearbeitern pergamenischer 
Alterthümer sogenannten Sivri^a nnoiHla in Tvjg *£>«Xa$o? (Aristeides p. 520) zugeschrieben 
wurde. Das Asklepieion bildete mit allen seinen Anlagen ein besonderes Quartier am 
äutsersten Ende der Stadt, wo heilspendende Quellen flössen. Von hier gingen die Kur- 
gäste einerseits den Selinus aufwärts, um im Gebirgsflusse zu baden, ehe er in die Stadt 
eingetreten war (Arist p. 302), andererseits nach dem Kaikos oder endlich nach Elaia 
zum Seebade. 

Bis Alexander haben wir uns also den Zustand so. zu denken, dafs die ummauerte 
Burghöhe bestimmt war, die reiche Kaikosebene zu überwachen und in Kriegszeiten als 
Rückzugsort zu dienen^ während am Fufse die heiligen Plätze mit ihren Umgebungen 
gelegen waren und eine städtische Ansiedelung, ein unteres Pergamon, welches mit den 
anderen genannten Orten (den TroXix/Liara r^? MvTtag Arist p. 338) eine Gruppe benach- 
barter Niederlassungen bildete. 

Unter Enmenes II erfolgte die grofse Neugründung, die Verbindung von Ober- und 
Unterstadt, die Verschmelzung der Nachbarorte (der Synoikismus der aoTvyelrousQ Arist. 
p. 520) und das Entstehen einer Grofsstadt, die Aristeides eine * Versammlung von Städten 
nennt; ein Ausdruck, welcher sich dadurch erklärt, dafs einzelne Theile der älteren Nieder- 
lassungen, namentlich das grofse Asklepieion, als besondere Quartiere bestehen blieben 

(to t8>^'jtcuou TfMviixa TiJQ iToXsüjQ TW '^WTviot HCtB'uiTtujTat Arist. p. 520). 

Die Aufgabe der Neugründung war eine aufserordentliche , bei dem angeheuren 
Umfang des Terrains und der gewaltigen Erhebung des Burgbergs, der über 1000 Fufs 
ansteigt. Er verhielt sich zur Unterstadt ähnlich wie Akrokorinth zu Korinth. Es sollten 
aber hier nicht die Uebelstände eintreten, welche in Korinth fühlbar waren, die Trennung 
zwischen Ober- und Unterstadt^ der Mangel an Ueb ersichtlichkeit und Gemeinsamkeit 
Hier wurden alle Mittel aufgeboten, auch das unfügsamste Terrain zu bewältigen, jeden 
Felshang bewohnbar zu machen, oben und unten zu einem grofsen Ganzen zu vereinen, 
das sich wie ein grofses Dreieck mit der Spitze im Norden allmählich in die Ebene 
hinab ausbreitete. Die ganze Stadtanlage gliedert sich also in drei Theile, die schmale 
Hochburg im Norden, die Terrassenstufen, welche Gipfel und Fufs des Berges vermitteln, 
und die vom Selinus durchflossene Unterstadt mit ihren ländlichen Vorstädten bis zur 
Kaikosniederung hinunter, wo die Grabhügel wie vorgeschobene Wachposten die äufserste 
Gränze des städtischen Weichbildes bezeichnen. 

Der Bnrggipfel bildet einen schmalen Kamm, welcher sich etwa 700 Schritt lang 
erstreckt und keilförmig gegen Norden zuspitzt Hier war die Stätte des Burgheiligthums 
(a) der Platz für die AafbewahruQg der Schätze; hier hatte man die Aufgabe, die na- 
türliche Festigkeit zu vervollständigen und an den schmälsten Punkten den Flächenraum 
zu erweitern. Im NO (b) stürzen die Felsen senkrecht zum Ketiosthale ab. An diesem 



49 

Abstorze steigt yollkomnien erhalten eine Qnadermaaer c. 80 FoDb hoch ans der Tiefe 
empor bis an den oberen Felsrand, und zwar ist sie so gebaut, dafs von den 14 — 15 Schichten 
jede untere Lage unter der oberen vorspringt, damit auf diese Weise eine grofsere Soli- 
ditfit erzielt werde. Eine ganz ähnliche Stufenmaner ist am troischen Pergamon von 
Hahn aufgedeckt und beschrieben worden. 

Yon dieser Aufsenmauer strecken sich alte Qnaderfundamente nach innen; man 
unterscheidet in derselben verschiedene Abtheilungen und es liegt die Yermuthung nahe, 
dafs hier an der innersten und festesten Stelle der Burg die Geld- oder Waffenvorrfithe 
aufbewahrt wurden. Die Ringmauer selbst ist nur in den Grundlagen zu erkennen, die 
entweder blofs liegen {d) oder von neuerem Gem&uer überdeckt sind (c). 

An der Westseite, wo der Kamm am schmälsten ist^ sind Mauern in mehreren 
parallelen Zügen (e) aufgerichtet, um schmale Terrassen zu gewinnen, welche wohl 
mit dem Burgheiligthume in Verbindung standen, das hart über der Felskante seinen weit 
sichtbaren Platz hatte. Da wir aus Inschriften und Münzen von Pergamon die Athene 
als Polias kennen, so können wir nicht anstehen^ ihr Heiligthum in dem Tempel zu er- 
kennen, der nach NNO gerichtet ist. Als er zu dem Prachtbau, von dem die Trümmer 
korinthischer Architektur übrig sind, umgestaltet wurde, waren sehr bedeutende Terrain- 
arbeiten nothwendig, denn sowohl für die Cella als auch für den Peribolos mufste durch 
künstliche Unterbauten ebener Boden hergestellt werden. Der Tempel fufst auf einer 
Futtermauer, die aus abwechselnd hohen (0,54) und niedrigen (0,38) Lagen angerichtet 
ist. Jede Quader hat einen sorgfältig geglätteten Brand von 0,09 — 0,10 Breite. Die 
Westseite des Tempels, durch Anbau vorgeschoben, ruhte auf einer dreifachen Reihe von 
Tonnengewölben, welche zugleich als Souterrain dienten und mit hinterliegenden Kammern 
versehen waren, die mit dem Innern des Heiligthums, so viel sich erkennen läfst, keine 
Verbindung hatten. Diese Bauten mit mörtelloser Steinfugung gehören ohne Zweifel der 
attalischen Epoche an, während die Peribolosmauern und auch die Tempelarchitektur auf 
spätere Zeit hinweisen. 

Wahrscheinlich fand hier unter römischer Herrschaft ein erweiternder Umbau statt, 
als der Cäsarencultus mit dem einheimischen Gottesdienste verbunden wurde und Augustus 
auch hier in die Gemeinschaft mit der alten Burggöttin eintrat. Man sieht den Augustus 
in vier- und sechssäuL'gen Tempelhallen auf pei^amenischen Kupfermünzen. 

Der Burgberg von Pergamon ist auch dadurch ausgezeichnet, dafs er wie Akro- 
korinth auf seiner Kuppe eine reichliche Quelle hat, welche wie die obere Peirene 
künstlich zugänglich gemacht worden ist Unweit des Tempels in der Mitte der ganzen 
Burg senkt sich ein viereckiger Felsschacht in die Tiefe, wo, wie an den abgeglätteten 
Wänden zu erkennen ist^ das Wasser ursprünglich höher stand. Die Wände waren mit 
Stuck bekleidet. 

Der ganze Boden des E^astells ist mit Schutt bedeckt; darunter sind hie und 
da noch die Fundamente alter Wohnungen zu erkennen. 

Der Burgfels war, wenn auch vielleicht vom Selinusthale aus in der Richtung 
auf den Burgtempel ein Nebenzugang gebahnt war, von Natur nur an der Südseite zu- 
gänglich. Hier mufste, nachdem Lysimachos den Gipfel als Gazophjlakion eingerichtet 
hatte, die Verbindung zwischen Ober- und Unterstadt hergestellt werden, und zwar in 
der Weise, dab ohne Beeinträchtigung der Festigkeit eine Stufenfolge von Terrassen 

ÄbK der phüoi.'histor. Kl. 1872. Nr. 1. 7 



50 

eingerichtet wurde, welche zur Aufnahme öffentlicher Gehftude dienten und swlschen 
denen sich ein Fahrweg hinaufzog. Von der stolzen Pracht dieser Anlagen ist es schwer, 
sich eine Yorstellang zu bilden, da nur die Trümmer der Mauern erhalten sind, welche 
entweder frei aufgeführt sind oder an natürliche Felsklippen sich als Umkleidungen oder 
Ausfüllungen anlehnen. Die Ueberreste der Prachtbauten sind Ähnlich wie bei der so- 
genannten Yalerianischen Mauer in Athen als Material der neuen Mauern benutzt. So 
finden wir ganze Reihen von S&ulenschaften dorischer wie ionischer Ordnung neben 
einander gelegt, indem sie ihrer Länge nach die Dicke der Mauern bilden (A). Bei g 
und i erkennt man die alten Mauern, bei i mit späterer Reparatur; bei / einen runden 
Eckthurm neuerer Zeit auf den Grundfesten eines viereckigen. Wo die Abhänge sanfter 
sind, wie bei o, finden sich Fundamente, Cisternen, Fufsböden kleinerer Gebäude; steilere 
Abhänge sind durch mächtige Pfeilermauern gehalten. Bei m sind zwei über einander 
liegende Terrassen zur Bebauung hergerichtet. 

Wenn also auch der Abschlufs des Kastells im Süden durch Zerstörung und 
durch Umbau verwischt worden ist, so erkennt man doch, wie der obere Abhang der Südseite 
sich wie ein Vorwerk an die Hochbarg anlehnte und wahrscheinlich durch ein pracht- 
volles Propylaion nach den unteren Abhängen öffnete. Den oberen Theil werden die 
fürstlichen Palastbauten eingenommen haben, während auf den unteren Terrassen die 
öffentlichen Gebäude, wo die Reichs Verwaltung ihren Sitz hatte, und vermathlich auch ein 
Theil der für wissenschaftliche Zwecke gegründeten Anlagen untergebracht waren. Von 
der plastischen Ausstattung der Terrasse zeugen die Postamente, welche mit ihren auf 
Ehrenbildsäulen bezüglichen Inschriften auf den Terrassen gefunden worden sind (z. B. 
C. I. Gr. n. 3550). Marmorbildwerke in Hautrelief sind, in Stücke zerschlagen, vielfach 
als Baumaterial in den mittelalterlichen Mauern verwendet worden. Herr Humann hat 
das Verdienst, einzelne werth volle Bruchstücke hervorgezogen zu haben. Was auf dem 
Boden umherlag, ist in Ealköfen zu Grunde gegangen. 

An der Ostseite oberhalb des Eetiosthals mufs ein Hauptthor des unteren Ein- 
schlusses der Akropolis gelegen haben. Von hier aus zieht sich in deutlichen Spuren 
mit altem Steinpflaster der Fahrweg hinauf in grofsen Windungen die schärferen Ränder 
umgehend, dann aber zu dem oberen Burgraum, dem Palastbezirke und der Citadelle, in 
gerade Richtung steil emporsteigend. 

Zu den Füfsen der dreifach gegliederten und dreifach ummauerten, f&rstlichen 
Stadt lag die Stadt der Bürger, die Stadt am Selinus, und zwar war die ursprüngliche 
Ansiedelung, welcher die oben erwähnten Felsarbeiten angehören, gewifs au( das Unke 
Ufer beschränkt 

Bei älteren Stadtanlagen scheuten sich die Hellenen, fliefsende Gewässer in das 
Innere der Städte aufzunehmen. Pausanias VIH, 8, 8 spricht von den daraus erwachsenden 
Gefahren. In hellenistischer Zeit hatte man dagegen ein grofses Gefallen daran, und 
der Plan von Seleukeia Pieria (in den Abhandlungen der Berl. Akademie 1855) zeigt, 
wie man Gebirgsbäche benutzte, um die Städte zu verschönem und zu reinigen. 

Als Eamenes durch Vereinigung der kleineren Ortschafiten Teuthraniens die neue 
Stadt gründete, dehnte er sie über beide FlulÜBufer ans und es mufsten von Anfang an 
die wichtigsten Aufgaben der städtischen Bauthätigkeit auf den Selinus bezüglich sein. 
Die Wohnlichkeit, Gesundheit und Schönheit der Stadt beruhte auf den Ufermauem mit 



51 

den einmündenden Kloaken, den Quaianlagen, Bracken und Ueberbauungen des Seiinas 
sowie aaf den ihn überragenden Terrassen. 

So erstreckt sich oberhalb desselben vor seinem Eintritte in die jetzige Stadt 
eine aasgezeichnete, noch dem Bergfafse angebönge, mit S&ulentrümmern gebaute Terrasse 
von NW nach SO (hinter der heutigen Moschee Beyazis), auf welcher eine sehr ansehn- 
liehe Gründung gestanden haben mufs. Die NW-Ecke ist zu einem türkischen Friedhofe 
benutzt Oestlich von der Terrasse finden sich grofse unterirdische Gewölbe. Von den 
Brücken, die jetzt über das tief geschnittene Flnfsbett fahren, ruht eine (die unterhalb 
der Basilika gelegene) auf antiken Fundamenten. Die Untermauerungen des Ufers sind 
an verschiedenen Stellen sehr wohl erhalten; die merkwürdigste aller auf den Selinus 
bezüglichen Bauanlagen besteht aber in den beiden parallelen Tonnengewölben, welche 
neben einander gebaut, dazu dienten, inmitten der alten Stadt, auf eine Strecke von 
196 Meter, das Flufsthal gfinzlich verschwinden zu lassen und eine Fläche herzustellen, 
über welche eine grofse öffentliche Bauanlage sich ungehemmt ausbreiten konnte. 

Oestlich neben der unteren Ausmündung der beiden vollkommen erhaltenen Ge- 
wölbe erhebt sich am Rande der heutigen Stadt die bedeutendste aller Ruinen von Fer- 
gamon, das aus Texier bekannte Schiff einer aus Backstein erbauten und mit antiken 
Marmorfriesen ausgestatteten Basilica mit den beiden Kapellen des Evangelisten Johannes 
und des Heiligen Antipas. Die einheimischen Periegeten (so der treiEiche Ortskenner und 
Arzt N. I. Ralli in seiner ixro^i« neu ronoy^a(pia t^c Ht^yciyiO'j, 'Ei/ ^AtJ^ini 1870. 8) er- 
kennen hierin die Ueberreste des Asklepieion und in dem benachbarten Ziehbrunnen, der 
in einer feuchten, zu Töpferei benutzten Niederung liegt, den heiligen Brunnen des Asklepios. 

Wir werden, da das Asklepieion aufserhalb der Stadt sich ausbreitete, eher geneigt 
sein, hier den Platz eines Heiligthums z^i erkennen, welches einst die Ostseite des alten 
Stadtmarkts einnahm, der sich von hier über das bedeckte Flufsthal gegen Westen er- 
streckte, wo sich die parallele Begr&nznng eines groDsen Raumes nachweisen läüst, der 
eine centrale Bedeutung für die alte Stadt gehabt haben mofs. 

Der gröfste Theil des antiken Stadtraums wird von dem heutigen Bergama völlig 
überdeckt, so dafs eine Fülle einzelner Ueberreste in den H&usem zerstreut liegt, ein 
Zusammenhang aber nirgends nachgewiesen werden kann. 

Erst an der Westgrfinze der heutigen Stadt beginnt wiederum eine Gruppe antiker 
Anlagen, welche sich an die Höhen anlehnen, die vom rediten Selinusufer gegen Süden 
streichen, Stadium, Theater und Amphitheater. 

Stadium und Theater stammen ihrer Anlage nach aus hellenischer Zeit. Bei 
dem Stadium sind an der nordwestlichen Seite die natürlichen Höhen benutzt; im SO 
ruht es auf Mauern aus grofsen Werkstücken, welche sich durch Höfe und Hütten hindurch 
verfolgen lassen. Das südwestiiche Ende ist unter türkischen Geb&uden versteckt 

Das Theater hat eine sehr schöne Lage am südlichen Abhänge der Höhen, nach 
dem KaTkosthale gerichtet. Es ist ein Bau sehr verschiedener Zeiten. Der obere Rand 
ist, um Platz zu gewinnen, über das natürliche Terrain erhöht; ebenso sind beide Flügel 
vorgeschoben und zwar ist der eine Yorsprnng in der Zeit der pergamenischen Könige 
erbaut, wie man aus dem regelm&fsigen Wechsel höherer und niedrigerer Schichten er- 
kennt, der andere stammt, aus römischer Zeit und ist durch ein Tonnengewölbe aus- 
gezeichnet, welches in schiefer Richtung hindurchführt 

7» 



52 

Das Amphitheater ist eine im Seitenthal des Selinos höchst malerisch gelegene 
Ruine, ein Bau, vielleicht einzig in seiner Art, insofern er hellenische Terrainhenutznng 
mit der Ueppigkeit des römischen Prachtstils zn verbinden suchte. Der für Pergamon 
so charakteristische Gewölbbau ist auch hier in grofsem Stile angewendet, indem er zur 
Ueberdeckung des Bachs diente, welcher zugleich benutzt werden konnte, die Arena unter 
Wasser zu setzen. 

Auf der Höhe zwischen Theater und Amphitheater findet sich ein Quellort, welcher 
zu einem Waschplatze eingerichtet war; er ist von einer Reihe von Steintrögen umgeben, 
und ein in Fels gebahnter alter Fufsweg führt dahin. 

Für die Topographie dieser ganzen Höhengruppe, welche sich durch freien üm- 
blick, frische Luft, bequeme Terrainformen und WasserfuUe auszeichnet, ist der durch 
den südwestlichen Theaterflügel gebahnte Weg von grofser Wichtigkeit Denn diese selt- 
same Anlage beweist, wie Adler sofort erkannte, dafs hier ein Weg hindurchging, dessen 
Richtung man in keiner Weise verändern durfte. 

Herr Humann hat das Verdienst, diesem Wege zuerst sorgsamer nachgegangen 
zu sein. Es ist ein Weg von 3,78 Breite, von Granitpfeilern eingefafst, die 2,40 von 
einander entfernt sind und nach aufsen als Halbsäulen mit dorischem Kapitell vorsprangen. 
An einem der S&ulenschafte findet sich ein rohes Relief, das eine von vorn gesehene 
Frau in langem Gewände neben einem oben offenen Wassergeffifse stehend darstellt 
(c. 2 Fufs hoch). 

Dieser überwölbte Pfeilerweg (eine via tecta, wie die des Damianos in Ephesos 
und die zwischen Lechaion und Eoriuth nach Statins Silv. U, 2, 35) fuhrt den Hügel hinan 
an einem Brunnen vorüber, bei dem der Weg eine kleine Drehung macht. Oben 
verläuft der Hügel in eine Ebene, welche etwa 100 Fufs über der Niederung liegt. Das 
Ziel des Wegs ist ein c. 10 Minuten vom Theater entfernter Trümmerhaufen , unter 
welchem eine lauwarme Quelle entspringt. Der Platz ist ganz mit Scherben bedeckt und 
hat ungefi&hr 100 Schritt im Umfange. Weiter gegen Westen entspringt dem Rande einer 
überragenden Höbe mit grofser Kraft ein Quell von kaltem Wasser, welcher zu der 
Trümmerstätte geleitet war. 

Da nun das pergamenische Asklepieion am äufsersten Rande der alten Stadt 
gelegen war (ro teXbvtoiov rurjfxa Tvic ttoXccu?), in einer freien, hoben, durch reine Luft und 
Wasserfülle ausgezeichneten Gegend (Arist. p. 252 f), so kann es, glaube ich, kaum be- 
zweifelt werden, dafs der von Humann entdeckte Weg uns zu dem vielgesuchten Platze 
des Asklepieion geführt hat. Hier kommt Alles zusammen, was der Lage eines antiken 
Kurorts entspricht. 

Wir werden uns nun die Entwickelung der Stadt in der Weise zu denken haben, 
dafs das untere Pergamon ursprünglich auf den Bergfufs und das linke Selinusnfer be- 
schränkt war, während die Höhen des rechten Ufers zum Bezirke des Asklepios gehörten, 
welcher in seiner grofsen Ausdehnung Theater und Stadium umfafste, wo die Spiele zu 
Ehren des Gottes gefeiert wurden. In der Zeit der Könige wurde durch den Synoikismos 
der Zwischenraum der beiden Niederlassungen ausgefüllt Das Asklepieion wurde west- 
liche Vorstadt und durch eine heilige Strafse mit dem Mittelpunkte der Neustadt ver- 
bunden, welche den Zeus- Asklepios als ihren Schntzgott verehrte. So reicht er auf Münzen 
als Vertreter von Pergamon der ephesischen Göttin die Hand (Mionnet H, p. 602 n. 581). 



53 

Die Prozessionsstrafsen, welche die alte Stadt durchschnitten, meint Aristeides, wenn er 
die HOTixot xcti ira}<atoi hcci vsot Sta naTTjc rrjs Trohttix: hivjHovrtg rühmt .(p. 520, 5), nnd 
wenn wir den neu entdeckten Prozessionsweg, wo er jetzt unter den Häusern der Stadt 
verschwindet, in gerader Linie verlängern, so trifft er auf den groDsen c. 230 M. langen 
Raum, in welchem ich die Agora von Pergamon zu erkennen glaube. Von hier zog sich der 
heilige Weg zur Hochstadt hinauf, um die Stadt der Staatsgebäude, die fürstliche Residenz 
und den Sitz der Athena Polias mit der Unterstadt und der Vorstadt zu einem Ganzen 
zu verbinden. Vgl. über den Prozessionsweg in Neu-Hion C. I. Gr. n. 3599, 29. 

Eine zweite namhafte Vorstadt war das der Athena geweihte Nikephorion, von dem 
wir nur die Vermuthung aussprechen können, dafs es auf der östlichen Terrasse, wo Ruinen 
angegeben sind, zwischen Selinus und Eetios gelegen habe; eine Gegend, welche zu 
reichen Baumpflanzungen, wie sie hier angeführt werden, besonders geeignet war. 

Weiter abwärts hat sich am Selinus ein Theil der alten Nekropolis erstreckt, 
welche noch so gut wie gar nicht untersucht worden ist. 

Von besonderem Interesse sind für den Topographen von Pergamon die Hügel- 
gräber vor der Stadt, welche die Gegend auszeichnen und ihr schon auf den ersten An- 
blick den Charakter einer vorzeitlichen Bedeutung geben. Drei hohe Grabhügel liegen 
südlich von der Stadt, ein vierter im oberen Selinusthale. Von der ersten Gruppe liegt 
der eine zwischen beiden Flüssen, wo sie sich am meisten einander nähern; der zweite, 
südlichste, jetzt Sigma-Tepes genannt, zeichnet sich durch einen Doppelgipfel ans und ist 
deshalb als gemeinsames Heroengrab von Pergamos und Andromache nach Pausanias I, 
11, 2 angesehen worden (wo wahrscheinlich a^roZ h\ nai ^ Kvi^o^ayvig gelesen werden 
mufs); indessen ist die Annahme durchaus zweifelhaft nnd man wird sich das bezeichnete 
Heroon wohl vielmehr inmitten der alten Stadt zu denken haben. Der dritte Tumulus 
(jetzt Mal-tepes) liegt hart am Wege nach Dikeli nnd wird neuerdings gemeinhin als 
Denkmal der Auge nach Paus. VIII, 4, 9 betrachtet. 

An diesen wohlerhaltenen Grabhügel knüpft sich ein ganz besonderes Interesse, 
seitdem derselbe durch die verdienstvollen Bemühungen des Herrn Carl Humann näher 
untersucht und an der Nordostseite ein 42 M. langer, gewölbter- Gang entdeckt worden 
ist, welcher in das Innere zu drei aus Quadern aufgemauerten Kammern fuhrt. Diese 
Anlage, welche in zweifelloser Weise den Stempel pergamenischer Architektur zeigt, 
liefert also den Beweis^ dafs die Fürsten von Pergamon durch Aufschüttung solcher 
Hügelgräber, wie sie in den nmliegenden Landschaften als Zeugen heroischer Vorzeit 
emporragten, sich den Fürtengeschlechtern jener Vorzeit anreihen wollten. Sie machten 
es wie die Archäanaktiden und Spartokiden am Bosporos, welche ebenfalls auf diese 
Weise mit dem Glänze heroischer Monumente ihre junge Dynastien ausstatteten. 

Von der Ummauerung der Unterstadt sind bis jetzt noch keine zusammenhän- 
genderen Spuren nachgewiesen. Doch haben die letzten Winterregen, wie Hnmann 
schreibt, neben dem alten Wasserkanale im Eetiosthale und demselben parallel, einen 
Mauerzng von 2 bis 3 Meter Dicke auf ein Kilometer Länge freigelegt, welcher den 
Wasserlauf gegen aufsen vertheidigte, während das Fluüsbett der Mauer als Stadtgraben diente. 

Dem Ueberblick über Lage, Geschichte und Topographie von Pergamon lasse 
ich die eingehendere Besprechung einzelner pergamenischer Bauwerke von Herrn Baurath 
Adler nnd einige inschriftliche Denkmäler von Pergamon folgen. 



54 



Klassische Baudenkmäler zu FergamoiL 



Die Baudenkmäler von Pergamon haben durch Zerstörung und Ueberbauung oder 
Wiederbenutzung und Umformung im Wesentlichen dieselben Schicksale erlitten wie die 
entsprechenden in den benachbarten Plätzen klassischer Kunst und Cultur. Zwar sind die 
Reste der Tempelbaukunst stark zusammengeschmolzen und ganze Denkmälerklassen, wie 
die der Thermen und Gymnasien bisher nicht nachgewiesen worden, — dennoch ist 
im Grofsen und Ganzen mehr erhalten, als in dem nahebelegenen Smyrna, welches einst 
mit Ephesus den Ruhm theilte, als eins der Augen von Klein -Asien zu gelten. Der 
Grund für die Erhaltung zahlreicher und hervorragender Denkmäler ist in der binnen- 
ländischen, von lebhaften Yerkehrsstrafsen etwas entfernten Lage der Stadt und einer 
dauernden Stagnation in ihrer Entwicklung seit dem XYI. Jahrhundert zu suchen. An 
diesen Umstand darf sogar die Hoffnung geknüpft werden, dafs eine genauere Durch- 
forschung des noch unberührten Bodens unsere bisherige KenntnilÜB dieser für die spät 
hellenistische Epoche so wichtigen Stadt wesentlich erweitern wird. 

Bei der Kürze unseres Aufenthaltes und den beträchtlichen Ortsentfemungen der 
einzelnen Ruinenplätze wird es nicht befremden , wenn an dieser Stelle nur eine mehr 
andeutende als erschöpfende Charakteristik der wichtigsten Denkmäler vom bautechnischen 
Standpunkte aus gegeben werden kann. Dieselbe mag als eine bescheidene Ergänzung 
zu den Mittheilungen älterer Reisenden und Texiers Publikationen angesehen werden. 

Den alterthümlichsten Charakter haben einige alte Ansiedelungsstätten am 
FuTse des stolzen über 300 M. hohen Burgberges bewahrt Es sind dies kleine Wohnun- 
gen, deren ziemlich dünne Umfassungsmauern an zwei oder drei Seiten aus dem natür« 
liehen Felsen gehauen waren, wie solches aus den stehen gebliebenen Abbruchsspuren 
auf dem künstlich und sorgfältig geebneten FuTsboden erkannt werden kann. Schmale 
Treppenpfade von 0,60 — 0,80 M. Breite mit daneben gelegten Abfluüsrinnen von 0,25 M. 
Breite und gleicher Tiefe versehen, verbanden die einzelnen theils nebeneinander, theils 
hinter- und übereinander gestellten Behausungen. Die Abmessungen der einzelnen Räume 
sind nicht mehr klein, eher mittelgrofs zu nennen : sie schwanken zwischen 5,50 M. Breite 
bei 4,50 M. Tiefe bis zu 8 M. Breite bei 7 M. Tiefe. Einige derselben besitzen an der 
Hinterwand eingetiefte Nischen mit Steinbänken davor; andere zeigen an der Vorderseite 
künstlich zugehauene Löcher, um Eckpfosten zum Tragen des Hokdaches aufzustellen. 
Es fehlt weder an Cistemen — sogar mit Ueberlaufrinnen versehen, -^ als an deutlichen 
Spuren unterirdischer, groüsentheils verschütteter Kombehälter. Der Charakter dieser Bau- 
kunst ist bereits ein etwas höherer, als der eines primitiven Nothdurftsbaues, indem bereits 
Vorsorge getroffen ist, selbst bei eingetretener Zerstörung mittels der Conservirung der 
Felswände eine rasche Wiederherstellung durch Aufstellung der aus Holzstielen construirten 



55 

Vorderfront und des entsprechenden (wahrscheinlich aas Randh51zem formirten) Daches 
zu ermöglichen. Orade die Combination von unwankbarem Felsbau mit wandelbarem 
Holzbau verleiht diesen Resten ein besonderes Interesse. 

Zwei dieser Ansiedelungsstfitten liegen am Burgberge (auf dem Plane mit pp 
bezeichnet); eine dritte, besonders ausgezeichnete, befindet sich am rechten Selinos-Ufer, 
da, wo der die Arena des Amphitheaters durchfliefsende Bach in den Selinos mfindet. 
Hier erhebt sich nach Osten orientirt und die Front nach dem Flusse gerichtet, eine 
schroffe, über 16 M. hohe Felsklippe, an vielen Stellen bearbeitet und an drei Seiten mit 
Absätzen und rechteckigen Blend-Nischen versehen, um Weihgeschenke darin aufzustellen. 
Zur ebenen Erde Öffnet sich eine 3 — 4 M. breite offene rauchgeschwärzte Höhle mit 
steinernem Lagerbette im Hintergrunde. Vor derselben breitet sich ein kleiner etwa 3 M. 
tiefer Vorplatz aus, der durch seine Höhenlage dem Inundationsgebiete des in ca. 12. M. 
Entfernung vorbeifliefsenden Selinos entzogen war. Neben diesem durch die zahlreichen 
Votivnischen als geweihte Stätte bezeichneten Felsheiligthume sind nach Süden hin 
die Spuren mehrerer zerstörter Felswohnungen sichtbar, welche mit der Front ebenfalls 
nach dem Flusse gerichtet waren und deren Maafse, bauliche Einrichtung und technische 
Behandlung denen der Behausungen am Burgberge entsprechen. 

Die Verwandtschaft dieser alterthümlichen Haus- und Weileranlagen mit den 
Wohnstätten der vielbesprochenen Felsenstadt westlich von der Akropolis zu Athen ist so 
überraschend, dafs sie eine besondere Hervorhebung verdient 

Durch ebenfalls alterthümliche Form und Technik, mehr noch durch ihre seltene 
Oröfse lenken drei andere Denkmalplätze in der Flufsebene die Aufmerksamkeit auf sich. 
Waren jene Felsenhäuser die unverkennbaren Sitze lebender Menschen, so sind es hier 
die Ruhestätten der Todten, welche in der Form von drei kolossalen Kegelgräbern 
an der Süd- und Südostseite der Stadt wohlerhalten uns entgegentreten. Ihre äufsere 
Erscheinung stimmt mit der der Ijdischen Gräber am gygäischen See überein, doch sind 
die Neigungswinkel dem Anschein nach etwas steiler. Der gröfste derselben ist ein 
Doppeltumulus, durch die Einsattelung zwischen den nahe zusammentretenden Gipfeln 
ebenso deutlich erkennbar, als aus der von zwei verlängerten Halbkreisen gebildeten 
Grundfläche. Er wird in seltener Weise von einem Graben und niedrigen Aufsenwalle 
umgürtet, so dafs nur von der Nordseite her ein Zugang verstattet war. Der gröfsere 
Durchmesser beträgt über 200 M. Wegen der imposanten GrÖCse und Doppelgestalt gilt 
er für das schon von Pausanias erwähnte Heroengrabmal des eingewanderten Stadtgründers 
Fergamos und seiner Mutter Andromache. Leider hat bisher weder an diesem noch an 
dem kleineren, zwischen dem Selinos und dem Ketios belegenen Tumulus eine nähere 
Untersuchung stattgefunden. 

Näher bekannt ist nur der dritte Grabhügel, welcher allgemein aber ohne sichere 
Begründung der Tumulus der Auge genannt wird. Es ist ein Erdkegel von 160 M. 
Durchmesser und 32 M. Höhe, welcher von einem aus Guismörtel werk hergestellten, früher 
wohl mit Quadern eingefafsten und fast 6 M. hohen Unterbau getragen wird. An seiner 
Nordostseite ist eine merkwürdige, längst geplünderte, dann Jahrhunderte hindurch ver- 
schüttet gewesene und kürzlich wieder zugänglich gemachte Grabanlage vorhanden. Sie 
besteht aus einem 42 M. langen tonnengewölbten Gange, von 3,20 M. Breite und 5,50 M. 
Höhe. Derselbe führt zu einem qnei|;elegten, eben&lls tonnenüberwölbten Gemache von 



56 

16,90 M. Länge, dessen Querschnitt dem des Ganges congnient ist. An diesen Vorraam 
stofsen drei mit Ifingsgelegten Tonnengewölben bedeckte Innenkammem, welche darch 
drei Bogenthuren mit dem Vorgemache und darch zwei stiirzbedeckte Seitenthfiren mit 
einander in Verbindung stehen. Die mittelste Kammer ist die gröfste, sie hat eine Breite 
von 5,50 M., jede der Seitenkammem hat 4,30 M. Breite. Die Tiefe ist der Breite gleich; 
die Höhe bis zum Tonnenscheitel beträgt 7,40 M. 

Die Wände dieser grofsartigen Grabanlage sind ans sorgfältig geschliffenen 
Trach3rt- Quadern, welche bis zu den Kämpfern der Gewölbe den charakteristischen 
Schichten Wechsel der hellenistischen Epoche zeigen, erbaut worden. Die Gröfse der 
Quadern (3,20 M. Länge) ist ebenso bemerkenswerth als die hochvoUendete Steinmetzen- 
arbeit, welche völlig dicht schliefsende Fugen in der Ansicht hergestellt hat, während — 
wie einige herausgenommene Quadern lehren — an der Hinterseite schon Mörtelverbrauch 
stattgefunden hat. Kunstformen fehlen gänzlich, auch Werkzeichen habe ich nicht finden 
können. Hinter und über den Quaderschichten, deren Stärke 0,50 — 0,70 M. beträgt, be~ 
findet sich eine ebenso dicke Schicht von cementartigem GuTsmörtelwerk, welche die ganze, 
ursprunglich als Freibau hergestellte Anlage mantelartig umschliefst und dcQ technischen 
Zweck hatte, das Eindringen von Tagewasser oder Erdfeuchtigkeit zu verhindern. Diese 
Absicht ist, wie die Trockenheit der Quadern und die Reinheit der Luft beweisen, in 
vollem Maafse erreicht worden. Die anfserordentliche Vollendung und Sicherheit in der 
Bogen- und Gewölbetechnik, besonders bei dem Einschneiden des Halbcylinders über dem 
Eintrittsgange in den entsprechenden Halbcy linder des Vorgemaches (wodurch bereits 
zwei scharfe Grate des Kreuzgewölbes erzeugt werden) und die musterhafte Her- 
stellung der geächselt gehauenen Gratsteine beseitigen sofort die Vermuthung, als 
ob hier eine Grabanlage aus heroischer Zeit erhalten sei. Alle Kriterien und namentlich 
die nur aus wiederholter Anschauung der antiken Denkmäler zu gewinnenden Beob- 
achtungs-Momente der Technik sprechen dafür, dafs die interessante Bauanlage der helle- 
nistischen Epoche entstammt. Dann wird aber, und zwar unter Betonung der technischen 
Verwandtschaft mit Bauanlagen auf der Akropolis zu Fergamon einerseits und der Attalos- 
Stoa in Athen andererseits, die Annahme gerechtfertigt erscheinen, dafs dieser unterirdische 
Grabesbau, der durch seine Planbildung und Raumgestaltung wahrscheinlich auf Ptole- 
mäerbauten zurückweist, ein Bauwerk der Attaliden ist und vielleicht schon dem Neube- 
gründer der Stadt und Stifter des Reichs, Fhiletairos, angehört Gerade einem Fürsten 
dieses Schlages, einem Emporkömmling konnte es zeitgemäfs erscheinen, sich in der Weise 
älterer Dynasten bestatten zu lassen und deshalb unter Benutzung der neusten Errungen- 
schaften des Bogen- und Gewölbebaues für die Grabkammem die alteinheimische Form 
des Heroenhügels für die äufsere Erscheinung zu wählen. Mit solcher Schöpfung wurde 
dem an der Spitze der architektonischen Entwicklung stehenden Aegypten gehuldigt und 
doch die Pietät für den ureinheimischen lydischen Kegelgräberbau bewahrt. Aber wäre 
das Grabmal auch jüngeren Ursprunges, etwa Eumenes oder Attalos I. angehörig gewesen, 
immer würde das für die Geschichte der klassischen Baukunst höchst wichtige Faktum 
gewonnen werden, dafs der Tonnengewölbebau und seine Hinüberführung zum Kreuz- 
gewölbebau in Schnittsteinquadern bereits im dritten, sicher im zweiten Jahr- 
hundert V. Chr. in diesen asiatischen Districten eine hohe Vollendung erreicht hat. Da 
die Gräber der bosporanischen Könige, die etrnrischen Grolsgräber, selbst das Maussoleum 



57 

des Augustas in Rom, aaf der gleichen Combination der beiden Bauelemente, des cjlin- 
drischen UnterbaaeB und des baumbepflanxten Erdkegels berahen, so ergiebt sich hieraus 
die lange Fortdauer und die weite Verbreitung dieses uralten Motives in der Baukunst. 

In der Stadt sind die Reste antiker Baukunst eben so sehr durch Zerstörung 
sQsammengeschmolzen wie durch Ueberbauung mit türkischen H&usem schwer zugänglich 
geworden. Der interessanteste Bau ist die auf eine Strecke von 196 M. bewirkte durch- 
gängige Ueberbruckung des die Stadt von Nordwest nach Südost durchfliersenden 
Selinos. Es sind zwei parallel gelegte, aus GufsmÖrtelwerk hergestellte aber durch vor* 
tretende Quadergurtbogen verstärkte Tonnengewölbe von 12,10 M. und 12,40 M. Spannung, 
welche in der Mitte des Flusses auf einer gemeinschaftlichen Zungenmauer aufgelagert 
sind. Von den beiden mit Trachytquadern bekleideten Stirnseiten am Unterwasser tritt 
die eine (östliche) vor der andern etwas hervor. Aus dieser Eigenthümlicbkeit erkennt 
man, dafs die ganze zwillingsartige Ueberwölbung nur in der Absicht hergestellt worden 
ist, um einen älteren auf der linken (östlichen) Flufsseite befindlichen Platz in voller 
Breite und trotz seiner ungunstigen schrägen Richtung zum Flusse bis weit über das 
rechte Selinos-Ufer hinaus erweitem zu können. Die ebenso stattliche wie selten wohl 
erhaltene Bauanlage läfst in Gröfse und Technik einen echt monumentalen Herrschersinn 
erkennen. Wegen des Mangels der hier nothwendig gewesenen schiefen Tonnengewölbe, 
die den spätrömischen Architekten (wie der Theaterumbau lehrt) schon bekannt und ge- 
läufig waren, mufs dieselbe sicher noch der Attaliden-Epoche angehören. Weitreichende 
Quaimauerreste sowie zwei doppeljochige Bogenbrucken , deren Unterbau an den Land- 
wie Strompfeilem die kostbare Behandlung des geschliffenen Quaderbaus mit Randbeschlag, 
also eine echt hellenistische Technik zeigt, (während die Obertheile in schlichtsolider 
Fassung — der Struktur des Amphitheaters verwandt — hergestellt worden sind) be- 
zeugen die ehemalige gediegene Ausstattung des Selinos mit Yerkehrsstrafsen und Ufer- 
Bchutzwehren. 

Weiter stromaufwärts an der Nordseite der Stadt erstreckt sich ein mittelhoher 
aber lang gestreckter Höhenzug, der die Stadt beherrschend aussichtsreiche Blicke auf 
das Ealkos-Thal eröffnet. Wegen dieser gunstigen Lage befinden sich hier das Theater 
und das Stadion; das erstere in die stark geböschte Berglehne eingeschnitten, das andere 
am FuCse derselben angeordnet und mit seinem Rundhaupte zum Flusse gerichtet. In 
dieser Gegend darf auch die Anlage eines Gymnasiums vermuthet werden. Jenseits des 
Höhenzuges liegt eingebettet in einem kleinen, von einem Bache durchströmten Thalkessel 
das Amphitheater. 

Das Stadion ist wegen der Verschnttnug schwer erkennbar; nur von der Um- 
fassungsmauer des Rundhauptes stehen noch fünf Lagen sehr gro&er Quadern in einer 
Länge von ca. 30 M. über der Erde. Mit Mühe verfolgt man die weiteren Umrifslinien 
in den hier befindlichen Gärten, so dafs weder Maafse noch Details ohne Ausgrabungen 
zu gewinnen sind. 

Das unweit belegene Theater ist ursprünglich in den nach Südosten gerichteten 
Hügelabhang eingeschnitten und erst in römischer Zeit durch central gestellte tonnenge- 
wölbte Unterbauten, welche hinter den obersten Sitzreihen noch eine Säulenhalle trugen, 
vergröfsert worden. Die ursprüngliche Anlage ist griechisch; Skene und Theatron er- 
scheinen getrennt und sind trotz des römischen Um- und Erweiterungsbaues, welcher 

Abh. der philoi.'hUtor. Kl. 1872. Nr. 1. 8 



58 

sichtbar ist, niemals mit einander verbonden worden. Der Darchmesser des Tfaeatrons 
beträgt etwa 120 M.; seine Abschlafsschenkelmauem sind wegen der bedeutenden Front* 
hohe mit schrfigen Strebepfeilern besetzt worden. Das ca. 65 — 70 M. lange Skenenge- 
bäude war aus weifsem Marmor erbaut; die Untertheile der Hinterwand stehen noch in 
Gartenmauern verbaut, aber die Orchestra liegt tief verschüttet und wird seit Jahren als 
Steinbruch benutzt, um ans den edlen Baubruchstücken in korinthischer Version türkische 
Grabsteine zu meilseln. Die Schenkelmauern sind aus Trachjtqnadern erbaut worden; 
die nordöstlich stehende ist älter als die entsprechende der andern Seite. An jener er- 
scheint der vortrefflichste Bogen- und Buckelquaderbau in abwechselnden 
Schichtenhöhen, völlig identisch dem der besten Futtermauem der Burg und daher 
auf lysimachische oder philetärische Epoche deutend. Die südwestliche Schenkelmaner 
ist dagegen jüngeren Ursprunges, aber aus der reifsten romischen Epoche stammend, wie 
das hier befindliche, einer schräg geführten Feststrafse als breiter Durchgang dienende 
Bogenthor beweist, welches mit einem schiefgelegten und steigend geführten 
Tonnengewölbe in Schnittsteinquadern überwölbt ist. In technischer Beziehung 
ist diese Anlage ein Meisterwerk; sie bezeugt, bis zu welcher Höbe die Eenntnifs des 
Steinschnitts im Alterthume entwickelt gewesen sein mufs, wenn so schwierige Probleme 
in einer Frovinzialhauptstadt mit solcher Sicherheit gelöst werden konnten. Auch bedarf 
es keines Beweises, dafs eine so complicirte Lösung nicht absichtlich von dem Architekten 
gewählt worden ist, sondern dafs' vielmehr die Nothwendigkeit, bei der Erweiterung des 
Theatrons und der Hinausschiebung der Schenkelmauer, die schon bestehende, alte heilige, 
bergansteigende Feststrafse zu schonen, (weil eine Verlegung wahrscheinlich unmöglich 
war) ihn zwang, dieselbe in würdiger und angemessener Weise zu überbrücken. Wegen 
der in technischer Beziehung hochvollendeten Sicherheit dieses Bautheils liegt es nahe, 
denselben und damit den Umbau des Theaters einschliefslich des Skenengebäudes der 
von Aristeides gerühmten baulichen Wirksamkeit des Proconsul Quadratus (165) zuzu- 
schreiben. Aus der schrägen Richtung der Feststrafse, welche in das unfern belegene 
Quellenthal des Asklepieions führt, ergiebt sich noch bei einer rückwärts erfolgenden 
Verlängerung derselben die Thatsache, dafs die obenerwähnte breite platzartige Selinos- 
Ueberbrückung mit dieser Feststrafse in einem architektonischen Zusammenhange gestanden 
haben mufs. Allerdings steht jetzt an der Front dieses geräumigen oblongen Platzes in 
der Mitte der Stadt eine Peribolnsmauer altchristlichen Ursprungs und den Hintergrund 
schliefst eine Baugruppe aus derselben Epoche, welche aus einem altchristlichen back- 
steinernen Eirchengebäude mit zwei in der Form von Rundthürmen erbauten Memorien- 
Capellen zusammengesetzt ist — aber diese überaus grofsartige Gesammtanlage (welche von 
Texier irrthümlich für eine römische Basilika-Anlage gehalten worden ist) scheint durch- 
weg auf älteren Fundamenten zu ruhen und darf daher als eine Erneuerung eines älteren 
untergegangenen Heiligthums gefafst werden, welches höchstwahrscheinlich der Ausgangs- 
punkt für die grofsen nach dem Asklepieion gerichteten Processionen gewesen ist. 

Das Amphitheater ist in origineller Weise unter geschickter Benutzung der 
steilen Thalhänge so über den kleinen Bach gebaut worden, dafs die nicht sehr grofse 
Arena von drei parallel neben einander gelegten Tonnengewölben, welche den Bach in 
der grofsen Axe der Ellipse überbrückten, getragen wurde. Offenbar hat auf die Wahl 
dieser Oertlichkeit der Wunsch das durch Stauwerke zu hebende Bachniveau als künst- 



59 

liehen See benatsen zu können, den entscheidensten Einflufs geübt, denn durch solche 
mehrtägige Wasserstanung war man im Stande, ein genügendes Seebecken zu schaffen, um 
an die Stelle von Oladiatorcnk&mpfen und Thierhetzen zuweilen Seegefechte oder Wasser- 
jagden treten zu lassen. Aus dieser Rücksichtnahme ist die Arena selbst angenähert kreis- 
förmig gestaltet worden, ihre beiden Axen haben 51 M. zu 37 M. Länge. Da die Oe- 
sammttiefe der Sitzplätze 43 M. beträgt, so ergeben sich die Aufsendurchmesser zu 137 M. 
und 123 M. Es waren 44 Arkadensysteme in der AuTsenmauer und dreifsig Sitzreihen 
im Innern vorhanden. Was im Terrain fehlte, namentlich auf der Sudseite, ist durch 
künstliches Mauerwerk hergestellt worden. Am schönsten und wahrhaft grofsartig ist der 
nördliche Abschlufs des Thaies durch vier bis 26 M. Höhe aufsteigende Pfeilermassen 
aus sorgf&ltig behauenen Quadern bewirkt worden. Alle zeigen den charakteristischen 
Schichten Wechsel von Hoch- und Flachquadern und haben wegen der imposanten Höhe 
durch schräge Strebepfeiler eine besondere Sicherung erhalten. Dabei ist der ganze Bau 
mit wohlüberlegter Oekonomie durchgeführt worden; denn nur wenige reducirte Kunst- 
formen sind vorhanden. An den höheren Theilen erscheinen die grofsen Quadern nur an 
den Aufsenecken, während der Massenbau den aus kleinen TrachTtquadern hergestellten 
kubischen Steinverband zeigt In ähnlicher Weise ist der obere Thalhang geschlossen 
und mit horizontalen wie schräg geführten Tonnengewölben in trefflichster Keilschnitt- 
fügung überdeckt worden. Rundbogige Wandnischen gliedern die Seitenwände des 
breiten in der Hauptaxe belegenen Corridors, welchen der Bach durchströmt, und 
ein darüber befindliches Halbkugelgewölbe läfst die gediegenste Herstellung mit kleinen 
Keilschnittquadem in mustergültiger Weise erkennen. Für eine sichere Zeitbestimmung 
des unter allen Amphitheatern wegen seiner Lage und Wasserbenutzung einzig dastehenden 
Baues gebricht es an Hilfsmitteln. Inschriften fehlen und die sparsam vorhandenen Kunst- 
formen sind in so reducirter Fassung verwendet, dafs sichere Schlufsfolgerungen nicht 
möglich sind. Fest steht nur die Thatsache, dafs das Öebäude bereits im J. 159 existirte, 
als Oalenus hier seine bekannte Anstellung als Arzt der Gladiatoren empfing. Mit Rück- 
sicht auf die Thatsache, dafs der Bau steinerner Amphitheater in den Provinzen erst am 
Schlüsse des ersten Jahrhunderts überhaupt beginnt und unter Hinweisung auf den aus 
Plinins Briefen bekannten, überaus lebhaften Baubetrieb in den kleinasiatischen Städten 
während der trajanischen Regierung, darf die Erbauung in den Anfang des II. Jahrhunderts 
gestellt und die Möglichkeit betont werden, dafs Galenus Vater, der hochgebildete Architekt 
Nikon, der Erbauer des interessanten Denkmals gewesen ist. 

Die Herrscherburg ist eine der gewaltigsten Akropolis Anlagen, welche man 
sehen kann; von der Natur gleichsam zur Vertheidigung geschaffen. Von Süden nach 
Norden gestreckt, an drei Seiten schroff abfallend und nur von der Südseite auf gewun- 
denen Pfaden ersteigbar, erhebt sie sich zu der imposanten Höhe von über 300 M. 
Ueberall sind die gestuften Abhänge durch Abbruch schroffer gemacht oder durch Futter- 
mauem erweitert; mehrere Yertheidigungshnien liegen, von Thoren und Thürmen geschirmt, 
übereinander. Auf dem höchsten Gipfel thront die mächtige Terrasse, von welcher einst 
das prachtvolle Heiligthum der Burg mit seinen weifsleuchtenden Marmorsäulen weit in 
das Land hinausschaute. 

lieber der untersten sehr zerstörten Mauer auf der Südostseite erhebt sich eine 
zweite mit halbrunden Thürmen besetzte Quadermauer, welche nach Form und Technik 

8» 



60 

betrachtet, jüngeren UrBpnings ist Noch höher folgt eine über 250 M. lange, ans grofsen 
Quadern erbaute und mit 1 M. starken und 2,25 M. tiefen geboechten Strebepfeilern be* 
setzte Futtermauer, deren Struktur mit der der Olympieions-Terrasse in Athen so genau 
übereinstimmt, dafs zweifellos die gleiche Bauzeit (IL Jahrb. v. Chr.) erkannt werden kann. 
Die trefiäiche Erhaltung der Oberfläche spricht rühmlich fu* die Güte des verwendeten 
Materials, eines feldspatharmen und deshalb nur mfifeig Terwitternden Trachjts. Die 
Südecke schliefst ein Dreiviertelrundthurm (2) spaterer Zeit; er ersetzt aber nur die be- 
seitigte Ecke eines starken Oblongthurmes, durch welchen die alte Strafse, mittels zweier 
hintereinander folgenden Thore leicht sperrbar, emporstieg, und ist offenbar nur zu dem 
Zwecke hinzugefügt worden^ um eine bessere Seitenyertheidigung der langen Angriffsfront zu 
ermöglichen. Eine in der Strebepfeilermauer vorhandene Lücke IfiHst querschnittartig die 
nachtrfiglich in solidester Technik erfolgte Hinzufügung und Einbindung der ersteren in 
eine Altere viel einfacher behandelte Futtermauer erkennen, wodurch die Verbreiterung 
des alten Fufspfades bis auf dreifache Reitwegsbreite deutlich sichtbar wird. 

Noch höber treten dann krepisartig ummantelte Klippen auf, -welche ^ie Unter* 
bauten grofser zerstörter Oebäude bildeten, während nach Osten hin lange aber schmale 
Terrassengfirten sich erstreckten. Durchschreitet man diese Terrassenstufe, so wird die 
alte mit röthlichen Granitplatten belegte Burgstrafse sichtbar, welche in geschickter Führung 
aber mit starker Steigung durch Ruinenhügel bis zu einer oberen, von zwei vortretenden 
Thürmen flankirten Mauer emporführt. Auf dem Wege dahin liegen thöneme Wasser- 
leitungsröhren, quadratische Ziegel von 0,45 M. Seite und 0,06 Dicke; femer dorische 
Sfiulenschäfte mit 24 roh angelegten Cannelüren, und Bruchstücke spät ionischer Säulen* 
basen mit runden Plinthen, deren mittlerer Durchmesser 0^61 M. beträgt 

Die zweite Thoranlage (hh) nebst den Anschlufs Mauern ist schon byzantinischen 
Ursprungs. Theils aus sehr grofsen Granitblöcken, überwiegend aber aus weifsen Mar- 
morbruchstücken erbaut, umschliefst sie nicht nur architektonische Fragmente aller Art, 
sondern auch zertrümmertes Bildwerk, darunter horizontal gelegte Friesplatten mit fast 
lebensgrolsen Reliefs. Mindestens zwei Frachtbauten sind hier begraben worden. Spät- 
dorische und ionische Bauweise findet sich überwiegend vertreten; die zahlreichen Details 
der letzteren sind dabei von einer Eleganz und Feinheit, welche an die hochvollendete 
Durchbildung der Erechtheion-Details heraqstreift und wegen ihrer engen Verwandtschaft 
mit den Ornamenten an der Stoa des Attalos zu Athen, die Beschäftigung attischer Archi- 
tekten am Hofe der Attaliden bekundet Aber auch ältere Bruchstücke fehlen nicht; 
an der Südostseite liegen in horizontaler Bettung die Schafttheile von 34 Säulen, theils 
dorischer, theils ionischer Bauweise angehörig. Als Material ist ein grauer Granit ver- 
wendet; ebenso bezeichnend ist der kleine Maafsstab mit 0,59 — 0,68 M. Durchmesser. 

Noch höher hinauf folgt eine zweite von zwei Thürmen flankirte, in byzantinischer 
Zeit erneuerte Thoranlage (/), welche ebenfaUs herrliche Baustücke verschlungen hat Erst 
hier erreicht man nach Ueberschreitung gewaltiger Trümmermassen die oberste in sanfter 
Wölbung ansteigende Kuppe des Burgberges von etwa 100 M. Breite und fast 400 M. Länge. 

Es ist ein weites, unter verdorrten Rasenhügeln begrabenes Trümmerfeld edler 
Bauanlagen, seit Jahrhunderten von den pergamenischen Steinhauem nach Marmorquadem 
durchsucht und dennoch noch immer werthvolle Reste klassischer Baukunst bergend. 
Der schmale Kamm des Gipfels ist in der Mitte durch eine 27 M. hohe von unten ans 



61 

der tiefen Schlacht herauf gebaute m&rsig abgetreppte Fnttermauer (b) von kolossalen 
Quadern nach Nordosten zu verbreitert worden. In gleicher echt monumentaler Weise 
wie hier, hat Ljsimachos auch die neubegründeten Stfidte Smyrna und Ephesus ummauert 
und bewehrt. Nur Herodes der Orofse hat drei Jahrhunderte sp&ter den stolzen Dia- 
dochen durch verwandte Bauanlagen zu Jerusalem und Masada ubertroffen. An der Süd- 
westseite und ziemlich parallel steigt eine ähnliche Futtermauer aus gewaltigen Quadern 
auf, welche in halber Höhe von einem sehr starken Wulstgesimse wirkungsvoll getheilt 
wird* Hinter und fiber dieser Mauer erhob sich auf einer aus prachtvoll behandeltem 
Buckelquaderwerk in Hoch- und Flachschichten hergestellten Erepis das Hauptheiligthum 
der Burg, der sogenannte Athena-Folias-TempeL Derselbe war nach Nordnordosten 
orientirt; seine Breite betrug etwas über 20 M.; an den Längsseiten war sein Stereobat 
mit Strebepfeilern besetzt Der nachträglich hinzugefugte Peiibolos von ca. 16 M. Breite 
erforderte die Anlage mächtiger aus Halbtonnen- und Oanztonnen* Gewölben gebildeter 
Substructionen. Die ELleinheit der Blöcke, die reichliche Mörtelverwendung in den Fugeq 
und die geringere Technik der in Oufamörtelwerk hergestellten Gewölbe selbst bezeugen 
aber die beträchtlich spätere Bauzeit dieser Zusatz- Anlage. Der Tempel war ein sechs- 
säuliger aus welfsem Marmor in korinthischer Version erbauter Peripteros von 20,20 M. 
Breite und schlanken Verhältnissen. Der Säulendurchmesser betrug etwas über 1 M.; die 
Totalhöhe wahrscheinlich 10 M. Die zweireihigen Blattcapitelle sind 1,20 M. hoch; die 
Behandlung ihrer Akanthus-Blätter nähert sich der der Pantheons-Säulen, ist aber helle- 
nischer gefafst Die Basen zeigen schon die Combination des Attischen mit dem Ionischen 
und sind sehr reich mit Flechtgurten und Blattstäben geschmückt. Ueberhaupt ist die 
Meilselarbeit überall vorhanden gewesen bis in die Ejmationsäume der Ealymmatien hinein, 
so dafs eine überaus reiche Durchfahrung erkennbar ist. Unter der Westseite der Cella 
befinden sich drei nebeneinanderliegende Tonnengewölbe von fast 3 M. Spannung, deren 
Schnittsteinquadem in allen Fugen eine hochvollendete und völlig mörtellose Fügung (wie 
an den Gewölben im sog. Grabhügel der Auge) zeigen. Von diesen Gkwölben fuhren 
niedrige scheitrechte Thüren in andere aber verschüttete Gewölbe, so dafs eine vollstän- 
dige Unterwölbung des Tempels vorauszusetzen ist. Wegen der bevorzugten Lage an der 
ausgezeichnetsten Stelle der Burg, wegen der reichen Durchfuhrung im edelsten Materiale 
und der vorzüglichen Technik wird das Heiligthum wohl kaum anders als der Athena- 
Polias-Tempel zu bezeichnen und vielleicht in die Zeit Attalos I. zu stellen sein, obschon 
die Detailbehandlung einzelner Bautheile wie der Säulen- und Anten-Capitelle, der Thür- 
consolen und grofser eiförmig formirten Kymatien ein späteres, der römischen Detail- 
bildung nicht allzufem stehendes Gepräge besitzt Hierdurch sowie wegen der überein- 
stimmenden Planbildung mit den Augusteen zu Ancyra Pola und Mylassa wird die Ver- 
muthung geweckt, dafs das für Pergamon erwähnte Augusteum gleichfalls an dieser Stelle 
zu suchen ist, etwa unter der Annahme, dafs durch die Aufnahme des Cäsaren-Cultus in 
den einheimischen Göttindienst ein glanzvoller Neubau bedingt wurde, der dann allerdings 
den ersten Jahrzehnden des I. Jahrhunderts angehört. 

F. Adler. 



62 



Anhang 

zur Erläuterang des Stadtplans von Pergamon. 

Anhangsweise gebe ich Nachricht über einzelne pergamenische Alterthümer. Es sind 
Skulpturen, welche durch Abtragen von mittelalterlichem Gemäuer auf dem Abhänge der 
Burg neuerdings an das Licht gezogen sind, Bildwerke aus blfinlich-weifsem Marmor, in 
hohem Relief, fast frei gearbeitet, an einer dünnen Platte vorspringend, Bruchstücke dicht 
gedrängter Kampfgruppen jüngerer und älterer Männer, welche hoffentlich bald genauer be- 
kannt gemacht werden können; es sind zweitens plastische Thonarbeiten, Formen sowohl 
wie Reliefs, zum Theil von grofser Schönheit und um so beachtenswerther, da Pergamon 
gerade für diesen Zweig antiker Kunstindustrie besonderen Ruf hatte; es sind drittens 
Inschriftsteine, die in Pergamon und Umgegend gefunden sind. Nur auf diese soll hier 
näher eingegangen werden. 

I. 

Marmorblock, von Herrn Humann aus der Mauer gezogen, 0,25 dick, 0,58 hoch. 

OAHMO^OnEPrAMH 
NaNETEIMHCENCEl 
AlANACKAHniA^OY 
OYTATEPANAMMION 
& nPYTANEY^A^ANKA 
AQ^KAinPO^TONAH 
MONKAinPO^TOYCGE 
OYCEY^EBaC 

Die Prytanenwürde einer Frau kann sich nur auf eine geistliche Würde und die 
Yorstandschaft; eines religiösen Collegiums beziehen. Im C. Inscr. Graec. 17976 kommt die 
Prytanie mit lauter geistlichen Aemtem verbunden vor und in den kyziknischen Inschriften 
finden wir Trgvraiftvstu und MaKha^sw verbunden. BÖckh zur C. I. Gr. II, p. 921 A. Der 
Dienst der priesterlichen Frau bezog sich auf den Demos und das Geschlecht der Könige, 
denn seitdem durch feierliche Apotheose der Gultus der Attaliden für männliche und weib- 
liche Mitglieder der Familie eingeführt war, war es pergamenischer Sprachgebrauch, die 
einheimischen Fürsten unter o\ d'eoi zu verstehen. Vergl. unten die Bemerkungen zu der 
Inschrift aus Klissekoi. Dem Namen Sidia ist ein zweiter Name beigefügt (vgl. C. I. Gr. 
4142) und dieser Name kann nur ^Afxfxtov sein (wie n. 2348 ^AfjLfMa n. 4148). Dann ist 
Svyari^if zu lesen, was wie fjLyjri^av und ähnliche Formen schon der hellenistischen Zeit 
angehört, vgl. Böckh Introd. Sarm. II, 2. Mullach Gr. Vulgarsyr. S. 162, und die In- 
schrift ist also zu lesen: 'O SvIfjLog o Tie^afxyjvtjov iretfjLrja'tu ISttSlav *A!TH>,v,maBov Svyaregav 
AfjLfMov n^vrautvTaTau xah(Zf not ngo9 rou Bvifjkov xcu iroog rovg Srtovg iicrtpoSg* 



63 



n. 

(Siehe Tafel VIL) 

Die zweite Inschrift stammt aus der Nähe von Kirk-agatsch, eine Tagereise ostlich 
TOn Bergama, 4 Stunden von Akhissar. Nordostlich von Kirk*agatsch bei dem Dorfe 
Siledik ist sie gefanden inmitten einer ausgedehnten Trummerstfitte. Sie findet sich auf 
einem viereckigen Pfeiler (1,90 hoch; oben 0,58, unten 0,64 breit, 0^34 dick); die Buch- 
staben der Ueberschrift haben 0,05, die des Verzeichnisses selbst 0,018. Ich verdanke 
die Mafse sowie die Abschrift des Pfeilers Herrn Humann. 

'Eirt ir^vravttue *ArraXot> rov NlsvavS^ov Hat yufAvaertdo'/jov tov avrov ^AiraXov ix rwu 
litwv, i<f>v}ßao*/fivuTOQ ^ATkXrimaSov Tcuov tov Aovfciov, y^afjLfxctrtwc it rtSv i(f>r,ß(M}v ^iieap^^ov 
Tmov TOV UovrrTJov ol iyH^iSivrsQ i<pYißof utiv Üi. 



XaffJuSfi<f Atoysuovg 
10 NutavS^og MmvuvSoov 
MvjvoyivriQ *l^niH^(iT0V9 
MsvccvS^OQ *Eirtx^aTovg 
^Emfegdryig *EmxgaTov<; 
MviT^BüagOQ 'A^fJktauoQ 

15 AtoBüO^Oe ^O^TVinOV 

*ATj«^ijirwÄwfoc * ATToyj^oioTov 

KOVMU ZiWTlUOV 

'A^TtfuSw^og MfivofpüiOV 

MriVO(ptXo9 Mviuo<f>l}iOV 
90 A^toTog MvfTgoipavovg 

'Amxoc Qa^vovTOQ 

TM0&909 TtfM&iov 

UdraoH^og TnAo^iov 

^iki^tvo<f Ai[tA]ucttOV 
n MivtTrnog Mtoa 

n^ujT^ttf [U^wriov 

Mivav]S^og 'AflToXXiüwov 

Mfynriroc ^bhovvBov 

90 AfffA'^T^toQ 'AXf^ai'Sjov 
MivcevS^oQ ^H^cmkinv 
'AfeoXKwvio9 'A^rifAUivoc 
'AiWiX^jriaSijc 'A^TtpuuvoQ 
*H^eockuBvj9 Mnr^üi^o[v 

n rXvKUiu HyfT^oSiü^ov 
*Hf<iSf\Q EuxXfovc 
'AvoyXüivtOQ 'Aflro^[«wov ? 
FküHw Tißo^iov 
^AiroXKiuuioQ TiMoSiiov 

40 "'ArnXaQ *ATMXffmttSov 



AtfAva7og, 'A3'r,uatOQ, ^towo'tog, MyjvotpavTog oi 
MriT^oSüj^ov, Qiviag ^Ai/Sgovlnov^ MyjT^Sw^og 
MyjuoiptXov, ^Avo>^u}vto9 Aovxlov, ^A^tfJuhtugOQ 
AovHtov Hat Faibc, 'AfTtfutg ^A^fxoüvo^f 
AvH^ag QsoStu^oVg ^AnoXkwutoQ Aaov, AfVMOc 
AsvHtov, Xa^txtSyjQ MoT%ioVg *ATTtva[g ArßfM/jT^tov 

Affplli[T^l09] AvjlAYfT^ioV, KlfJkß^Q Ktflß^OV, 

Bt[oBw^^og ^[iXoQtvov, [Ar,fJL]viT^iog [0^aff']upoi/roc 

[M.y}u]oSoTOg - - TTTTOV 

41 \JStH']opui%ov 49 [^AvjfjLJifTgiog [ArifÄ]fjT^tov 

44 [Mr,vo']<piuv [Mvjv]o<payTOV? 

46 Ato<l>cttfTeq 

47 Aie<pdirTov 

48 Mtvavh^og Mguavigov 49 TXvhw 
90 Bax^ioff Mivttvigov 

99 Arretkog ^eXtvHOV 

59 ^TTci>.oQ Htti ^ Ano^Xwvtog 
54 oi AiO^avTOV 

96 Ay^pLOTT^aroQ 

97 Mfivohojov 

58 Airo^Actffioc yiv\voy%vovi 

60 rXvxwi/ TXvHiuyog Hcu Amintog 



64 

MiXeo^^op * Ano>yM¥io\y 
4ft 'AiroXXouVioff 'S.iKBXJHOM 
MriT^Oipauifig 'AfTtfAcc 
TXceuHog FXauHOV 

'AgTtfjiäg ^A^ifjui 

MviT^oitü^og *K^eo(Xtliov 

'SiKavS^og *A7roX}Miflov 

'AfroXXcvviOtf MrjuotpavTOV 

Aio 2(0^09 'AfroXXbui/fov 
&s MtXtay^og *AiFoXhatnov 

^EfULoywriQ ^AuS^ouutov 

' Airo)J\Mvto9 ^AvigoviMOV 

T^v(pwv *Avi^ovtHOV 

*A<rHkfijnaif(g *A(rHkfijn«iov 
60 MviifOfpainig Mvivotp^ov 

Das Fragment 3567 im C. inscr. gr. gehört demBelben Fandorte an and konnte 
schon Ton dem Ephebeninstitate, das hier bestanden hat, ZeagniTs ablegen. 

Auch in den Inschriften aas der Stadt Fergamon sind Ephebeninstitate beseugt. 
Bei Lebas 1720c ist von den Einkünften derselben die Rede; 1723^ wird T. Clandias 
Vetos wegen seiner Verdienste am das zur Jugendersiehang bestimmte Gymnasium ge- 
rühmt; in der Orakelinschrift des C. I. 3538 kommen die Epheben als B<prißr,Tylgtg x^- 
lAvSoipi^ot vor (vgl. n. 28 %XafAuB»T(r dfMpttfjLivot omroa-oi ixA nach A. Naock bei G. Walff 
de alt. orac. aetate p. 21. Das Palliam war also aach hier, wie in Athen (Dittenberger de 
eph. att p. 59) das Erkennungszeichen der Epheben. So übereinstimmend waren bis in 
das Einzelne diese Institute der hellenistischen Zeit Wir können durch Inschriften ihre 
Spur erkennen, aulser Fergamon (um hier nur von benachbarten Gegenden zu sprechen) 
in Ephesos, wo die Aufzüge der Epheben in der Salntarios-Inschrift erwähnt werden (S. 31), 
in Kyzikos (C. I. Gr. n. 3665), in Ilion (n. 3619), in Sestos. Die groDse, von hier 
stammende Calvertsche Inschrift (welche nächstens im Hermes von Carl Curtius heraus- 
gegeben werden wird) rühmt an verschiedenen Stellen des Menes Verdienste um die in 
den Gymnasien ihrer Bildung beflissene Jagend (yviJwaTt(tg%og alg$3t$g tira^iecg rtSp l<^i(- 
ßwu Hcu Twv vtuav jr^tvofi^fi T^g rt aTJ^yfg evvy/ifjLoavyvig ryjg Kttra tu yvpufaTta aimXdßrro 
HoküSg — utttTTov fAvlua iniTaXoHv rag jrgtnovTag Shicrtag inng rmv vtoov rotg n^otcmiHOTt t£v 
yvfjLvcurtwv &8o7g). Man erkennt, wie für das Erziehungswesen ein wetteiferndes Interesse 
herrschte; das Gymnasium war an die Stelle der Agora getreten, und welch ein Modeeifer 
hierfür glühte, zeigt das pergamenische Fragment bei LeBas 1723 c, wo nach Wadding- 
tons dem Sinne nach nicht zweifelhafter Ergänzung ein Mann als Stifter von nicht 
weniger als sechs Gymnasien geehrt wird. 

Welcher Stadt die vorliegende Inschrift angehört, lädst sich vor einer genaueren 



65 

Durchforschung der Ruinenstatte, welche der Stein angehört, nicht entscheiden. Es sollen 
in der Nachbarschaft Inschriften gefanden sein, in denen eines Temenos des Tyrimnos 
Erw&hnung geschieht, welche uns nach Thyatira weist, das wir als Mittelpunkt dieses 
Cultus kennen (C. I. Gr. n. 3493). 

Die Ephebeninstitute hatten ihre festen Einkünfte (d<püj^tTfMva tToSta werden bei 
LeBas 1720 e erwähnt) und ihre Verwaltung war eine st&dtische Angelegenheit; der 
Prjtanis ist als Haupt der Stadtbehorde in Pergamon bezeugt (G. I. Gr. n. 3539), wie es auch 
einen st&dtischen Haushalt gab, welcher eine unabhängige Verwaltung hatte (ratuai twv 
-rilg jroXBwg y^fxarwv LeBas 1723a). Dann folgen die Beamten, welchen ins Besondere 
die öffentlichen Erziehungsanstalten anvertraut sind, der Gymnasiarchos und der Ephe- 
barchos, welche auch in Scstos und in Eyzikos neben einander aufgeführt werden. Die 
Gymnasiarchie, G. I. Gr. n. 3550 und 3551 in Pergamon bezeugt, war ein Ehrenamt, von 
dem man freiwillige Leistungen erwartete, also eine Art Liturgie nach dem Vorbilde der 
attischen Gymnasiarchie (Dittenberger p. 40). Der Zusatz Im TtSv Ihmv in unserer In- 
schrift zeigt aber, da£s wenigstens die völlige Verzichtleistung auf öffentliche Mittel 
als etwas Aufserordentliches angesehen und ausdrücklich hervoi^ehoben wurde. Als 
ein Wahlamt, durch welches die reicheren Bürger zu freigebigen Leistungen veranlafst 
wurden, kommt die Gymnasiarchie auch in der sestischen Inschrift vor, wo aber auch 
die Aufsicht über die würdige Haltung der Epheben (süra^ia rwc itpißwu) zu ihrem Amts- 
kreise gerechnet wird. Hier berührte er sich also mit dem des Ephebarchen, des eigentlichen 
Vorgesetzten und amtlichen Aufsehers der lernenden Jugend. Ein n^0TTary\g^ wie er in 
späteren attischen Urkunden vorkommt, ist nach Böckhs Vermuthung in Uion (n. 3619) 
zu finden. Der Grammateus endlich wird wohl als ein dem Kreise der Jünglinge näher 
stehender Beamter anzusehen sein, welcher den Dienst des Schriftführers versah. Da die 
Epheben als Corporation auftreten und Ehrenbezeugungen verleihen (sTTB<pav(jiByi Cno rtZv 
itpvißwv xai vioüv helfst es in der Inschrift aus Sestos), bedurfte es eines solchen Organs. 
Als Collegium (ol vt^t tov S»7ua y^aiA^xartig rtZv viunv) kommt es auf perg. Inschriften vor. 

Unter Autorität dieser vier Beamten ist die Urkunde vollzogen worden, welche 
auf dem Steine von Kirk-agatsch vorliegt. Es ist ein mit dem Kranze, dem Symbole des 
Wettkampfes, geschmücktes Album der Epheben, das VerzeichniTs der amtlich in die Ge- 
nossenschaft aufgenommenen Jünglinge. Die Aufnahme erfolgte, wie wir schon aus dem 
Ausdruck ey^^i^eWc? stpvjßoi schliefsen können, nach einer Prüfung der geistigen und 
körperlichen Tüchtigkeit In Sestos werden itptißot und vioi unterschieden; die letzteren 
haben ihr eigenes Gymnasium und nehmen für sich Bekränzungen vor. Ihr Altersver- 
hältnifs zu den Epheben wird durch die Inschrift aus Chios, wo ncuSig, !<pv,ßot, i/coi neben 
einander stehen (C. I. Gr. 2214) aufser Zweifel gestellt. 

Das Verzeichnifs besteht aus zwei Columnen. Die links stehende ist durch 
kleine Streifen von der anderen gesondert (wie sich auch in der Ueberschrift, Zeile 4, ein 
solches Trennungszeichen findet). Die zweite Columne ist später geschrieben; zwei Drittel 
des Raums waren weggenommen^ und es mufsten deshalb die Vatemamen untergeschrieben 
werden. Waren also, was verhältnifsmäfsig sehr häufig vorkommt, mehrere Brüder zu- 
sammen aufgenommen, so folgt, wie zu Anfang der rechts stehenden Columne, der Vater- 
name den zusammenstehenden Namen der Brüder. Gegen Mitte der Columne versuchte 
man auch zwei Namen in eine Linie zu bringen. Die Listen sind bis auf einige Stellen, 

Äbh. der philos.-hiaior. Kl. 1872. Nr. 1. 9 



66 

wo die Oberfläche des Marmors abgesprungen ist, yoUkommen erhalten. Ich zähle auf 
beiden Seiten zusammen 85 Ephebennamen. 

Sie geben noch zu einigen onomatologischen Beobachtungen Anlafs. 

In den Personennamen spiegeln sich die verschiedenen Epochen der Geschichte. 
So unterscheiden wir auch hier die Namen älterer Perioden und die der hellenistischen. 

Die altpergamenischen Namen schliefsen sich an die Landescnlte an, 'Ao7eX)7?riadt)ff« 
^Aff-xXffvwBw^os und die vulgäre Form "Xaitkag als besonderer Namen mit dem Vatemamen 
'Aa-kkvivtdSriQ verbunden. Gleiches Ursprungs ist der Namen TcAso^o^oc, TtTitTtpogiwv (C. 
inscr. gr. 3554, 3559 etc.). Zweitens der sehr häufige Name Mi^r^oj&u^o?, der sich auf 
die Gottermutter bezieht, die auf dem Berge hinter Pergamon als utfn}^ tüSv S<(vi/ 'Aowo^i^inf 
(Strab. 619) ihren Sitz hatte« Auf den Attisdienst bezieht sich wohl 'Amme. Ans der 
Verwandtschaft der MuttergÖttinn mit der asiatischen Artemis erklären sich die Namen 
*A^TtfjLag, 'A^TSfjLüDv, 'A^TefjJSui^g, welche so viel vorkommen, daJjs sie in einheimischer 
Tradition begründet sein müssen. Desgleichen beziehe ich die vielen von Mr'i^ abgeleiteten 
Personennamen (Mi^i/otyeinjc, My,v68oT09^ Mvipeiptkog, M't]voipavviQt Mt^votpüUv, Mvjvotpavroc) auf den 
im benachbarten Binnenlande herrschenden Dienst der Mondgottheiten. Betrachtet man die 
Namen der genannten Reihe genauer, so findet man, dafs meist gleichartige Namen (so- 
genannte ^iofpofa) zusammengehören, z. B. Mvir^Sui^og 'A^rifjutivog^ 'A^rtuag ^AfrißojvOQf 
"Arkkag 'AT^XijiricrSov, Mv,T^8u)^og Mv}vo<f>lkoVt Mr,v6<pavTog MyjT^o&tjo^Vy 'Arrwae ArifxvfT^iov — 
wir werden also um so mehr in diesen Namen Ueberreste alter Tradition erkennen dürfen 
und in den Trägem derselben einen Stamm alter Bevölkerung des Landes. Wir werden 
also auch Eigennamen von so allgemeiner und unbestimmter Bedeutung wie 9to$w^oc, 
mit Asklas verbunden, auf keine andere Gottheit beziehen als auf den Zeus Asklepios, 
den Gott xar i^o%ifv in Pergamon. 

Aus persischer Epoche stammt der Namen KC^oc, der anf Inschriften in Perga* 
mon vorkommt (vgl. Inscbr. aus Eleinasien von Carl Curtius in Hermes VU.). 

Dann kommen die Namen, welche dem hellenistischen Pergamon angehören und 
sich auf die Geschichte des Landes seit makedonischer Zeit beziehen. Hierher glaube ich 
den Namen Menandros, der auffallend häufig ist, rechnen zu dürfen, indem ich voraus- 
setze, dafs er durch den ersten makedonischen Regenten, der als Satrup in Pergamon resi- 
dirte, landesüblich geworden ist (C. I. 3561 cf. p. 1127). Die Namen der pergamenischen 
Dynasten, welche sich als neue Landesgötter einführten, sind, wie begreiflich, nicht in den 
Privatgebranch übergegangen (aber Beinamen der Fürsten, wie $iXo|u«frw^ kommen als 
Privatnamen vor), und erst in der römischen Zeit taachen einzelne Beispiele auf, wie in 
unserer Inschrift Attalos des Menandros Sohn und 'ArraXo^ ^tXEvxov. Mit dem Prytanen 
Attalos hat es noch eine besondere Bewandtnifs. Wir wissen nämlich aus einer Inschrift 
des C. Inscr. gr. (n. 2189), dafs in Pergamon die Prytanie ein erbliches, von Köm'gen 
benanntes Amt war (tntuwfjLog diro ßa<n>iuiv ic^vrtzvgla)^ ein Ausdruck, welcher bis jetzt 
noch keine sichere Erklärung gefunden hat (prytania ex regtbus derivata nach Böckh 
a. a. O.). Unter den Königen können nur die Attaliden verstanden werden. Es scheint 
also, dafs diese einem Seitenzweige ihres Hauses die Prytanie in Pergamon übertragen 
haben, deren Inhaber für die Zeit der Amtsdauer den Namen Attalos trug. Der aus- 
gewanderte Prytane hiefs in Lcsbos Aulos Elaudios Perennianos. 



67 

Im Allgemeinen unterscheiden sich die Personennamen der hellenistischen Epoche 
von denen der älteren Zeit dadurch, dafs die feste Tradition fehlt; es sind mehr gemachte 
Namen, welche die Absicht zeigen, eine Anlehnung an das Mutterland auszudrücken. Wie 
sich die Frau des Gongylos, welche Xenophon in Pergamon bewirthete (Anab. YU, 8), 
Hellas nannte, so nannte Attalos seinen Sohn Athenaios; *A3y,vato<: und 'Arrixoc kommen 
in unserer Inschrift vor. Pergamenische Namen, welche im Allgemeinen den Charakter 
eines jüngeren OeprSges tragen, sind 'Eraiftunv, ^tXoMoXoc« ^iXo^bvo^, ^'jt'(pi^ov(ra, Au^ai/ouv, 
Sa^avTOJv, ^lAvog etc. 

Drittens die ungriechischen Namen, welche entweder durch die Nachbarschaft 
barbarischer Volksstämme bei den Pergamenern eingedrungen sind (Aao?, K/fA/3^o?, M/^a?), 
oder durch die Verbindung mit Rom. Wir finden in Inschriften der Nachbarschaft den 
Namen UoßTrvi'tog (C. I. 3566), in unserer Inschrift die Namen Lucius (hellenisirt AtJxtop), 
Gaius, Publius, Secundus, Hortensius (*O^V<o?). Onomatologische Kennzeichen sind, wo 
chronologische Daten fehlen, die sichersten Zeitbestimmungen und wie wir aus dem Namen 
AiXi09 auf hadrianische Zeit schliefsen (n. 3544), so folgern wir aus der Sparlichkeit rö- 
mischer Namen in unserer Inschrift, dafs sie der Zeit der Republik angehört. Der Schreib- 
fehler im Namen Secundus (Z. 28) seigt, dafs den Pergamenern die römischen Namen noch 
nicht gel&nfig waren. 

Endlich mache ich noch auf Eins aufmerksam, nämlich die Häufigkeit der Doppel- 
namen, welche uns eine Zeit veranschaulicht, in welcher die alte Haussitte erschüttert 
war; Römer wurden in die Familien aufgenommen; durch Heirath und durch Adoption 
verbanden sich griechische und lateinische Namen. Auch wurden griechische Namen 
gegen römische vertauscht (XtBccrog aus Nikais, to d^%atoif BsotpiXog Aristid. 829^ 9, 
Waddington Chronologie de la vie du rheteur Aelins Aristides p. 54). 

Hierher gehören der Ephebarch * Aa-xXvimciByig Tatov tov Aovxiov, der Grammateus 
SutiwBgog Tatov TOV novtrXtov (wo die der römischen Sitte entsprechende Nennung des 
Grofsvaters zu bemerken ist). Es werden die römischen Namen auch als Beinamen zu- 
gesetzt Xai^toT^ccTog o hm Ma^xtavog G. I. gr. 4118 FXuxboi/ TXvHWvog o Hat ABVHtog, 'A^rsjiu- 
iw^og AovHiov o secu Taiog in unserer Inschrift. 

Die folgenden Inschriften UI — V aus Pergamon und seiner Umgebung sind von 
Herrn Dr. Heinrich Geizer abgeschrieben und ich lasse sie mit seiner Erläuterung folgen. 



68 



III. 
Inschrift von Klisse-koei. 

(Siehe Tafel VIL) 



Im Jahre 1870 entdeckte Dr. Schröder, Dragoman bei der deutschen Gesandt- 
schaft in Constantinopel in ELlisse-koei eine grofse und in mehrfacher Hinsicht merkwür- 
dige Inschrift. Elisse-koei (d. i. Kirchdorf) ist ein kleines Dorf, auf einer der Hohen 
gelegen, welche den elaitischen Meerbusen umgürten, vier Stunden von Bergama und acht 
Ton Menimen entfernt, dem nächsten Stationspunkte der Smjma-Eassaba-Bahn. Die In- 
schrift befindet sich in dem nur von einer türkischen Wittwe bewohnten und demgemfifs 
schwer zugänglichen Hause Ghalil-Agas. Daselbst ist sie in die Pflasterung des Vor- 
platzes vor der inneren Haustbüre eingelassen. Seit Menschenaltem ist der Fufs der 
Ein- und Austretenden darüber hingegangen, und die Züge der Inschrift haben dadurch 
schwer gelitten. Ein grofser Theil ist völlig verwischt Daher erwies sich auch der 
Versuch eines Papierabdrucks als völlig nutzlos; nur die ersten fünf Zeilen traten hervor. 
Obschon mich Herr Professor Curtius von früh Morgens bis Sonnenuntergang in 
der Entzifferung der einzelnen Zeilen gütigst unterstützte, haben wir doch kaum 30 von 
den 61 Zeilen der Inschrift gelesen. Und so lange wenigstens der Stein an seinem jetzigen, 
ungünstigen Platze verbleibt, wird die Lesung schwerlich viel weiter können gefordert 
werden. 

Die Höhe des Steines beträgt 1,26; die Breite 0,66; die BuchsUbenhöhe 0,09. 
Der Text der Inschrift lautet, wie folgt: 
• . • 9 TOfA ßcta-ikia »vuot^ vne^ r . . . . . • . . • . yf/rnpl^ia'' 

•S"«! TJag TT^irovcag aCru} rt/Liac, ottw^ im ro7s y8yevY,fMvoig ayaSoTc rw ßuTt' 
?Jt inTtviiQ ot voiKircu ipcuvüovrat neu UTFoBtBovTeQ avTtZ rag Hitra^tag %a- 
^iTccg TiSv MVVifABgyjfjLceTüüif Hut Tüüu tig sarjT0V9 evs^ytTttav, ayccSvi tv- 
^ %V ^*^o%^at TT) ßovXvi Hoti Ttu SfifAut TTBfpavwTat TOfA ßcciTikta y^vaw 9Tt- 
^avw a^trretw, Ha(3')teoü!jTai (J)e cevTov xai ayttkfAu vtvrairrj'/y TBSwgcaaTfAk* 
vov Hat ßtßr\HOQ (J)it\ thvXojv iv tu! vom tov Xodtt^oq ^ KTH>>y]ftio\l iva t) 
a^jv(v)ttog Tuj B'iw, arvJTcu Äi ctirov neu slnova %fva^i/ t<ptnnov im orv- 
'kiBog ßcc^fxa^ivvjg tta^ä rov to\j Aioc toxj XuTvjgog ßMfxou, on^g Cita^y^ )j 
10 ztM{uv iv TW iirKpaviTTOTw Tontu Tfig ayo^ag, hcarrfig ts ^fÄt^ccg o ort- 

(pauviipogog kcu o UaeCg tqv ßuTtXitug H(ai a')ywvoSETr}g irndviTUiTcev XißauvoTou 
im TOV ßüüiJLov TOV Atog tov ^wTrloog ..••oTrao'i? tyiu it oySovjVt iv |} vaotytvgro 
Btg Hs^yccßov, Ugav t$ ttvat m((x)3' anttvTU Toy t/j^ovov, xcu iv (vurii imTtkdiT^cu hot iv$^ 
avTov vno rou U^iwg roG 'Arx^yiirtov nofJLTrljv wg Hci)^m\v in tov n^VTavet^ 
15 ov sig To TSfJLBvog tov *ATtiKri7nov Hat tov ßttTtkLwg, avfJLnofXTTtvovTwv twv tl- 
^iTfMvwv Hai naoarra^ti(r(y}')g 3vTifltc Hat Hay^ttovjS'ttayig, avvaytO'S'ua'atf 
tv TW ts^ut Ol a^yjiVTtg, oiooT^at ug rt tv\v i^Tvvtav nett tv^v crvvoöov avTwv 



j 



69 

atro rov TOfjuov rSv äiMTOtTrtau TtforoSw Airo rov nogov rov *Ao^f)9riov ag» 
(y)voov Soa%uä9 muniHOvra, Tr,u Bt Svnaif ..... V7roio*)(ßjS iirtfJLtktlcr&iüvccv 

20 0% Ugovoßor ylv$T&w Si na) imygaipag [im fu» rov] dya>.fAccTof „*0 Sfißog ßaa-t^aa 
"ATTctXoif ^lAofEAffro^a xeu svtfytniv vii(y) ßeta-iT^tug EvfMvov Xujrtigeg dgaryjg 
SviXfv Heu avBgayaStag tjj9 Herra iroXißov, xgeertiTavTa rtSv vjnvavrwv,^ im 
Bl r^c tbcovog* j^O SfiiAog ßccriTla ArraXou ^iXiOfjkYiTOga neu »iegytrvfu 9'tov ßarikt^ 
üt.g KvfJtivov Xwr^gog ageryig ivsnev xcu fpgovfiTttog Tfjg avvciv^ovTf}g rä rrgayßa" 

ii TU xcii fjisyaXofAMgslccg rvis th ctiriv,^ "Orcev St nctgayivyirm ttg t^m vo(Xtv) ^(jx)Sif, ort' 

tp(tvri<(>ooy}Tm Jtavra irdrov rrt<puvw v rwu BoiStxa ^twv xcu ^tov )8a- 

^lAstti? Evßsvov xeti ovrr . • • . 

• • • . • Svop 9V%tT^at tnjtf TS xai Big rou crti %foi/op 



BtSovat rag 



30 TUiTTlOMIf VPiffU 

(7rgo)ar(T)aa'ittv airov • 

*Ajrtag «rravryiTitv 

.... erccg xa 

rag rovg 

35 i<f>f}ßwv 



€1 (iv) Ttti To((j) 'AoTcXi^iriov Ugtu, 

Die Inschrift ist ein Decret einer mysischen Stadtgemeinde zu Ehren ihres Wohl* 
thSters Atialos Philometor, des letzten Attaliden. Nach einer nur fragmentarisch erhal- 
tenen Einleitung, worin die Barger ihrer Dankbarkeit gegen den König Ausdruck geben 
(Z. 1 — 4), erfolgt die Aufz&hlung der verschiedenen Ehren, welche dem Könige durch 
BeschlaÜB von Rath und Volk zuerkannt werden: 

1) der goldene Kranz (Z. 5 — 6), 

2) die Errichtung einer Kolossalstatne des siegreichen Königs im Asklepiostempel 
(Z. 6—8), 

3) die Errichtung einer Reiterstatue auf dem Marktplatze (Z. 8 — 10), 

4) tägliche Opfer, dargebracht durch den Stephanephoros und den Priester und 
Agonothetes des Königs (Z. 10 — 12), 

5) Heiligung des achten Tages, an dem der König seinen siegreichen Einzug in 
Pergamum hielt, und Einsetzung einer feierlichen, jfihrlich wiederkehrenden 
Procession (Z. 12—20). 

Darauf wird die Redaction der Inschriften festgesetzt, welche die Kolossalstatue 
und das Reiterbild zieren sollen (20 — 25). 

Im zweiten Theile der Inschrift scheinen die Ehren aufgez£hlt zu sein, welche 
dem Könige bei seinem persönlichen Besuche der Stadt zu Theil werden. 

Im erhaltenen Texte ist der Name der Gemeinde nicht genannt, welche den Be- 
schlufs abfafst Es kann nicht Pergamon sein; denn Pergamon, wo der König nach er- 
fochtenem Siege seinen Einzug hielt (Z. 13), steht im Gegensatz zu „unserer Stadt^ 
(Z. 25). Nach der Lage von Klisse-koei zu schliefsen, wfire man geneigt an Elaia, den 
Hafenplatz von Pergamon, zu denken. 

Der Zeit nach ffillt die Inschrift in die Regierung des letzten Königs von Per- 



70 

gamon, Attalos III. Philometor 138 — 133. Das Decret ist erlassen in Folge eines glän- 
zenden Sieges, welchen derselbe über seine Feinde erfocht. Daher wird sein Bild im 
Tempel aufgestellt, im vollen Waffenschmack, wie er über die Rüstungen erschlagener 
Feinde einherschreitet. 

Aber wer diese Gegner gewesen, wird nirgends n£her bezeichnet Am natür- 
lichsten denkt man an die mit Pergamon stets verfeindeten Herrscher Bithjniens und an 
ihre Bundesgenossen, die Thrakerkönige Diegylis und Zibelmios. (Strabo XIII p. 624. 
Diodor. XXXUI, 14. 15. XXXIY, 12 Appian de beUo Mithrid. III, VI). 

Von besonderem Interesse sind die Angaben unserer Inschrift über die gottlichen 
Ehren, welche den attalischen Konigen in ganz gleicher Weise, wie später den Imperatoren, 
zu Theil werden. 

Zur Yergleichung können namentlich die Inschriften von Teos herbeigezogen 
werden, nach welchen die dionysischen Künstler in ebenso ausschweifender Weise, als 
hier Rath und Volk von Elaia, dem Könige ihre Yerehrung bezeugen. 

Wie wir in unserer Inschrift einen U^bv9 tov ßccTt}<iw9 neu a^utuo^rifi^ haben, so 
treffen wir in Teos einen a^wi/oSert;? xcu it^uig ßariXiüDQ (C. I. G. 3068) oder S'fou 
(C. I. G. 3070) Evtxiuov, dessen Amtsdauer jährig ist (G. I. G. 3068). Eine Inschrift 
bei LeBas (Asie mineure Section I, lY Nr. 88) erwähnt ebenfalls in Teos einen it^BV9 
['ArraXou £tJcr«/3ot7]$' neu ^täg ^AfroXkwvlSog EiTtßoCg und eine Isgtta etCrrig xcu ßaTi}Jvayi9 
'Sr^ctTouiKvis, Ein Is^ivg roxi ßao'i>siu)g 'Arra^ou kommt in der grofsen Inschrift von Sestos 
vor, welche demnächst im Hermes publicirt wird (Z. 26, 27). 

In Teos hat der Gott Attalos einen besondern Tempel (C. I. G. 3669 to t$ 
'Amixtiw TO ir^og tu Star^w), Ebenso findet sich in dem zum pergamenischen Reich 
gehörigen Aegina ein'ArTaXsiov (C. I. G. 21396). In unserer Stadt dagegen ist der König 
a-vyuccog des rettenden Asklepios. 

Die Wendung der Inschrift von Sestos: tuSu re ßartkeuv th 3«ou« pLtraTrairrüjv 
läfst darauf scbliedBen, dafs auch im pergamenischen Reiche eine Art Apotheosis der ver- 
storbenen Könige stattfand. 

Wie streng die Attaliden ihr göttliches Ansehn wahrten, zeigt das Schicksal des 
Grammatikers Daphidas. Er ward ans ELreuz geschlagen, weil er nach Hesjchias illustris 
(s. V.) Ttaa-iv iXoiio^BTro fJLyjSt avrulv <pn^oiJkivo9 rwu &iu!u' Sio uai i'/ß'^e rjv ^ArrciXw rw 
ßartku Ut^yafiov. 

Strabo (XI Y, pg. 647) nennt die gelästerten Götter; es waren die Könige, 
welche er durch Spottverse beleidigte. 

Der streng strafende Gott kann sehr wohl Attalos III. Philometor sein, mit dessen 
SulUns Willkür (Diod. XXXIY, 3. Mommsen R. G. II pg. 50) eine solche That wohl 
im Einklang steht 

Nur noch einige kurze Bemerkungen über das Einzelne seien mir hier erlaubt 

Z. 4. T(i!)'i/ sörifÄt^vifjLaTwv ^die glücklichen Unternehmungen^ des Königs, 
durch welche ihm die Bürgerschaft zu Dank verpflichtet ist, gehen auf die Z. 22 erwähn- 
ten Siege. Das Wort ist in dieser Bedeutung bei den Spätem nicht selten* z. B. Diod. 
XIII, 13, ö. Polyb. 3, 72, 2. 

Z. 52 y^^varul vrtiptivtu a^iO'rtitu C. I. G« 2376 X^V9^ arttpa^ifi d^ta^Mna 3601 
\TTi(pi\oufo\9l a^TTÜov 2424 aTi(pmw a^o-]rf/eu dni <)^vt[ijovI vgl. Diod. XYII, 48, 6. 



71 

Z. 3. vgl. C. I. G. 2525^ rag Hora^tag %a^trag dTToiiBotnrtg, 

Z. 6. Bezeichnend ist der Gebrauch des Wortes iyoO^m (Steph. thes. 1. graec 
I. p. 165 ayaT^uLa to tov StoC ofxolfufjLo) für die Statue des Königs. Auch die Statuen der 
vergötterten Imperatoren waren ayäXuiaree, 

Z. 8. Das zweite N in a-vwaog ist fast verloscht, die Lesung aber sicher, v0. 
z. 15 TO rifxiuog rotJ 'ATx\v}7nov uai toC ßarikmug. 

Z. 10 IV TU) BirKpaväTUTTUi Torrui TriQ ayo^ag vgl. G. I. G« 3068 avcey^tvi/m to yl^rr 
tpiTfjut ToSs elg ott^XyiU XiSii/tji/ hm oty^tui naog rw Aiouvriw Iv rw inKpctverrctrui roniu, 

2t, 10. U^ivg x[cti a\y^vQ^iTr\Q. So muTs gelesen werden, da die Lücke gerade 
Platz für drei Buchstaben bietet. Auch in den Inschriften von Teos sind die Aemter 
des königlichen Priesters und des ELampfrichtcrs von einer Person verwaltet. 

Z. 12. Die Buchstaben nach ^wrYiOog sind schwer lesbar und unsicher. 

Zu Z. 12 TViv ht oyiorfv u. s. f. Die Heiligkeit des achten Tages ist auch 
sonst bezeugt. In Athen war er dem Theseus (Plut Thes. 36 Schol. Aristoph. Plut. 
1126) und dem Poseidon heilig. (Plut 1. c). Dafs dem König der achte Tag, der Tag 
des Einzugs in Pergamon, geweiht ist, hat offenbar noch seinen besonderen Grund. Der 
Grott von Pergamon ist nicht der hellenische Gott (Welcker Götterlehre II p. 70), 
sondern der semitische Asklepios, welcher als Bruder der auch in Pergamon hochver- 
ehrten Kabiren (C. I. G. 3539 und dazu Boeckh) gilt und stets das Betört „der Achte^ 
führt (Damascius bei Photius GGXLII, 573 und Herennius Philo bei Euseb. praepar. 
ev. I, 10, 25 Ol cTrra... Kaßttgoi Hat oySoog avTuv »SsX^oc ' Ao-xXyjfrioV, Vgl. Movers Phoenizier 
I pg. 528 ff.) 

Folgerichtig ist dem Gk)tte, welcher der Achte heifst, der achte Tag heilig und 
ebenso dem Könige als seinem Tempelgenossen. Denn der König, welcher die Stadt 
aus einer drohenden Gefahr rettet, ist wohl als irdisches Abbild des *Aarfikr,7rtog Xury)^ ge- 
dacht Wie hier der achte Tag, ist auch anderwfirts ein Tag dem Könige geheiligt: z. B. 
in Teos G. I. G. 3068 .».iv rrf ßarikgtag ^ipavoxt ^fu^^ orav i} rc voiattvi &fA3|} Hat al 
TTttpavwo'tig crjirrikwvTcu, 

In Sestos wird sein Geburtstag feierlich begangen: Inschrift Z. 35 ff. iv re rolg 
ytviSxtotg rov ßarOJüog HceS^ bhuttou fjLvjva ^Tia^oou int^ rov Snißov StaS^ofmg iriSst To7g 
Tt i(fytjßoig Hat To7g uboiq u. S. f. 

Z. 16. va^aTTa^tlvr^g 3'va'tag vgl. Lucian de sacrif. 13 o fMv yg Sxud^? Hat 
nicrag Tag ^vxlag dtpttg.,,, avTovg rot)c dv^^oiirovg tti ^AgTifJuSt Tra^lomiTt, 

Z. 18. aTTO TOV TaiAtOV TÜJV älABTOlTTÜJU TfgOO'oSwV dlT ToC ITO ^OV TOV 

'Ao'HXfiirtov, Al ofAtTotoToi (s3 dHtvfjTot) Tf^oToiot siud die Einkünfte aus der e77tio9 ovrla, 
dem Immobiliarvermögen, dem Grundbesitze des Tempels, a* nooToiot ano tov ixoqov 
ist eine auch sonst belegte Fülle des Ausdruckes. Xenophon Gjrop. I, 6, 10. 

Z. 20. Ol tifovoixoi. Der Hieronomos (vgl. Dionjs. Hai. Ant II, 73) ist der 
Pfleger oder Aufseher des Heiligthums, wie dyo^avofxog, yvuatnovdiAog , naiSovofÄog u. s. f. 
Sonst kommt dieses Amt noch vor in Ilium novum. G. I. G. 3595. vljv fMv li^nav na) Tovg 
UoovoiAovg HOi Tovg rr^vTavitg gv^avS^ai *A^u^ tvi 'IXtaSt und G. I. G. 3597 oigstT^at Si 
Htu ligovofMu TtZv tixoMintuv iv XneciJLavBgoig. Ein Itgovofxog findet sich auch in Pergamon. 



72 

LeBas Asia mineore XUI, I pg. 411 Nr. 1723 a. Da aber diese Inschrift dort nur an- 
Tollstfindig vorliegt, so gebe ich den Text nach meiner Abschrift: 

ij ßovX'^ Hat Svifxog 

htfjLriTS 
Tl. KXflcvSiof/ OvtTi^a 
Tov n^vraviv xm xTtaTr\v 
rov oXätTTTfigtov TOV i[y rtu 

m t f 

xctt it9 OTgaTfiyoi/ neu t^i9 



ü^r^vaoyjfiv xa» ayooavö" 
fjLou xai ligovofjLov xat ra- 
ßiau Twv Tvig froXccv? %f*J" 
lAarmv xat <ptXou Trainroov 
ägsTfig tvBxa xat rvig 
sh TVjv TTOTgtSa tvvotag» 

Z. 21. ßaa-tXiüüg Euftti/ou über die sehr gewohnliche Form Waddington zu 
LeBas Asie mineure I, 4, 88. 

Z. 23. ^Mgyirfjv ^tev ßavtXtuif EvfAtvov. Da hier sicher Stov steht, ver- 
muthe ich aach Z. 21 vlou falsch gelesen za haben. Der verstorbene Eonig erhfilt das 
Prädikat Siog, wie C. L G. 3070 vgl. Boeckh zu C. I. G. 3067 (II pg. 658 flf. 662). 

Z. 26 1^ S^Saxa ^toTi/ die Lesung dieser Zeile ist mit Ausnahme von 

BüoSsxa ^tu^v ziemlich unsicher. Der Gült der Zwölfgötter ist auch sonst in Kleinasien 
und gerade in den L&ndem am Hellespont mehrfach bezeugt Welcker Oötterlehre 11 pg. 170. 

IV. 

Die Inschrift befindet sich in Pergamon auf dem Vorplätze eines kleinen Bet- 
hauses gegenüber der Bajazeth-Moschee. 

Höhe des Steines 0,76; Breite 0,88; Buchstaben 0,04. 

ÄYTOKPÄTOPÄKÄIZÄPÄ 
0EOYYION0EONZI BAZTON 
OÄHMOZOÄMIZHNnNI ÄIOI 
ZYMnOAEITEYOM AI© 
TONEÄTfiNZÄT THN 

AvToxooTooa Kato'a^a 
Bbov viov Qtov Xeßarreu 
OYifAog AiJUTvjvotJV xm oi 
avyLirokiiTt.voti\jtvoi\ xm o... 
TOI/ toTujv Tujrlvi^a xm xrio"]r»ji/ 

Die Schrift ist die gewöhnliche der ersten Elaiserzeit; auffiUlig ist nur, dafs 
Omikron stets mit einem Punkte in der Mitte versehen ist Der Stein enthfilt ein Decret 
der pontischen Stadt Amisos, welche^ schon von C&sar zur Freistadt erklfirt, unter An- 



73 

tonias ihre Freiheit eingebüfst hatte. Nach dem Siege bei Actium gab ihr Angnstas ihre 
Selbständigkeit zurück. Strabo XII pg. 547. Deshalb wird er in unserem Decrete als 
o-ftiT^^ und HTiTTV[g geehrt, oi avfX7ro>aTevofjL8vot sind die Bewohner von Themiskyra und der 
Sidene. (Strabo 1. c.) Ausdrücklich sagt Strabo (XII, p. 548), dafs das Gebiet von 
Amisos auch diese beiden Ländchen umfafste. Unsere Inschrift erweist, dafs diese Ge- 
meinden der Stadt Amisos politisch nicht untergeordnet, sondern beigeordnet waren. 

V. 

Ein romischer Meilenstein, gefunden beim Bau der neuen Strafse, welche Dikeli 
koei (Atameus) mit dem Innern verbindet. Er liegt ungefähr 100 Schritt von dem kleinen 
Stationshäuschen entfernt, welches sich gerade halbwegs zwischen Bergama und Dikeli 
koei befindet. 

M/AOVILLIVSAA/F 
COS 
CXXXI 
Or///KYAAOrMANIOY 

YnATOZpnwAinN 

PAA 

M.' Aquillios M.' F. 
Cos. 
CXXXI 

[Mctvi]«« AxtiXXo; (siel) tiauiov 

^(Aa?) 

M.' Aquillius M.' f. war Proconsul. von Asien a. u. c. 625 — 628. G. l. L. pg. 460. 
Waddington fastes des provinces Asiatiques pg. 665. Er übernahm die definitive Regu- 
lierung der neuen Provinz Asia nach Perpennas plötzlichem Tode (Mommsen IL G. II, 
pg. 52). Ein zweiter Meilenstein des Proconsuls Aquillius ist zwischen Aidin und Omer- 
beili gefanden worden. C. I. G. 2920. C. I. L. I, 557 pg. 157. Die Fassung beider 
Inschriften stimmt wörtlich überein. lieber vwarog ^Fwfxaluiu Mommsen zu C. I. L. 1. c.^ 

H. Geher. 



Äbh. der philos.'histor. Kl. 1872. Nr. 1. 10 



74 



Alt-Smyma 

(T«fel IV. VI.) 
von 

Dr. Gustav Hirschfeld. 

Der Golf von Sm3mia ist von einem weiten Erance mannigfaltig geformter Berge 
umgeben; von Norden her einströmend, dann durchaus nach Osten gewendet greift er 
in den Umrifs des Efistensaumes tief hinein wie ein Haken, als dessen Fortsetzung 
und Spitze die dem Meere abgewcmnene Ebene von Bumabat zu betrachten ist. Südlich 
wird diese von den Ausläufern der Gebirge begrfinzt, welche sich in ununterbrochener 
Folge als Tachtalü-dagh, Nif-dagh, Mahmud-dagh, Boz-dagh u. s. w. nach Osten ziehen, 
und deren übersichtlicher Zusammenhang am Smyrnäischen Meerbusen von den Alten 
bereits hervorgehoben wird^). Im Norden setzt sich die Ebene an den Fufs des hohen 
Massengebirges, welches ebenfalls von West nach Ost streicht und von den Alten in 
seiner ganzen Ausdehnung mit dem Namen des Sipjlos bezeichnet zu sein scheint In 
der That zerf&llt es in eine niedrigere westliche Hälfte, Jamanlar-dagh , und in eine 
höhere östliche, den Manisa-dagb, welche ein kleinerer Zag, Sabandscha-beli, mit einander 
verbindet. Von dem Enoten, welchen dieser mit dem östlichen Fufse des Jamanlar 
bildet, löst sieh als drittes Glied ein Arm los, welcher in geschwungener Linie zu den 
gegenüberliegenden südlichen Bergen l&uft und so das Thal zwischen diesen und dem 
Sipylos in zwei ungleiche H&lften zerlegt Die kleinere vordere derselben ist eben das 
AUttvialland um Bumabat, von mehreren kleineren Gewfissem durchflössen, welche bei 
der Efirze ihres Laufes unvereinigt in das Meer gehen ; eines derselben, das hauptsfichüch 
dem Eys-göl d. i. Mfidchensee entspringt, wird von Einigen als der Meles der Alten 
angesehen*). Der östliche längere Theil des bezeichneten Thaies geht in die weite 
Hermosebene über; auch er wird von einem kleinen Flusse, dem . Nif-tschai durchzogen, 
welcher mit scharfer Biegang um den Ostfufs des Manisa-dagh herum dem Hermos zueilt 

Der Sipylos, ein Gebirge vulkanischer Natur, erhebt sich an der nördlichen Seite 
und besonders in seiner Osthälfte steil und mächtig wie ein steinerner Wall; weniger 
schroff ist der Abfall nach Süden; seinen westlichen Fufs umfliefst der Hermos, welcher 
aus einer kurzen aber engen Felsenpforte mit entschiedener Wendung nach Süden hervor- 
strömt und sich nun, vor seinem Eintritt in das Meer, über eine breite stetig anwachsende 
Niederung in vielen Armen ergiefst. Hier um den WestfuTs des Berges legt sich ein 
fächerförmiges System von Verzweigungen, von welchen einige, bei der vorwiegenden 
Disposition des Gebirges zu Euppenbildungen , noch zu beträchtlicher Höhe ansteigen, 
lieber dem Busen von Smyrna ziehen sich dieselben in der Richtung von Nordost nach 



75 

Sadvest; einer dieser Aaslfiafer, gerade über dem nordosÜieheB Winkel des OoMes, ist 
einerseits durch seine Liage, vor allem aber darek die Trümmer menschlidier Werke, 
welche er trfigt, besonders ausgeseichnet. Dem Burgberge von Nen-Smyrna, dem Pagns 
ungefthr gegenüber erhebt sieh seine steile Spitse mehr als 1200 FuTs hoch, nach Nord- 
osten von einer weniger ausgebildeten Kuppe durch einen kleinen Sattel geschieden. In 
der Hanptrichtung d. i. nach Südwesten f&llt die Höhe mit einem schneidigen Rücken ab, 
erhebt sich zu erneuter Bildung von drei kleinen Kuppen, und setzt dann jenseits der 
Schlucht eines Baches die ursprüngliche Richtung noch in einem Hügel fort, welcher zwar 
nach allen Seiten sich mehr ausbreitet, siber ebenfalls noch in einer Kuppe gipfelt. Im 
Nordosten schliefst der ganze Zug sich an das Hauptgebirge an, nach Nordwesten 
iHlt er schroff gegen ein Thal ab, das ihn von einem anderen Ausl&ufer trennt, nach 
Südosten findet die breiteste Entwickelung statt: hier besteht die äufsere, westliche Seite, 
welche sich am Bett des Baches, dann am Küstensaume hinzieht, ans einer Folge sehr 
flacher, aber recht entschieden abfallender Schluchten, welche südlich, über der Bbene 
von Barnabat in einem ziemlich weit vorgeschobenen gekuppelten Kap ihren Abschlufs 
finden; diesem gegenüber steigt inselartig eine kleine Höhe, Hadji«Mudjor gegenüber, empor. 
Gegen die Ebene sodann neigt sich der ganze Zug — von der Steilheit der Kuppen ab- 
gesehen — zunächst sehr allm&lich, bildet seitlich noch einmal eine Kuppe und fUlt dann 
nicht allzu sanft in gewelltem Zuge hinab gegen Burnabat 

Das bezeichnete Terrain wurde schon von früheren Reisenden wie Pococke,. 
Chandler, Prokesch von Osten, Hamilton beachtet und mehr oder wenigmr genau be- 
schrieben; Texier hat demselben in seinem Werke eine längere Besprechung und mehrere 
Tafeln gewidmet, unter welchen sich auch eine Aufnahme befindet. Leider mnfs dieselbe 
beinahe als werthlos bezeichnet wurden, denn die elegant gezeichneten Formen entsprechen 
der Wirklichkeit in keiner Weise: der Küstensaum bildet in Wahrheit fast einen rechten 
Winkel, — bei Texier ist er eine gerade von West nach Ost verlaufende Linie; die 
zusammenhängende Gliederung nach Erhebungen und Senkungen ist vollkommen aufser 
Acht gelassen, sogar die Richtung der wesentlichsten Punkte zu einander und ihre Ent- 
fernungen gfinzlich verfehlt') Unter diesen Umständen entschlossen wir uns bei unserem 
Besuch im September 1871, von dem wichtigen Terrain eine eigene Aufisahme zu ver- 
suchen. Wir waren nur im Besitz eines Groquirtisches mit Diopteriineal, die Sorge 
der Aufiiahme beruhte wesentlich auf einer Person, dem H. M^jor Regely, und überdies 
war unsere Zeit beschränkt: so kann von Genauigkeit in jedem Einzelnen nicht die 
Rede sein, — nur soll die Skizze in der allgemeinen Angabe der Formen wahr und in 
den Richtungen und Ekitfemungen genau sein, um eine sichere Grundlage für die Be- 
schreibung abzugeben^). 

Am bequemsten für den Besuch des Terrains landet man an der Scala von 
Bukjes. Schon von Smjma hebt sich das dreieckige kleine Vorland mit seinen grünen 
Weingärten auffiällig hervor. Gelandet überschreitet man zuerst die Bahnlinie der Smjrna- 
Kassaba Eisenbahn und erreicht nach 10 Minuten das Bett des Baches, der sich in 
mehrere Arme spaltet, dessen Hanptlanf aber hart am Fnfo der östlichen Höhen entlang sich 
zum Meere windet. Im Sommer ist das Bett fast völlig trocken, doch erhalten sich Myrten 
und Oleander in ihm grün und frisch; die zerklüfteten Ufer und die schweren Steine im 
Bette verrathen die Gewalt des Wassers zur Regenzeit. Wenn man an dem Bach zwischen 

10* 



76 

den immer enger ensammenrückenden Hohen etwa 10 Minuten hinaufgestiegen ist, ver- 
läfst man die Hanptschlncht, welche sich in nordwestlicher Richtung emporzieht und geht 
einer nordöstlichen Seitenschlucht nach. Hier tritt der lebendige Fels, ein rothlicher 
Trachyt oder weifser Trachjttufif, unter der dünnen Erdrinde hfiufig zu Tage. Zuletzt 
an einem sehr steilen Abhang emporklimmend, wo sich hie und da Spuren eines einge- 
hauenen Pfades zeigen, gelangt man nach 10 — 12 Minuten auf den Sattel, welcher sich 
zwischen den drei unteren kleinen Kuppen befindet. Die zwei zur Linken, westlich, ge- 
legenen derselben bieten kein besonderes Interesse; die östliche, ein röthlicher, nackt aus 
der Erde schieisender Trachytfels von etwa 15 M. L&nge aber geringer Breite, fSllt nach 
drei Richtungen hin fast senkrecht ab und ist nur von den Seiten her im Norden zu- 
gänglich, wo ein Stück eines hohlen Weges zwischen dieser Kuppe und einer kleinen 
nordwestlichen Erhebung wie ein Engpafs hindurchführt. Der Fels, welchen ein natür- 
licher Rifs in eine östliche gröfsere und eine westliche kleinere Hälfte spaltet, ist 
oben durch Menschenhand geglättet. Auf die kleinere Platte fahren sieben in den 
Stein gehauene Stufen, welche jetzt von Gebüsch umwuchert und zum Theil verdeckt 
sind; ebenso ersteigt man die gröfsere Plattform auf sieben sehr langen Stufen und steht 
oben fast unmittelbar vor einer rechteckigen Vertiefung (2,08 lg., 0,90 br., etwa 1,00 tief) 
im Felsen, welche regelmäfsige Linien umziehen, und in deren Nähe kleine viereckige 
Höhlungen sich befinden. An der südlichen Seite ist eine wohl durch Absturz vermin- 
derte Zerklüftung im Felsen, deren Boden, nunmehr nur ein kleines Stuck, geglättet ist, 
und an deren einer Seite zwei Stufen oder Sitze vorhanden sind. 

Vor dieser merkwürdigen Anlage d. h. im Norden befindet sich eine geebnete 
Fläche, westlich durch eine gerade Reihe von Felszacken begränzt, welche an einigen 
Stellen zu Steinlagern ausgearbeitet sind. Unterhalb derselben befindet sich ein gröfserer 
geebneter Raum, von Gebüsch bestanden. An jene natürliche Schranke schliefst sich im 
rechten Winkel eine Flucht aus der Erde ragender Steine von etwa 1,50 Breite, welche 
mit dem Felsen parallel sich ungefähr 15 M. weit hinziehen und sich nach einer leisen 
Einbiegung da verlieren, wo die Fläche sich nach Osten zum jenseitigen Sattel hinab- 
senkt; auch hier sind unterhalb noch einige Stufen im Boden zu erkennen. Wiederum 
mit jenem Zuge parallel läuft eine Reihe von Steinen, welche eine Seite des erwähnten 
Wegstückes einzufassen scheinen. Einige Steine deuten noch auf eine Querschranke, von 
dem langen Mauerzuge auf den Rifs des Felsens gerichtet. In der so entstehenden 
kleineren westlichen Hälfte befindet sich eine Einsenkung im Boden, welche auf eine 
runde Anlage, etwa einen Wasserbehälter deutet^). 

Diese Felskuppe blickt mitten über die Hauptschlucht des Baches hinaus, dem 
Pagus von Smyrna gerade entgegen; von ihr überschaut man den Hafen, die Stadtebene 
drüben und die Küste weit hinunter. Vom jenseitigen Ufer gesehen bietet der Punkt 
zunächst nichts Auffälliges, — einmal auf ihn aufmerksam geworden erblickt man ihn 
stets wie in engster Zusammengehörigkeit mit der höchsten Spitze, deren Rücken wie 
eine scharfe Schneide sich anscheinend unmittelbar an ihn ansetzt, und zu welcher er wie 
ein Vorspiel, wie ein Vorwerk zur Veste erscheint. Wie die geglättete Plattform noch 
ausgestattet war, ob die Vertiefung etwa ein Grab gewesen sei, und ob so die Stätte auch 
noch eine heilige Bedeutung gehabt habe, alles dies scheint sich bis jetzt einer sicheren 
Entscheidung zu entziehen. (Siehe T. IV *Warte' und T. VI, 4.) 



77 

Ein kleiner Sattel geleitet znm Abhang der Haupthdfae, sn welcher der kürzeste 
und steilBte Weg auf der Schneide des Rückens emporführt, doch ist es kanm' weniger 
mfihsam, Ton einer der seitlichen Schlachten hinanfzuklimmen. Keine Pfadspar fahrt 
zwischen das lose Geroll hindurch, hfiafig tritt der nackte Fels za Tage, wie bemerkt, 
ein wei£ser Trachyttuff oder Trachyt, der einen ziemlich regelm&fsigen and so oft irre 
leitenden Brach hat; ein kümmerliches Grün n&hrt sich auf der spärlichen Erdlage. Be- 
sonders steil und beschwerlich ist das letzte Stück der Wanderung, die eigentliche Kuppe, 
welche man auf geradem Wege in 30 Minuten erreicht. Hier sind die Mauerreste, welche 
von den Smyrn&em als Tantalosburg bezeichnet werden (s. den Plan T. lY). Das Plateau, 
kaum 50 M. lang, weniger noch breit, ist jetzt zum gröfseren Theile mit einer Erdschicht 
bedeckt, aus welcher die Bausteine nur wenig hervorragen. Südlich wird es durch einen 
jfihen Absturz geschützt, westlich ist der Aufgang absichtlich erschwert durch Bearbeitung 
des Felsens, welcher dabei zugleich Baumaterial lieferte; nach demselben System ist im 
Norden, wo sich an die Spitze zunächst ein kleines ebenes Terrain anschliefst, ein langer 
und breiter Graben in den Fels getrieben, welcher jetzt von herabgestürzten Steinen fast 
gefüllt ist. An seiner äuTsem Seite zog sich noch eine Mauer entlang, an seiner Innern 
entstand eine steile Felswand, welche ein schöner Mauerrest noch, nach oben hin fortsetzt. 
Dieser Zug und der andere hier an der nördlichen Seite bestehen aus regelmäfsigen 
schiefwinkligen und rechteckigen Quadern (z. B. 1,11 lg., 0,82 hoch, 0,70 br.), welche 
meist nur noch in einer Schicht erhalten und theilweise im natürlichen Felsen gebettet 
sind. Im Osten ist in einem flachen und nicht kurzen Sattel, welcher zu der zweiten, 
weniger ausgebildeten Erhebung führt, ein natürlicher Vorraum gegeben: hier zieht sich 
von der abgeböschten Nordostecke an eine kyklopische Mauer etwa 37 M. entlang, in 
deren unterem Theile sich der einzige noch wahrnehmbare Eingang befindet, eine kleine, 
1,17 breite Pforte, ans überkragenden Steinen gebildet, und, entsprechend einer zweifachen 
Thorwand, von zwei gewaltigen Steinbalken (1,55 und 1,98 lang, 0,92 und 0,76 hoch, 
0,43 und 0,55 breit) hinter einander überdeckt. 

Von der Südostecke zieht sich dann ein Stück Mauer hinunter, deren Richtung 
eine bearbeitete Felswand noch mehr als 15 M. fortsetzt. Der ganze Torraum ist von 
heral^estürzten Steinen bedeckt, doch unterscheidet man noch ohne Mühe den Rest von 
zwei unteren, vielleicht nur zur Terrassierung bestimmten Mauerzügen. Gleich hinter 
dem Thore thürmen sich Steinhaufen und Erde empor, dergestalt, dafs die Mauer nur einer 
Futtermauer gleicht, was sie an ihrem unteren Theile wohl aoch im Alterthume war. 
Die auf der Zeichnung angedeutete Vertiefung ist ganz mit Steinen gefüllt<^); die beiden 
runden Einsenkungen deuten wohl auf Wasserbehälter, welche jeder Burg unerläfslich 
sind und durch eine auisen gelegene Cisteme, wie der Graben es zugleich gewesen sein 
mag« nicht ersetzt werden konnten. Die Grundmauern, welche sich innerhalb der Burg 
finden, bestehen aus Quadersteinen. Der Verein von Quaderbau, polygonalem und kyklo- 
pischem ist auffallend, steht aber nicht vereinzelt da, und ist oft gewifs nicht auf späteren 
Aasbau als vielmehr auf eine erhöhete Sorgsamkeit zurückzufahren, welche man einzelnen 
Theilen aus irgend einem Grunde angedeihen liefs^); Futtermauern aber, und eine solche 
ist die vordere Mauer in ihrem unteren Theile, wurden sehr lange Zeit hindurch aus 
unbehauenen Steinen ohne Bindemittel erbaut.^) 

Soweit sich erkennen läfst, folgt der Zug der Mauern genau dem Umrisse des 



78 

kleinen Plateaus, indem er sich jragleich den Formen der einseinen Felsen aaf das engste 
anschlielst'); eine Erscbeinnng, welche sich bei den meisten Bergresten des Alterthoms 
wiederholt. Von dieser Burg blickt man nach allen Richtungen frei und ungehindert, 
Niemand kann von irgend einer Seite nahen, weder zu Wasser noch zu Lande, ohne von 
dieser Warte aus sogleich bemerkt zu werden. 

Nach Südosten blickend haftet das Auge an einer Kuppe, welche sich Yon dem 
in sanften Wellen abfallenden Zuge leise abhebt Nur der Weg von der eigentlichen 
Spitze hinab ist noch abschussig und beschwerlich, besonders wieder durch das vielfach 
zerstreute Geröll, das jedem Schritte hinderlich ist; dann befindet man sich auf einem 
Terrain, welches fast mehr einem Tafellande, als einer geneigten FUche gleicht, und 
ebenfalls mit zahllosen Steinen besfiet ist. Der Felsen blickt allerorts aus dem spärlichen 
Brdreich, und seine regelmfifsige Bruchart verfuhrt auch hier zu der irrthfimlichen An* 
nähme von künstlicher Bearbeitung und von Mauern ^^). Die erwähnte Kuppe, welche 
von der Burg 30 — 36 Minuten entfernt ist, trägt den Bau, welcher als das Grab dea 
Tantal 08 bezeichnet zu werden pflegt. Auf einer runden (Dm. 33,60) fast mannshohen 
Basis, welche aus kleinen Bruchsteinen ohne Bindemittel sorgsam gefugt ist und einst 
durch ein Gesimse abgeschlossen war, erhob sich ein aus Steinen aufgeschütteter Kegel, 
dessen Spitze durch einen steinernen Fhallns gebildet wurde. Texier zerstörte den Kegel 
und fand, nach unserer Beobachtung nicht ganz in der Mitte ^^), eine Grabkammer, 
welche rechteckig und 3,55 lang, 2,17 breit und 2,85 tief ist; durch die überkragenden 
Steine der Seitenwände ist eine Scheinwölbung hergestellt, welche oben durch Deckplatten 
abgeschlossen war; die kurzen Seiten sind senkrecht^'). Um diese Kammer legt sich 
eine runde Ummauerung von 7,00 Durchmesser, um welche sich ein anderer concentrischer 
Kreis zieht, welcher mit der innersten Rundung duroh 8 Mauerriemen, mit der inneren 
Seite der Basis durch 16 verbunden ist. Mit diesem Bau beginnt ein ausgedehntes 
Todtenfeld; aber derselbe ist durch Gröfse und herrschende Lage als ein Hauptgrab aus- 
gezeichnet: schon seine Entfernung von den übrigen dicht zusammengedrängten Anlagen 
derselben Art verräth, dafs man einen besonders bezeichnenden Platz f&r dasselbe suchte. 
Die eigentliche Nekropolis, aus etwa 25 Hügeln bestehend, von welchen unsere Karte 
nur die äufseren Gränzen angeben soll, findet sich auf den mit Geröll übersäeten Ab- 
hängen, die erst in milder, dann entschiedenerer Neigung sich zur Ebene von Bumabat 
hinabziehen. Immer erhob sich auf einem runden, ohne Bindemittel gefugten Unterbau, 
welcher meist im Felsboden fnndamentirt ist, der aus Steinen aufgehäufte Kegel, welchen 
ein Phallus abschlofs. Nicht selten liegen zwei Tumuli dicht beisammen (10, 11 unserer 
Karte), sogar duroh eine Mauer verbunden (bei 16), auch enthält einer derselben (17) 
zwei Gräber ^^). Die Stätte scheint durch ein Erdbeben erschüttert zu sein: der Kegri 
ist zusammengesunken, auch der Unterbau hat nicht selten sehr gelitten, bisweilen ist 
nur ein kleiner kreisrunder Erdwall übrig geblieben (2, 3). Daneben, oft ganz von Erde 
überdeckt, ruhen die Phallen, welche meist aus dem röthlichen Trachjt gebildet sind; 
nur einen bemerkten wir aus weiXsem Kalkstein, kunstvoller als die übrigen. Ihr unteras 
Ende ist vierkantig wie eine Basis und zum Einsetzen in die Spitze des Kegels bestimmt; 
ihre Gröfse steigt von 0,75 bis auf 1,50 M. Das Steingefuge der Unterbauten ist sehr 
mannigfaltig, denn wenn auch zum gröfsten Theile regelmäfsige Polygonqnadem ver- 
wendet sind (z. B. 4, 6, 8| 9, 16)^ so nähert sich doch auch der Bau bisweilen einerseits 



79 

dem kyklopiechen (7), andererseits dem regelm&fsigen Sehichtenbau^*) (5, 17 beide be^ 
sonders wohlerhalten und ausgezeichnet). Nicht viele haben an der Seile einen Eingang 
(17) bei 8 aus Quadern gebildet, welche 1,40 br. 2,46 lg. sind). Die innere Struktur 
besteht nach Texier bisweilen aus Mauerlinien, welche sich um das Grab kreuxen und 
eine besondere Festigkeit verbürgen sollen. Das Orab ist in den mit Eingängen ver- 
sehenen Hügeln eine Kammer: sonst ist es nur bei den völlig zerstörten wahrzunehmen 
und befindet sich in diesen stets unter dem Erdniveau, entweder aus behauenen Steinen 
gebildet oder in den lebendigen Felsen getrieben. Dann zieht sich oben um die Ver- 
tiefung ein Falz, welcher zur Aufnahme der Deckplatten bestimmt war. Die Grube ist 
gewöhnlich etwa 2,00 lang und zieht sich öfter in der Richtung der Lfingenachse ein 
wenig ein. Texier behauptet (S. 252), dafs alle Grfiber von Osten nach Westen orientirt 
seien, bis auf das Tantalusgrab, das nordsfidliche Richtung habe; 10 unserer Karte hat 
indessen z* B. Südwest- Nordost, 11 dagegen Westnordwest- Ostnordost**). 

Unter der Erde liegende Gräber finden sieb südwestlich von diesem Todt^ifelde 
an den Abh&ngen des vorgeschobenen Kaps. Neben einem derselben ist aus dem leben- 
digen Felsen ein Rechteck herausgearbeitet, welches an der einen kurzen Seite zwei flache 
Höhlungen hat, etwa wie zur Aufnahme von Geffifsen. In einem Grabe, welches (durch 
Herrn Spiegelthal) in unserer Gregenwart geöffnet wurde, fanden sich aufser den Gebeinen 
und schlechten Thonscherben ein paar späte Bronzemünzen von Erythrae * ^). Auf spätere 
Benutzung möchte das Grab eines ganz zerstörten Tumnlus schliefsen lassen, das von 
sehr rohen Platten gedeckt war, und in welchem sich ein bronzener Henkel, ein kleines 
gerilltes Thongefäfs und eine kleine Bronzemünze von E^lazomenai, mit dem geflügelten 
Eber, noch vorfanden. 

Reste einer städtischen Ansiedelung, Velche zwischen Burg und Gräbern vor- 
ausgesetzt werden mufs, haben wir auf diesen Abhängen vergeblich gesucht: das Mittel- 
glied zwischen der verfallenen Burg und dem trümmerhaften Gräberfelde ist voll- 
kommen herausgebrochen. Hierin liegt auch die hauptsächliche Schwierigkeit, eine 
annehmbare und passende Deutung fBr die Anlagen zu finden, welche in ihrer fremd- 
artigen Erscheinung wie ein Räthsei vor uns liegen. Texier benennt die Stätte nach dem 
sagenhaften Ort Sipylos, in dem Hanptgrabe erkennt er das von Pausanias (II, 22, 3. V, 
13, 8) erwähnte Grab des Tantalos, in einer kleinen Wassersammlnng in der Nähe des- 
selben den berühmten See Saloe, dessen Durchmesser 100 M. betrage; diesen giebt Ha- 
milton, welcher die Stätte in demselben Jahre (1835) und um dieselbe Zeit besuchte, 
auf 30^ an; ich kann völlige Trockenheit für den September (1871) bezeugen. Freilich ist 
in vulkanischer Umgebung das Hervortreten und Verschwinden von Quellen und Seen sehr 
wechselnden Umständen unterworfen. Das Uebereinstimmende der alten Nachrichten über 
die Sipylosstadt besteht aber darin, dafs diese einem durchgreifenden Gottesgericht unfbrlegen 
sei: der Berg zerreifst, Wasserströme stürzen hervor, und der Sumpfsee Saloe verschlingt 
die Stadt ^7). Immer findet also die grundlichste Zerstörung statt, es meldet nur der Mjthos 
davon, dessen Richtigkeit Strabo aus geschichtlich überlieferten Erdbeben nachzuweisen 
sich bemüht ^^). Dies Alles pafst nicht auf unsere Trümmer. Ueberdies dachte man 
sich, wie es scheint, die sagenhafte Stadt auf der Höhe des Berges, denn sie ist ein 
Buheplatz der Götter ^^), und dies gilt, soviel ich sehe, immer nur von hohen Bergspitzen; 
auch „des Pelops' Thron'* liegt ,9auf dem Gipfel des Berges" (Pausan. Y, 15, 7). Chandler 



80 

und Hamilton sahen daher als das Lokal dieser Sage die suropfreiche Niederung im 
Osten von Magnesia an, wo der Sipylos wie eine steinerne Wand aus der Ebene steil 
emporschiefst ^^). Zwei Stunden von Magnesia befindet sich ein grofseres stagnirendes 
Wasserbecken, welchem man erst in den letzten Jahren eine segensreiche Ablenkung 
verschafft hat; seitwärts von diesem See ist der hohe Felsen durch einen Rifs von oben 
bis auf den Grund gespalten, und zahllose kleinere Zerklüftungen deuten auf die Gewalt 
einer natürlichen Umwälzung. Gerade über dem Wasserspiegel in einer Höhe von 
35 — 40 M. , die man mühsam zwischen wilden Lorbeerbuschen hindurch ersteigt, findet 
sich das berühmte Felsenbild, welches man jetzt als dasjenige der Niobe zu betrachten 
pflegt, das schon im Homer (Ilias XXIV, 614 ff.) beschrieben, auch von den Späteren 
nicht selten erwähnt wird. Anderen schienen die Beschreibungen auf das Werk nicht 
zu passen ^^), und sie ziehen vor, in demselben die Gottermutter zu erkennen, von welcher 
Pausanias sagt, dafs sie im Gebiet der Magneten sich befinde, und dafs über ihr „der 
Thron des Pelops*' sei. Jedenfalls bleibt auch dieses Bild eine Stütze für die Annahme, 
dafs die Alten hierher das Lokal der Sipjlosstadt verlegten, und überdies hat man 
schliefslich das Recht, die Worte des Plinius (II, 205) und des Strabo als ein ausdrück- 
liches Zeugnifs hierfür in Anspruch zu nehmen (s. Anm. 17 u. 18). 

Die Denkmäler vom smyrnäischen Meerbusen stehen aber nicht zusammenhangslos 
da: es ist bemerkt worden, dafs auf keinem Punkt der alten Welt so wie in Lydien die 
Erdhugel als ,.nationale Gräberform'' auftreten ^ ^). Nun sind die mit dem Phallus be- 
krönten Grabhügel bei Smyma die Ausläufer einer ununterbrochenen Kette deutlich er- 
hennbarer Tumuli, welche als die dauerhaftesten Wahrzeichen die uralte Heerstrafse von 
Sardes nach dem westlichen Gestade bald einzeln, meist in Gruppen begleiten, und in 
dem berühmten Gräberfelde südlich vom Gjgäischen See (Mermereh-gol) ihren Abschlufs, 
oder besser ihren Ausgangspunkt finden. Hier zählt man von der sardischen Burghohe 
aus 70 — 80 solcher Anlagen, von welchen ein Theil den smyrnäischen in jeder Einzelheit 
zu entsprechen scheint^'). Der Zusammenhang dieser Ufer mit Tantalus und dem 
lydischen Reiche wird aber auch durch un verächtliche schriftliche Zeugnisse bestätigt: 
einmal gilt Smyrna als eine Tantalidengründung unter dem Namen Naulochon'^), und 
zugleich wie zum Belege für diese Benennung erzählt Herodot, dafs ein Theil der Lyder, 
durch Hungersnoth zur Auswanderung gezwungen, unter des Tyrsenos Führung nach 
Smyma hinabging, um Schiffe zu bauen für die Ausfahrt ^^). Zu einem Haupthafen für 
das Binnenland war aber dieser Ort in vielfacher Beziehung vorzüglich geeignet. Der 
Gk>lf von Smyrna mufs durch seine überaus günstige Lage und seine grofse Sicherheit 
von Alters her zu SchiffTahrt und Handel angeregt haben; zwei bequeme Wege führen 
von hier in das Innere, der eine durch das Hermosthai, der andere, für dessen uralte 
Benutzung Herodotos Zeugnifs giebt^^), südlich vom Sipylos an Nymphi vorüber. Damals 
zog sich der Golf noch tief hinein in die Ebene von Burnabat, und die Anhöhe gegenüber 
von Hadji Madjor war eine kleine Insel, welche^ so ganz im Stil der ältesten Häfen, sich 
noch schützend vor den Eingang des Naulochon legte. Nach des Strabo Erzählung 
fanden die Städte gründenden Griechen hier, wie auch sonst häufig, eine ältere Ansiede- 
lung der Leleger vor, deren sie sich unter Kämpfen bemächtigten. Sie gründen Alt- 
Smyrna ,,ungefähr 20 Stadien'' vom späteren ^^), eine Entfernung, welche etwa auf den 
Fttls der Berge um Burnabat führt. Von hier ist die Ersteigung des Burgberges verhält- 



81 

nlfsmfifiBig am leichtesten, and es ist glaublich, dafs sie denselben als Teste beibehielten: 
denn wenn auch entfernt, war er doch an dieser Seite der Bucht der günstigste Punkt. 
Die Smyrnäer unterliegen dann den Angriffen des Aljattes (627)^^) und wohnen nach 
der Zerstörung ihrer Stadt mehrere Jahrhunderte lang in kleine Gemeinden aufgelost, bis 
sie unter Alexanders Nachfolgern in die bequeme Niederung unter dem Pagus, ihrer 
neuen AkropoUs, übergesiedelt werden. So yerodete das jenseitige unwirthliche Gestade, 
und gewifs ist es grofsentheils diesem Umstände zu danken, dafs so wichtige historisch» 
Zeugnisse, wie die Werke der filteren Bewohner es sind, uns bis heute erhalten blieben, 
wfihrend von dem hellenischen alten und neuen Smjma nicht viele Reste vorhanden sind^^). 

Anmerkungen. 

^) Plinins bist. nat. Y, 118 Zmjrna montes Asiae nobilissimi in hoc tractu 

fere explicant se. Mastusia (Taehtalü'dagh)^ a tergo Zmymae et Termetis, Olympi radi- 
cibus junctis in Dracone (Mahmudrdagh) desinit, Draco in Tmolo (Boz-dagh)^ Tmolus in 
Cadmo, ille in Tauro. Vgl. die Uebersichtskarte. 

*) Arundel, Asia Minor II 363. W. J. Hamilton Researches in Asia Minor, Pontus 
and Armenia (London 1842) 1 51 ff. Bekanntlich gilt sonst der Flufs für den Meles, 
der südlich von Smyma entspringt, den Pagus umfliefst und oberhalb der Stadt in den 
Oolf fällt. Diese Annahme scheint mir wegen der Entfernung des anderen Baches auch 
wahrscheinlicher: Plin. Y, 118 Zmyma amne Melete gaudens non procul orto. Die Heil- 
kraft des Meles C. I. O. II, 3165. 

') Texier, ddscription de l'Asie mineure (Paris 1839—1849 3 voll.) II S. 249—260 
und Taf. 129 — 131 bis. Bei der Bedeutung, welche dieses Werk als einzige Quelle für 
viele Angaben vielleicht noch auf lange Zeit behalten mufs, hat man geglaubt mit diesem 
Urtheile nicht zurückhalten zu dürfen. Dasselbe ist für die meisten anderen Abschnitte 
des Werkes um so gravierender, als der Yerfasser nach eigener Angabe gerade bei 
Smyma durch die bereitwillige Hülfe franzosischer Marine unterstützt wurde. Wem die 
angegebenen Yersehen und einige noch anzuführende unglaublich vorkommen, der möge 
nur die Zeichnung des bekannten Felsenbildes bei Nymphi (II Taf. 132) mit der 
Saepertschen (Archaol. Zeitung 1843 Taf. II) vergleichen. 

*) Die Bahnlinie der Sm3rma-Kassaba- Eisenbahn bot die passendste Basis dar. 
Wir mafsen eine Linie von ungefähr 500 m^tres im Auschlufs an die Telegraphenstangen 
und zogen auf der Tafel zunächst von den zwei Endpunkten Richtungslinien nach etwa 
20 bezeichnenden Punkten, welche zur Controlle von zwei Zwischenstationen aus noch 
einmal visiert wurden. Einige Winkel wurden noch mit einer Schmalkalderschen Patent- 
bussole bestimmt, welche Herr von Mollhausen in Smyma uns zur Yerfügung stellte. 
So waren die Richtungen und Yerh&ltnisse fest gelegt, dann wurde abgeschritten und 
croquiert und endlich um das so entstandene Gerippe von mehreren Höhen aus die Formen 
des Terrains angelegt. Die höchste Spitze ist auf der englischen Seekarte zu 1246' 
bestimmt; da durch solche Angaben die Anschaulichkeit bedeutend gewinnt, so wurden 
noch einige andere Höhen mit einem ebenfalls von Herrn von Möllhausen entlehnten 
Theodoliten gemessen. 

^) Diese Anlage scheint bisher nur von Texier (S. 260) bemerkt zu sein, welcher 
sie im Znsammenhang mit seiner ganzen Hypothese für den „Thron des Pelops" h&It 
(Pausan. Y, 13, 7); aber er hat dieselbe entweder zu sp&t oder nur aus grofser Höhe 
gesehen, da er sie in seine Karte nicht eingetragen hat und sie nur ganz beilfiufig er- 
w&hnt; obenein mit falscher Angabe der Richtung, Westnordwest von der Spitze aus 
statt Südwest * 

*) Dies ist wohl Texiers (S. 254) couhtB oblique^ in welchem er einen Brunnen 
vorfand: ^^sans doute le puUs de quelque oraele^l 

^) Bekannt ist die Erscheinung in Mykenai (exp^dition de la Moree II Taf. 64 65), 
wo nur am Haupteingange der gewaltige Quaderbau auftritt Merkwürdig ist in dieser 

Äbh. dtr philoB.'histar. Kl. 1872. Nr. 1. 11 



82 

Beziehnng auf der Intel Aegina unterhalb des Oroe die Mauer der Terrasse, welche einst 
das Heiligthum der Artemis Aphaea (Pausan. 11 30, 3) trug, jetzt eme verfiülende Kapelle 
des Erzengels Michael: an der Ecke Quadern, dann regelmäfsiger Polygonalbau, endlich 
Anhäufung der Steine, wie sie brechen; allerdings bricht das Material, ebenfalls Trachyt, 
ziemlich regelm&fsig. Ein Beispiel h&ufiger Ausbesserung oder Erweiterung scheinen mir 
die von y. Hahn und Ziller aufgedeckten Mauern auf dem Hügel oberhalb Bunarbaschi 
in der Troade, sie geben eine wahre Musterkarte ab von dem schönsten und anscheinend 
ältesten Gefüge bis hinab zum Uederlichsten. Im Allgemeinen war es für den Stil der 
Mauern sicherlich von bestimmendem Einflufs, ob das gerade zugängliche Material sich 
leichter oder schwerer bearbeiten liefs. Vgl. auch Semper, der Stil 11 S. 356 ff. 

^) So Ändet sich eine Terrassenmauer mehr als 60 Schritt lang im Piräus in der 
hippodamischen Stadt. 

^) Bei Texier Taf. 131 bis 2 besteht die Burg aus einem in der Mitte getheilten 
Rechteck; da er Nachgrabungen anstellen konnte (S. 254), so mufs man wenigstens zugeben, 
dafs er vielleicht jetzt wieder verborgene Züge sah. Ich fand unter den Trümmern 
schwarz gefärbte grobe Ziegelstücke und das Fragment eines sehr grofsen von zwei 
Rundleisten umzogene GefäTsrandes aus noch gröberem Thon, in welchen kleine Steinchen 
hineingebacken sind. Texiers Mafse stimmen mit den hier gegebenen (vgl. auch das 
Kärtchen) selten überein, aber ebenso wenig immer mit seinem eigenen Mafsstabe auf den 
Tafeln: z. B. giebt er die Länge der Grundmauer innerhalb der Burg auf 30 M. an, 
nach seinem Mafsstabe sind sie aber kaum 15 M. lang, und in Wahrheit, soweit sie jetzt 
wenigstens sichtbar sind, haben sie auch hiervon nicht einmal die Hälfte. 

i^) Texier hat sehr ausgedehnte Mauerreste, welche sich von der Tantalushöhe bis 
in die Nähe des Grabes erstrecken; auch das am weitesten vorgestreckte Kap des Ge- 
birgszuges trägt bei ihm solche Spuren. Ich kann nur W. J. Hamilton (researches I, 
49) beipflichten, welcher die Ausdehnung der Mauern bei Texier für zu grofs und den 
gröfseren Theil (besser alle) für modern hält. Ihre Lage ist überdies so unrichtig als 
möglich gezeichnet, denn der Hauptzug streicht auf dem gelinden Abhang zwischen Burg 
und Grab auf das Meer zu. Es sind ganz niedrige Züge aus losen Steinen, welche theils 
zu Hürden theils zum Stützen des kostbaren Erdreichs gedient haben können. Auch die 
Höhe jenseits des Baches ist von solchen Mauern überzogen. Dasselbe Urtheil trifft 
übrigens nach Hamilton — uns sind diese Anlagen zufälb'g entgangen — die von Steinen 
umgränzten Räume, in welchen Texier alte Wohnhäuser erkennt („2e< restea (Tun paiais 
pSlopide'' S. 255 Taf. 131, 1). 

^^) Dieselbe Erscheinung findet sich z. B. beim Grabhügel des Aljattes, s. v. Olfers, 
über die lydischen Königsgräber bei Sardes und den Grabhügel des Aljattes, Abhdlgn. 
der Berl. Akad. 1858 S. 547, und beim sogenannten Augehügel nahe von Bergama, s. 
E. Curtius, preufsische Jahrbücher XXIX, S. 11. Dadurch wurde das Auffinden der 
GraJ)kammer, besonders in gröfseren Anlagen, sehr erschwert. — Es ist auffallend, dafs 
Texier ganz verschweigt, ob er in dem Grabe (Taf. 130, 1, 2) etwas gefunden habe. 
In Smyrna sprach man von einem Mosaik am Boden desselben, welchen wir wegen 
der vielen hineingestürzten Steine nicht sehen konnten. 

^*) Wohl bei Texier Taf. 131, 6, aber dann ohne sein Wissen, vgl. seine Erklärung. 

^3) Doppelgipfiich ist der Tumulus bei Bergama, welcher von den dortigen Griechen 
grundlos als Hügel des Pergamos und der Andromache bezeichnet wird (bei Pausan. I, 
11, 2 ein Heroon des Pergamos). Drei Kammern finden sich im Grabhügel der Auge 
und ebenso viele in einer der Anlagen am Gygäischen See, v. Olfers, Abhd. der Berl. 
Akad. 1858 S. 542 f. 

^^) Es ist bemerkenswerth, dafs auch der Grabhügel des Aljattes sowohl an der 
Basis wie in der Grabkammer vollkommen regelmäisigen Schichtenbau aufweist, (vgl. 
Anm. 7) s. v. Olfers, S. 548, Taf. II, 4. lY, 2, die Marmorquadern sind dort durch 
einen bleiernen Schwalbenschwanz verbunden (Taf. III, 4). Dafs mit dem Steinaufsatze 



83 

(a. a. O. Taf. III, 1, 2) ein PhaUus gemeint war, stellt der Verfasser gewifs mit Unrecht 
in Abrede. 

^^) Texier giebt den Darchmesser von 12 Or&bem an, die mit den unsrigen nicht 
identificirt werden konnten; die Zahlen sind 18; 9; 17; 17; 21; 16; 13,80; 32; 21, 
50; 9; 13, 40; 11. Nr. 7 unserer Karte hat einen Durchmesser von 6, 80, also den 
kleinsten; seine Mauerst&rke beträgt 2,00. Die regelmäfsigen Poljgonquadern von Nr. 6 
sind in der untern Lage etwa 0,80 hoch, 0,90 lang. Die Quadern von 17 in zwei oberen 
Lagen etwa 0,70 lang, 0,60 hoch; ein Stein in der unteren 1,54 lang, 0,31 hoch. — Ein 
Phallus bei Texier Taf. 131, 5. Grundrisse von Grfibem Taf. 131, 3, 4. 

1^) 1) *If^a 7v]i/iiXt}roc, Kopf derselben, Qr Tjche in einem viers&uligen Tempel 
stehend im ar^arriyoil ^ArraKov c»S[vndTOv vgl. Mionnet suppl^m. VI, 220 Nr. 947. 
2) Stehender Herakles. Br die Kaiserin Salonina 'E^vd^iujv, 

^^) Allgemein Aristoteles, Meteor 11, 8: ra vt^\ XtmjXov aifsr^ditfi, dann Strabo I, 
58 C : XlmiXee HanaTgafpifi xard TavrdXov ßariKilav neu i^ eXotTf Xißifcu iyiuovro. Pausanias 

VII, 24, 13 in einer verderbten Stelle f\ tBia Hartayvi toC o^ov9 (des Sipylos), vBw^ 

tiUToStu WVff, xtc\ XiWv) T9 ivofJLa^ofUimi ^aXoti ro yATfJut Byiyero htX. Aristides I, 372 f. 

Dind. i utau oZif v^srßvruTfi rroXi? iv tw XtirCXuf HTtiarat (372) IhbIpyiu ßiv ovv cd 

fivfjuftm iit^ovrat. Hat vvu irrtv ifipaXog^ vTTiX^ovTa nfy xlfjunffv iZq (partv. Plinius hist. nat. 
V, 117 zfihlt fünf Stfidte auf, welche durch Erdbeben an jener Stelle zu Grrunde gingen, 

ubi nunc est stagnum Säle; wenn er dann fortfährt: regredientibus inde abest — XII p 

Zmyrna, so weifs ich mit dieser Zahl um so weniger anzufangen, als er selber (II § 205) 
sagt: ipsa se comest terra, devoravit .... Sipjlum in Magnesia et prius in eodem 
loco clarissimam urbem quae Tantalis vocabatur. Es ist übrigens unerlaubt, den See 
Saloe (Pausan. VII, 24, 13} mit dem Tantalnssee (Pausan. V, 13, 7, VII, 17, 3) zu 
identificieren. 

^^) Strabo XII, 579 C: x<ii roc mgi 2/irvXoy neu Tr,v dvar^oirriv fxvS'ov oJ Sei Tl^to-^eu* 
xai yao uCu rvjv 'M.(tyvr,0'iav Tr,v vir ceCru) xarißakov a-tia^ol i^vuta xcti Xa^ittg hcu tüov aXXojv 
TttQ iirKpewirraTag fjura no>JM iis^vi iitXviAfii^carro, Es ist ZU beachten, dafs auch hier nur 
von dem östlichen Sipylos die Rede zu sein scheint; dafs der westliche Theil nicht immer 
verschont blieb, beweist unter Anderen Aristides XV. 

^») Aristides I, 372 Dind., vgl. auch Quint Smjrn. I, 291 fif. 

*^) Chandler travels I, 207. Hamilton researches I, 50. Vgl. besonders K. B. Stark, 
Niobe S. 99 ff. 403 ff. 

'^) Auch diese besonders von englischen Reisenden hervorgehobene Möglichkeit be* 
rncksichtigt Stark a. a. O. S. 105 ff. Verehrung der Göttermutter in jenem Gebiete 
S. 413 ff. Religiöser Charakter des Niobebildes S. 439 ff. In einer senkrecht bearbeiteten 
Felswand, die nach Norden blickt, ist eine Nische, in welche man bequem von beiden 
Seiten hineintreten kann. Das mittlere Stuck wird von einem viereckigen Untersatz ein- 
genommen, auf welchem erst der eigentliche Sessel sich erhebt mit einer Rficklehne, 
welche zu beiden Seiten mit symmetrischer Biegung hervortritt. Hier sitzt die unge- 
schickte Felsfigur, die Fufse anscheinend auf eine Fufsbank gesetzt, den Oberkörper 
vorbeugend, die Armstumpfe auf die deutlich erkennbaren Brüste gerichtet, mit geneigtem 
Haupte, das hinten mit dem Felsen zusammenhängt und jetzt nur eine unförmliche Run- 
dung bildet. — Pausanias III, 22, 4 nennt als das allerfilteste Bild der Göttermutter 
dasjenige im Gebiet des Magneten eiri KoBBluov tfIt^^; hierauf glaube ich auch V, 13, 7 
beziehen zu dürfen: niXotro^ S\ iv SuruA^ luv t^vog i» hoov^^ too odovq imv Cifm^ Tvjg 
UXaHtavvjf txfjT^oQ ro li^ov. Hiemach lag also doch jenes Heiligthum dem Lokale 
der Sipjlosstadt nahe. Was dann folgt, ^taßdvn it "E^imv norcqxov *A(p^oSiTvi9 ayttXixa h 
TfiiAi/uj zwingt meiner Ansicht nach, Temnos, das man bei Menimen sucht, an das rechte 
Hermosufer zu setzen, Magnesia schrfig, nach Westen, gegenQber. Pausanias spricht als 
Ortskundiger, wahrscheinlich als Eingeborener, und hier ist Strabo mit ihm durchaus in 
Uebereinstimmung, welcher von Aigai und Temnos sagt: ovx airw^Mv Si tovtwu twu voXMoitp 
ovB* ij MceyinffTta irrw ij uiro SiiruXa;, XIH 621 C. 

ir 



84 

*') E. Cortias, Artemis Gygaia und die lydisehen Fürstengrftber, archfiol. Zeitung 
1853 S. 148 ff. V, Olfers, Abhdl. der Berl. Akad. 1858 S. 539 (s. Anm. 11). 

>>} £. Curtias a. a. O. S. 152. v. Olfers a. a. O. S. 543 Art 1. 

'^) Stephan» Byzant. n. d. W. ^ßv^va v6ki9 *liiovta9 y^v ngturou »Hn^t xcu uistvfvt 
TatrraXog xcu totb fjLsu NavAo^oi/, vrrtgev St ifAV^ua wgoayiyogBV&fi. 

>*) Herodot I, 94. 

'^) Herodot II, 106, vgl. auch in der Einleitong dieses Aufsatzes den Ueberblick 
über das Terrain. 

»^) Strabo XIV, 634, 646 C. 

'^) Doncker, Geschichte des Alterthnms III, 485, fafst die Angriffe des Gyges und 
Alyattes auf die westlichen Gestade als Züge zur Rückeroberung auf. 

'^) Ich halte es nicht fSr unmöglich, dafs die Smyraäer die ihnen fremd gewordenen 
Denkmäler mit der Sage in Verbindung setzten und dafs der Haupthügel schon im 
Alterthum ,,Grab des Tantalus'' (Pausanias II, 22, 3. Y, 13, 7) geheifsen habe. Auch 
kann der Ejs-göl, der bedeutendste See in dieser Gegend, nach Texier 800 M^tres lang, 
200 M. breit, wohl die „X/niPt; Tai/raXoxj" sein (Pausanias Y, 13, 7. YIH, 17, 3). Den 
Weg von Smyma aus zu dem See beschreiben Texier II, 255f. und Hamilton Researches 1 54f. 

G. Hirschfeld. 



Sardes. 

(Tafel V.) 

Auf dem Boden von Sardes sind keine Entdeckungen gemacht worden, wie in 
Ephesos; hier liegen die Ueberreste eines hohen Alterthums uns nicht in so grofsartigem 
Zusammenhange vor Augen, wie in 'Alt-Smyma*; hier können wir auch nicht solche Re- 
sultate sorgfältiger Lokaluntersuchungen bieten, wie wir sie in Pergamon dem dortigen 
Architekten verdanken. Wir wollen also die Skizze von Sardes nur mit kurzen Erl&u- 
terungen begleiten. Sie hat wenigstens das Yerdienst, dafs sie von einem Centralpunkte 
der alten Geschichte die erste zuverlässige Darstellung giebt, und sie wird um so will- 
kommener sein, da das Lokal von Sardes voraussichtlich bald der Gegenstand einer be- 
sonderen Aufmerksamkeit sein wird. Denn die in nächster Zeit beabsichtigte Fortsetzung 
der Eisenbahn, welche jetzt von Smyma aus über Magnesia am Sipjlos bis Elassaba 
reicht, wird, das Hermosthai aufwärts gehend, das Stadtlokal von Sardes schneiden, und 
die mancherlei Entdeckungen, welche schon in Folge der vorbereitenden Erdarbeiten zu 
erwarten sind, werden das Interesse mehr als früher auf Sardes und seine Umgebung 
lenken, von welcher bisher nur die Fnrstengräber am gjgäischen See genauer erforscht 
worden sind (vgl. Arch. Zeitung 1853 S. 148 und Abhandlungen der Ak. d. Wiss. 1858). 

Dem mächtigen Gebirgszuge des Tmolos, welcher das Hermosthai im Süden be- 
gränzt, läuft ein niedrigerer Höhenzug parallel, welcher, von Nebenflüssen des Hermos 
durchbrochen, mit schroffen Wänden unmittelbar zur Niederung abfUlt Yon diesem 
Höhenzuge springt ein Gipfel vor, welcher mehr als alle anderen geeignet war, der be- 
herrschende Mittelpunkt des Hermosthals zu werden. Es ist der Gipfel eines Bergrückens, 



85 

welcher, wie die Skixase zeigt , Ton SO nach NW gegen die Ebene Torspringt^ etwa 
200 Meter hoch nnd wie die pergameniBche Barghöhe von swei tief eingeachnittenen 
Flufsth&lem im Weaten und im Oaten eingefafst Tafel Y, 3 zeigt ihn von der Nordseite, 
T. VI, 3 von Westen. 

Der Berg besteht, wie die ganze Yorderreihe des Tmolos, aas einem bröeklichten 
Gonglomerat. Daher die ausgezackten Umrisse, auf welche sich der alte Namen Prion 
bezieht (S. 2), und die zinnenartigen, zum Theil nadelformig emporragenden Spitzen. 
Durch den ununterbrochen fortschreitenden Prozefs der Ausspülung und Yerwitterung, 
sowie durch Erderschütterungen ist die ursprüngliche Gestalt des Berges wesentlich ver* 
findert und neue Erschütterungen können leicht den Ueberrest der alten Krososburg gänzlich 
herabstürzen. Schon jetzt ist der FuTs derselben mit dem Schutte des herabgebrockelten 
Oesteins überdeckt und oben bei n sieht man einen Durchstich oder Tunnel (auf der 
Skizze als Poterne bezeichnet), welcher jetzt über einem jShen Abstürze mündet. Noch 
heute ist der langgestreckte Kamm aber wie in alter Zeit so beschaffen, dafs er, von den 
beiden Flufsseiten unerstei^ch, nur von SW durch den Sattel, welcher die Burghohe 
mit dem hinteren Gebirge verbindet, einen Zugang darbietet Man erklimmt erst den 
Yorberg p und dann durch eine Senkung die eigentliche Hochburg o. Die Ueberreste 
der Burgmauer zeigen, wo sie sich noch am Rande gehalten haben, ein bunt zusammen- 
gerafftes Baumaterial; was hier noch von alter Gründung vorhanden sein mag, kann nur 
durch sorgfältigere Untersuchung festgestellt werden. 

Die westliche Thalschlucht ist die der Burg nfihere, das Bett des Sard-schai, 
das Thal der Tempelruine; es ist das Hanptthal des Stadtgebiets, in welchem wir den 
Paktolos erkennen dürfen. 

Der ostliche Bach erscheint noch wasserreicher; doch fliefst er nicht in seinem 
natürlichen Bette,* sondern ist in einem Kanäle am Bande des Burgbergs hingeleitet und 
treibt die Mühle, welche auf dem Plane angegeben ist Ko\jr^ovoratM nannte ihn der 
griechische Begleiter, der Inhaber des an der Strafse gelegenen, einsamen Eaffehauses, 
(6) der eingeborene Perieget von Sardes, und zeigte uns am Gebirge eine hochragende 
Pappelgrnppe, wo die Quelle des Mühlbachs ihren Ursprung habe. 

Damach gliedert sich das ganze Stadtgebiet aulser der Berghohe in drei Theile. 
Der eine umfafst den ostlichen Abhang, der in breiten Stufen zum Mühlbach abfEQlt, zweitens 
den westlichen Abhang, welcher sich zu dem breiteren Paktolosthale senkt, nnd dritten» 
die Anlagen am Nordfufse der Burg, wo die in ihrer Lage gewifs unveränderte Heerstrafse 
beide Bäche schneidet 

Sardes war eine echte Dynastenstadt Sie war berechnet, im nahen Anschlüsse 
an die mächtige Priesterschaft der Eybele dem Herrscherhause einen unbezwinglichen 
Waffenplatz zu sichern, um von hier das goldreiche Paktolosthal, die unerschöpflich reiche 
Hermosniedernng und die Earavanenstrafse zu beherrschen. Die Prachtbauten des Hofes 
erstreckten sich von der engen Hochburg auf die Terrassen der Ostseite, während das 
bürgerliche Geschäftsleben am unteren Paktolos seinen Sitz hatte, wo er die Handel- 
strabe schneidet Hier war der. groDse Marktplatz, vom Paktolos durchflössen (wie der 
pergamenische Markt vom Selinus), in der Mitte der gewerbtreibenden Bevölkerung ge- 
legen, welche zur Zeit der Mermnaden eine offene Unterstadt bildeten und in Bohrgezeiten 
oder in rohrgedeckten Backsteinhäusem den Fnfs der Herrenburg umgaben. Die Hütten 



86 

des Marktfroikes reichten den Paktoloe anfw&rts bis in die N&he der Priesterwohnmigen 
und an den Tempel hinao^ so dafs auch dieser vom Stadtbrande ergriffen warde^ als die 
lonier Sardes überfielen (Herod. Y, 101). 

An der Nordostseite der Barghöhe zieht sich zwischen dem Eanmie derselben 
und dem Mühlbache, beiden ungefähr parallel, eine Terrasse entlang, welche eine Reihe 
der bedeutendsten Bauanlagen trug, dem Bache zunftchst eine halbkreisförmige Anlage 
(m), welche einem Odeion gleicht; dann bei l die Substruktionen einer besonderen Terrasse; 
endlich in derselben Flucht die einzigen deutlicher zu erkennenden Buinen, die zusammen» 
hfingende Gruppe des Theaters (g) und Stadions (A). Yon diesen Bauten sagt Adler in 
der deutschen Bauzeitnng 1872 S. 43. ^£s ist in römischer Weise erbaut; der Durch* 
^messer betrfigt 126 M. Oben war eine Sfiulenhalle, in halber Höhe ein Mittelgang; die 
jyPlatzeinrichtnng ist der Yerschnttung wegen unkenntlich geworden. Die beiden Stim- 
^mauern zeigen OuTsmauerwerk mit Marmorquadem bekleidet. Die Schichtenteohnik der 
^unteren Quaderreihen spricht für einen Neubau des dritten Jahrhunderts ans der Zeit 
^der Attaliden. Die oberen minder sorgfKldg bearbeiteten Quaderschichten lassen mehr« 
^fache und nachlässige Ausbesserungen erkennen. Zu den Füfsen des Theaters und der 
^Histerfront seines Skenengebäudes unmittelbar angeschlossen liegt das Stadion mit der 
^richtigen L&nge yon ca. 190 M. Seine L&ngsaxe ist von SO nach NW gerichtet; die 
flinke Sitzreihe ist in das abgeschrägte Terrain eingeschnitten, die rechte ruht auf winkel* 
^recht gestellten rnndbogigen Tonnengewölben römischer Technik. Die Hanptwiederher- 
^Stellung ist nach dem grolsem Erdbeben in Tiberius' Zeit erfolgt, wie Tortreffliche ältere 
^Baustucke erkennen lassen, die zu dem GnÜBmörtelbau verwendet worden sind.^ 

Die merkwürdigsten Ueberreste finden sich nördlich vom Stadion (»), wo aus 
dem Schutte die Trfimmer einer alten Befestigungsanlage hervorragen, welche wie eine 
Art Pelasgikon den Burgabhang eingefafst haben mufs (Tafel Y, 2). 

„Zwei ans grofsen Quadern hergestellte Rundbogenthore. von SO nach NW ge* 
,)riehtet, nach einer schrägen Axe geordnet. Das untere Thor ist bis zu den mächtigen, 
,,nur aus einer unterwärts abgeschrägten Platte bestehenden Kämpfern verschüttet; der 
„obere Thorgang ist bis zu 1 M. unter dem Scheitel in der Erde begraben. Die Bogen- 
„spannungen sind klein (2,15), aber die Oröfse der Quadern, die Strenge der Kämpfer, 
„die treffliche Technik bezeugen eine frühe Bauzeit. Yon der starken Mauer, zu welcher 
„das Doppelthor den Zugang eröffnete, sind noch Quaderdoppelreihen vorhanden und auf 
„beträchtliche Strecken verfolgbar.^ 

Die anderen Ueberreste auf diesen Terrassen gehören durchaus späterer Zeit; so 
die oberhalb der von Platanen beschatteten Mühle stehenden fünf Pfeiler. „Grofse Mar- 
„morquädem, ionische Architravblöcke, kannelirte Säulentrommeln, korinthische Kapitelle* 
„Alles ist bunt dnrcheinader gepackt Die Orientirung nach N0> in welcher Bichtung 
„auch eine Apsis gestanden zu haben scheint. Die Länge beträgt 33 M., die Breite 
„15 M. Auch hier sind die Pfeiler unten aus Marmorstücken, die Gewölbeansätze ans 
„Backsteinen construirt Die Fa^adenreste zeigen die spätest- römische Technik; vier 
„Ziegelschichten wechselnd mit einer Bruchsteinschicht. Das Ganze ist der Rest einer 
„aus antiken Trümmern liederlich zusammengesetzten, einschiffigen gewölbten altchrist- 
„liehen Kirche. Unter den verwendeten Bruchstücken sind werth volle, wenn auch spät- 
„römische Strukturtheile vorhanden.^ 



87 

Jenseits des Mohlbachs breitet sich eine Niederung aus, welche, im Rucken von 
demselben begrfinzt, nördlich gegen die Heerstrafse ausgedehnt ist, in der Mitte die Ruine 
(e) 80 Schritt von der Strafse entfernt. ,,£s sind die Trümmer eines zur christlichen 
„Kirche umgestalteten antiken Gebäudes. Deutlich erkennbar ist ein oblonger gewölbter 
„Saal, an seinen kurzen Seiten mit Halbkreistribünen begrfinzt Die Mafse sind beträcht- 
„lich, 17 M. Breite und 61 M. Länge mit AusschluIiB der Tribnnennischen, deren Spannung 
„fast 13 M. beträgt Die Langseiten sind völlig durchbrochen, so dafo der Raum ähnlich 
„wie die Maxentiusbasilika auf 8 Pfeilern ruht Die 7,50 starken Pfeiler sind aus grofsen 
„Marmorquadem erbaut; über ihren ionischen Antenkämpfem folgen Backsteinschichten. 
„Erhaltene Ansatzspuren verrathen die frühere Existenz von Tonnengewölben mit grofsen 
„Seitenstichkappen; Seitenschiffe waren nicht vorhanden, doch befanden sich 8 M. breite 
„Portiken vor der Front und BQnterseite. BQnter der letzteren zeigt sich das Terrain 
„um 3 M. künstlich vertieft und breit umwallt, so dafs wahrscheinlich in dem Räume der 
„Hauptsaal eines Gymnasiums und in dem grofseren vertieften Platze die Palästra des- 
„selben zu erkennen ist. 

Die Nordgränze des Stadtgebiets bildet ein unmittelbar zur grofsen Ebene ab- 
fallender, von W. nach O. gestreckter Damm und weiter ostwärts zwei platte Hügel, 
zwischen denen die StraTise hindurchgeht; sie sind aus dem Schutte untergegangener Back- 
steingebäude entstanden oder wenigstens dadurch erhöht (d). Der Damm macht den Eindruck 
eines künstlichen Aufwurfs, der die Stadt von der Nordseito schützen sollte. Ansehnliche 
Hauerreste finden sich am äulseren Rande und der Mühlbach zieht sich wie ein Stadt- 
graben vor demselben hin. Ai^f der breiten Oberfläche des Damms standen alte Gebäude, 
von denen namentlich der aus grofsen Marmorquadem wohl gefugte Unterbau eines 
Tempels (q) übrig ist mit zwei benachbarten grofseren, aus Bruchsteinen und Ziegeln be- 
stehenden Ruinen, welche als die aus dem Palaste des Kroisos entstandene *Gerusia' an- 
gesehen zu werden pflegen (Vitruv. p. 49, 14 ed. Rose und Plin. 35, 172). 

Diese Ruinenstätte ist vor Allem einer genaueren Erforschung würdig und ebenso 
die Spuren eines alten Thors bei «, welches den Weg nach Kassaba schneidet, und die 
nördlich von dem Weg gelegenen, an beiden Uferrändern sichtbaren Landpfeiler einer 
alten Paktolosbrücke. 

Endlich der wichtigste Punkt in Sardes, die Stätte des Ejbeletempels am Pakto- 
los bei f, dessen Untermauerung gewifs als das älteste der in Sardes vorhandenen Werke 
der Vorzeit gelten darf. Die unmittelbare Verbindung, in welcher das Heiligthum mit 
dem Paktolos erwähnt wird (Soph. Phil. 391) läfist an der Benennung der Ruine nicht 
zweifeln, welche 100 Schritt vom Rande des Flufsbetts entfernt ist. 

Adler sagt darüber a. a. O. „Drei bis fünf Meter liegen die Trümmer ver- 
„schüttet; zwei Säulen mit kräftigen Volutencapitellen ragen noch aufwärts; andere liegen 
„daneben, in Trommeln zerspellt, wie das Erdbeben sie niederwarf. Die Zerstörung ist 
„seit 170 Jahren weit vorgeschritten. Bei Ghandlers Besuch 1764 standen noch 5 Säulen 
„aufrecht, selbst ein Architravstein ruhte deckend und festigend darüber. In GhishuU's 
„Zeit 1699 war sogar noch die Hauptthür zum Naos vorhanden; ihr kolossaler Deckstein 
„erregte sein Erstaunen. Und noch jetzt imponiren die Trümmer trotz aller Verschleppung 
„und Verschüttung durch den grofsen Mafsstab, in dem sie gearbeitet sind. Der nach 
),NNO orientirte Bau war ein achtsäuliger ionischer Dipteros; der untere Säulendurch- 



88 



^messer beträgt 2 Meter, die Axenentfiemimg 5,20; die Kannelüren, 24 an der Zahl, sind 
„nur lehrenartig am An- und Ablaufe vorgearbeitet, aber nie yollendet worden. Voll- 
„ständig fertig gearbeitet erscheinen die weit ausladenden und höchst wirkungsvollen 
„Kapitelle. Ihre Schwere entspricht der der Kapitelle von Priene, doch sind die mit 4 
„Kehlen (darunter swei schuppenbelegte Balteusgurte) versehenen Seitenansichten reicher 
„geschmückt, als die entsprechenden jener Kapitelle. Das Schneckenange bildet einen 
„stark vorspringenden Knopf; eine flache Rose steht in der Frontmitte der volutirten Fasda 
„und wird in seltsamer Weise von zwei füUhomartigen Kelchen umrahmt. Die doppelten 
„Ferienschnure der Balteusgurte sind in Voluten beendigt und tragen zierlich gemeifselte 
„Palmetten. In allen diesen Details so wie an anderen, welche von den Epistylien und 
„den Kranzgesimsen herrühren, wird der Charakter einer sp£t hellenistischen Epoche 
„erkennbar. Es ist zu bedauern, dafs Texier von den interessanten Details keine Abbil- 
„dung gegeben; die bei Ghesnej mitgetheilten sind nicht ganz zuverlässig. Das Material 



^ist ein grobblättriger, weifser, hie und da blaugrau gef&rbter Marmor.^ 



89 



Erörterungen über die Terrainskizzen und Ansichten nebst 

Verzeichnifs der Tafebi. 



Die in den beigegebenen Lithographien niedergelegten Situationsdarstellungen ent- 
stammen hauptsächlich Aufzeichnungen, welche Ton dem Major Regelj, der laut Aller- 
höchsten Kaiserlichen Befehls den Professor Curtius auf der Reise nach Klein- Asien und 
Athen begleitete, an Ort und Stelle angefertigt worden sind. 

Es ist für diese topographischen Darstellungen der Name ^ Skizzen^ gewühlt 
worden, da ihnen eine, bis in's Detail herab, streng durchgeführte, genaue instrumentale 
Aufoahme ermangelt, die bei der Kfirze der zu Gebote gestellt gewesenen Zeit, welche 
sich für einzelne Terrains auf wenige Stunden beschränkte , nicht zu bewerkstelligen war. 

Wenn im Speciellen also diese Aufzeichnungen (Croquis) nur nach dem Augen- 
maafse (k coup d'oeil) ausgeführt worden sind, so liegt ihnen doch mehr oder weniger, 
zu genauerer Fixirung der Hauptpunkte, eine kleine geometrische Netzlegung (graphische 
Triangulation) zu Grunde. 

Diese wurde gestutzt auf eine, an geeigneter Stelle in den Terrains in ca. 400 M. 
(500 Schritt) Länge scharf abgesteckte, sorgsam abgemessene und durch wiederholtes Ab- 
schreiten genau verificirte Standlinie. Vermittelst eines einfachen sehr portativen Feld- 
mefstisches mit Orientirboussole und Diopterlineal wurden dann, von mehreren festgelegten 
Standpunkten aus, die wichtigsten Punkte in der Landschaft, ihrer horizontalen Lage nach, 
bestimmt. Im steileren Berggelände, im unübersichtlichen Terrain^ woselbst der Gebrauch 
des Mefstisches schwieriger war und mindestens Zeitverlust verursacht hätte, mufste eine 
kleine Paten tboussole die nöthigen Dienste leisten. In das auf diese Weise ge- 
wonnene Netz wurde das Detail der Situation (Planimetrie) nach dem Angenmaals, unter- 
stützt durch Abschreiten und Winkelschätzung, eingezeichnet 

Für die Terrainskizze von Ephesos mufste aus naheliegenden Gründen von 
einer genauen Aufnahme der im Artemision etc. stattgehabten Auffindungen abgestanden 
werden, um so mehr als dort die Ausgrabungsarbeiten gerade in vollem Gange waren; 
es konnte nur die Lage des Artemisions selbst angedeutet werden. Einiges nähere De- 
tail über die Reste des Peribolos etc. hat später Herr Dr. Weber aus Smjrna zu liefern 
vermocht, und ist dasselbe bei Ausführung der Skizze in Betracht gezogen worden. Die 
Skizze von Pergamon ist nach einer von dem Ingenieur G. Humann im Verhältnifs 
1:10000 entworfenen Zeichnung topographisch in den Maafsstab 1:20000 umgearbeitet, 
zur Darstellung gelangt 

Bei der Aufnahme der Gegend von Alt-Smyrna standen einige Tage zur Verfü- 
gung; es konnte daher hier etwas umfänglicher und detaillirter verfahren werden, auch 

Äbh. der philos.'hUtor. Kl. 1872. Nr. 1. 12 



90 

wurde es sogar möglich, yermittelst eines aus Smyma entliehenen grofsen Theodolithen, 
die absoluten Höhen der Akropolis, der Warte und des sogenannten Tantalosgrabes zu 
bestimmen. 

Es kann übrigens nicht unerwähnt bleiben, dafs es anfänglich beabsichtigt war 
und angethan schien, für die Darstellung der einzelnen Terrains, etwa yorhandene frühere 
Karten und Aufiiahmen direct zu verwerthen und in Bezug auf Hauptsächliches zu recti- 
ficiren, die selbstständige, Zeit beanspruchende Aufiiahme, aber nur auf die Lokalitäten 
zu erstrecken, von welcher noch keine Zeichnung existirte. Es hat sich aber herausge- 
stellt, dafs die meisten dieser älteren Pläne und selbst die englischen Seekarten landein- 
wärts, so unrichtig sind, dafs eine Verbesserung derselben nicht thunlich und der Entwurf 
eines selbstständigen Croquis am rathsamsten war. 

In ähnlichen Fällen möchte für die Netzlegung der Gebrauch eines kleinen por- 
tativen Theodolithen mit Distancemesser dem des Feldmefstisches noch vorzuziehen sein. 

Den in den beigegebenen Lithographien dargestellten landschaftlichen Ansichten 
von Ephesos und Sardes liegen einige, vom Professor B. Stark angefertigte Umrifsskizzen zu 
Qrunde; sie sind in geändertem Maafsstabe von Künstlerhand in Vollendung gebracht worden. 



i aufgenommen von G. Humann; 



[ aufgenommen von Major Regel j; 



Tafel L Skizze von Ephesos aufgenommen von Major Regely. 
Tafel n, Detailaufnahmen in Ephesos: 

1) Felsheiligthum (Grundrifs) 

2) Westlicher Aufgang (siehe S. 14 und 35). 

3) Stadtquelle (S. 35) nach der Zeichnung Adlers; 

4) Ueberrest des Peribolos (S. 27, 37) nach Aufnahme des Herrn Weber 
in Smjma. 

Tafel in. Skizze von Pergamon nebst Grundrifs und Ansicht des Augehügels und 
Längendurchschnitt des Ganges (S. 53, 55 f.) nach Aufnahme von Herrn C. 
Humann. 

Tafel IV. 1) Skizze von Alt-Smjrna 

2) Grundrifs der dortigen Akropolii 

3) Uebersichtskarte des Golfs von Smjma und des unteren Hermosthals; 

4) Ansicht eines Burgthors (S. 77) nach einer Zeichnung des Herrn Weber. 
Tafel V. 1) Skizze von Sardes aufgenommen von Major Regelj; 

2) Ansicht des Thors am Abhänge der Burg (S. 86) nach einer Zeichnung 
von Adler; 

3) Ansicht von Sardes (Nordabhang der Akropolis und Theater; im Vor» 
dergrunde die Ruine ei) nach einer Zeichnung des Herrn Prof. Dr. Stark, 
aufgenommen vom Hügel d östlich vom Kaffehause. 

Tafel VI. I) Ansicht von Ephesos von Ayassuluk (d. h. vom Südabhange des Kaatell- 

bergs auf den Pion und den dahinterliegenden Ostabhang des Koressos; 
links im Vordergrunde die Moschee Selim) nach einer Skizze von Herrn 
Prof. Stark; 
2) Ephesos vom Odeion (S. 26, 35), links die Abhänge des Koressos; 
weiterhin das alte Athenaion mit dem St Paulsgefängniase (S. 12, 40), 



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im Hintergrunde die Berge jenseits des Kajstros, rechts der Abhang des 
Pion. Nach einer Zeichnung des Herrn Prof. Stark. 

3) Akropolis Ton Sardes (Westabhang), Tom Kybeletempei aus; im Vor- 
grunde die beiden noch stehenden Sfiulen (S. 87), nach einer photographi- 
sehen Aufnahme. 

4) *F eiswarte' von Alt-Smjrna, im Vordergründe die Felsklippe mit ihren 
alten Bearbeitungen (S. 76). Im Hintergrunde jenseits des Golfs der 
Doppelberg bei Yurla (Elazomenai), nach einer Zeichnung von Adler. 



Uebersicht des Inhalts. 



Seite. 
Abhandlung über Ephesos 1 — 34 

Eiilleitung 1—5 

Ephesos bis Kroisos 6 — 16 

bis Alezander 16—23 

bis Octavian 23—27 

Reformen durch Octavian 27 — 30 

die Verbindungslinien im Stadtgebiete 30 — 34 

Erlfiuterungen zu den mitgetheilten Stadtplänen 34 — 88 

I. Zum Stadtplan von Ephesos (von Fr. Adler) 35-^44 

Felsheiligthfimer 35 

Artemision 36 

Stadion und Theater 38 

Odeion .39 

Ringmauer 40 

Gymnasien 41 

Praetorium und Tempelgebände 42 

Grabmäler 43 

II. Zum Stadtplane von Pergamon: 

1) Lokalität und Stadtgeschichte von Pergamon . . . . 45 — 54 

2) Baudenkm&ler von Pergamon (von Fr. Adler) . . . 54 — 61 

3) Pergamenische Inschriften 

a« aus Bergama und Kirk-agatsch 62 — 67 

b. aus Eiissekoei etc. (von H. Geizer) 68 — 73 

III. Zum Stadtplan» von Alt-Smyrna (von G. Hirschfeld): 

Beschreibung der Ruinen 74 — 81 

Anmerkungen 81 — 84 

lY. Zum Stadtplane von Sardes 84 — 88 

Bemerkungen zu den Tafeln 89 — 91 



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